Unterwegs in einem Land, das kollabiert
von Samuel Misteli
Neue Zürcher Zeitung vom 06.10.2025
Inhalt: Reportage über die Folgen der von Donald Trump gestoppten Hilfszahlungen im Südsudan: In dem von Bürgerkrieg, Flucht, Korruption und Nepotismus geprägten Land verließ sich die Regierung hinsichtlich der Versorgung mit Lebensmitteln, Medizin und Infrastruktur auf die internationalen Hilfsorganisationen, 70 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Entsprechend gravierend sind die Folgen dieser Kürzungen; die Regierung scheint das Problem zu ignorieren, obgleich Wut und Verzweiflung in der Bevölkerung steigen.
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Unterwegs in einem Land, das kollabiert
Hilfsorganisationen pumpten Milliarden in den Südsudan. Die Regierung kümmerte sich um nichts. Seit Trump die Hilfe stoppte, versinkt das Land im Elend
Hilfsorganisationen pumpten Milliarden in den Südsudan. Die Regierung kümmerte sich um nichts. Jetzt, wo die Gelder nicht mehr fliessen, versinkt das Land im Elend.
Eigentlich gäbe es gerade viel zu tun hier, im Spital von Maban im Südsudan, dem einzigen weit und breit. Frauen warten auf der Entbindungsstation auf die Wehen. Malariapatienten auf den nächsten Fieberschub. Und in dem Gebäude mit der amerikanischen Flagge an der Tür, da wälzen sich winzige Bündel in metallenen Betten.
Es sind Babys, gewickelt in Tücher, die Kinder sind viel zu klein für ihr Alter. Sie atmen hastig. Manche wimmern. Sie sind hier, weil sie zu wenig zu essen haben. Oder nichts mehr. Sechs von ihnen sind in diesem Jahr gestorben auf der Abteilung, die sie Stabilisierungsstation nennen.
Es gäbe viel zu tun, doch sie sind nur noch drei Leute, die arbeiten. Simon Rebo Shaya, 38, leitender Pfleger, dazu ein Arzt und ein Sekretär, der auch als Hebamme aushilft. Steht eine Geburt bevor, eilt er vom Büro in den Gebärsaal.
Der Rest der Angestellten: streikt. Am Vortag haben sie beschlossen, dass es reicht. Sechs Monate ohne Lohn. Kein Geld von der Regierung. Um die zwanzig von ihnen sitzen neben dem Spitaleingang, Pflegerinnen und Putzkräfte, in Plastikstühlen, mit finsteren Mienen.
Vor ihnen steht Simon Rebo Shaya und fleht: «Jene, die für heute im Dienstplan eingetragen sind, kommt doch bitte rein und arbeitet.»
«Wo ist der Gesundheitsdirektor?», fragt einer der Streikenden. «Ist es der Regierung egal, was hier passiert?»
Der Gesundheitsdirektor werde kommen, verspricht Simon Rebo Shaya. Werde erklären, weshalb die Regierung nicht bezahle für das Spital, für das sie seit einem halben Jahr verantwortlich sei. Seit kein Geld mehr kam aus den USA für die Löhne und die Medikamente.
Im Südsudan, dem jüngsten Land der Welt, kann man gerade beobachten, was eine Unterschrift von Donald Trump auslösen kann. Bis im Februar waren die USA der mit Abstand grösste Geldgeber für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe. Per Dekret stoppte der amerikanische Präsident den allergrössten Teil der Gelder. Und stürzte das internationale Hilfssystem in eine existenzielle Krise.
Seither entlassen Hilfsorganisationen Tausende von Mitarbeitern. Kürzen Essensrationen. Schliessen Schulen. Kaum ein Land ist stärker betroffen als der Südsudan – laut manchen Quellen das am meisten von Hilfe abhängige Land der Welt. Ein Land, dessen Regierung sich darauf zu verlassen schien, dass die Amerikaner für immer bezahlen würden. Sie und viele andere, die Briten, die Deutschen, die Schweizer. Hilfsgelder machten zuletzt ein Viertel des Nationaleinkommens aus. Doch nun bricht das System zusammen.
Kein Benzin für die Ambulanz
Zwei Tage vor dem Streik steht Rebo Shaya in der Station für die mangelernährten Kinder und sagt: «Das Milchpulver reicht noch für heute. Für morgen habe ich nichts mehr.» Bis Ende März kamen Gehälter und Medikamente vom Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, bezahlt durch amerikanisches Geld. Im April übernahm die Regierung. Theoretisch. Sie schickt kaum je Geld oder Vorräte. Liefert sie Medikamente, sind es oft die falschen. Deshalb hangelt sich Simon Rebo Shaya durch. World Vision hat ein paar Vorräte gespendet. Relief International auch.
Doch das reicht nicht, um den Generator für den Strom mit Benzin zu füllen. Oder den Tank des Ambulanzwagens. Oder um die vor zwei Monaten zerbrochene Glühbirne in der Gebärabteilung zu ersetzen.
Oder dass Jesaja, eines der Kinder, die Rebo Shaya pflegt, morgen noch Milchpulver erhält. Der Siebenjährige ist klein wie ein sieben Monate altes Kind. Er liegt auf einem der Betten, mit weit geöffnetem Mund, er wurde mit Zerebrallähmung geboren. Neben Jesaja auf dem Bett sitzt seine Grossmutter, auch sie schmal wie ein Kind. Sie sagt, es gebe kaum noch Essen in dem Flüchtlingslager, in dem die Familie lebt. Jesaja sei schon schwach gewesen, sagt die Grossmutter. Dann habe er Fieber bekommen, einen Ausschlag und Husten. «Gott wird schon wissen, was er tut», sagt sie.
Simon Rebo Shaya sagt, manchmal verliere er die Hoffnung, mache dann aber trotzdem weiter. «Nicht für die Regierung, sondern für die Leute hier.»
Zwei Drittel der Bevölkerung hängen von Hilfe ab
Maban, ganz im Nordosten des Landes gelegen, hat um die 80 000 Einwohner; dazu mehr als 200 000 Geflüchtete. Sie kommen vor allem aus dem nahen Sudan, wo ein Bürgerkrieg die weltweit grösste humanitäre Krise verursacht und mehr als 12 Millionen Menschen vertrieben hat.
Maban ist so abhängig von Hilfsorganisationen, wie das ganze Land abhängig ist. Weisse Toyota Landcruiser von Hilfsorganisationen rollen vorbei an Baobab-Bäumen. Mehr Verkehr ist da kaum. Die Fahrzeuge rollen vorbei an Mauern, auf die Logos von NGO gepinselt sind und amerikanische Flaggen. «Geschenk der Vereinigten Staaten von Amerika», steht auf den Westen von NGO-Mitarbeitern. Doch die Kindertagesstätten hinter den Mauern sind geschlossen. Und die Westen werden getragen von Leuten, die nicht wissen, wie lange sie noch Arbeit haben.
Auf dem Markt tummeln sich Dutzende von Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen. Manche werden von ihren Eltern hierhergeschickt, in der Hoffnung, dass sie vielleicht als Träger ein bisschen Geld verdienen oder etwas Getreide nach Hause bringen.
Bei der Essensverteilung des Uno-Welternährungsprogramms in einem der vier Flüchtlingslager erhält nur noch die Hälfte der Bewohner Getreide. Und die, die Anspruch haben, erhalten die Hälfte der einstigen Ration.
Ein Träger schultert einen Sack Sorghum bei der Essensausgabe des Uno-Welternährungsprogramms. Manche Flüchtlinge, die keine Hilfe mehr erhalten, helfen beim Tragen der Säcke und erhalten als Gegenleistung einen kleinen Anteil.
9 Millionen Menschen im Südsudan sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, das sind 70 Prozent der Bevölkerung. Fast 8 Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht. Die wenigsten von ihnen schaffen es zu Simon Rebo Shaya ins Spital, wo das Milchpulver ausgeht und das Personal streikt.
Eine räuberische Elite
Dabei herrschte im Südsudan einst Euphorie. 2011 wurde ein neues Land geboren, nach zwei Bürgerkriegen, die zusammen vierzig Jahre gedauert hatten. In einer Abstimmung sprachen sich 99 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit vom Sudan aus.
Die Euphorie währte kurz. An der Spitze des Landes standen Befreiungskämpfer, die keine Ahnung hatten, wie staatliche Institutionen funktionieren. Schon gar nicht, wie man sie aufbaut. Sie zeigten auch kein Interesse daran. Liessen sich stattdessen verführen vom Luxus und von Privilegien. In internationalen Korruptionsrankings landet der Südsudan stets auf den hintersten Plätzen.
Ein junger NGO-Mitarbeiter in Maban sagt: «Als Krieg herrschte, sagten die Rebellen: Wir kämpfen, damit ihr es einmal besser habt. Doch alles, was wir bekamen, waren Korruption und Nepotismus.»
Und mehr Krieg. 2013 brach ein neuer Bürgerkrieg aus, er nahm 400 000 Menschen das Leben, vertrieb Millionen. Bis heute haben im Südsudan nie Wahlen stattgefunden, der Präsident ist derselbe wie 2011. Der internationale Druck auf ihn ist begrenzt, weil alle Angst haben vor einem neuen Krieg.
Was es an Infrastruktur gibt im Südsudan, wurde von den Hilfsorganisationen gebaut: Strassen, Spitäler, Wasserleitungen. NGO pumpten Milliarden in das Land, ihre eigene Bedeutung stellen sie auch entsprechend zur Schau. In der Hauptstadt Juba besitzen die Uno und andere Organisationen strassenblockgrosse Bürokomplexe in der Nähe des Präsidentenpalasts. Ihre Logos sind so präsent wie die Landesflagge.
Im letzten Fiskaljahr sah die Regierung des Südsudans weniger als 5 Prozent des Haushalts für Bildung und Gesundheit vor. In europäischen Ländern sind es meist zwischen 25 und 35 Prozent. In einem Mitte September veröffentlichten Bericht schrieben Experten der Uno: «Das Land wird gefangen gehalten von einer räuberischen Elite, die die systematische Plünderung des Landes institutionalisiert hat.» Im Bericht steht auch, das persönliche medizinische Betreuungsteam des Präsidenten verfüge über mehr Budget als das gesamte restliche Gesundheitssystem des Landes.
Der Commissioner plant ein Gästehaus
Die politische Elite lebt in einer Parallelrealität. John Paul Kuma ist der County-Commissioner von Maban, das heisst, er ist der oberste Vertreter des Staates im Bezirk. Kuma tritt auf die Strasse vor dem Verwaltungsgebäude. Es ist Mittag, Arbeitsende für die meisten von Kumas Untergebenen. Viele Staatsangestellte im Land haben seit 18 Monaten keinen Lohn mehr erhalten – und machen entsprechend früher Feierabend.
Kuma aber will sein Vorzeigeprojekt zeigen, es liegt gleich auf der anderen Strassenseite. «Ein Gästehaus», sagt er, «für Leute von der Regierung, die in Maban zu Besuch kommen.» Der Commissioner überquert die Strasse, stoppt dann vor einem Rohbau. Ein Gebäude aus Backsteinen, nur Fassade bis jetzt. Gras wuchert hüfthoch daraus hervor.
Einer von Kumas Vorgängern hat den Bau begonnen, kurz nach der Unabhängigkeit. Weit kam er nicht. Und Commissioner Kuma hat sich einen schwierigen Moment ausgesucht, um weiterzubauen. «Ich habe Hilfsorganisationen gefragt, ob sie Geld geben könnten, das UNHCR zum Beispiel.» Aber die Organisationen verwenden das Geld, das ihnen noch bleibt, nicht für ein Gästehaus.
Commissioner Kuma geht zurück über die Strasse. Wie sieht er das Land fast fünfzehn Jahre nach der Unabhängigkeit? «Als der Südsudan unabhängig wurde, gab es noch keine Strassen wie diese hier. Die Regierung hat all dies geschaffen. Auch die NGO sind dank der Regierung hier, wir waren vom Unabhängigkeitstag an bereit.»
Ein paar Meter von Commissioner Kuma entfernt rollt ein Planierfahrzeug über die Strasse. Auf dem Fahrzeug klebt das Logo des UNHCR, das den Unterhalt finanziert.
Der amerikanische Hilfsstopp hat offengelegt, wie fragil das Geschäftsmodell ist, das die südsudanesische Regierung verfolgt: ein unabhängiges Land, aber komplett abhängig von ausländischer Hilfe.
Ein Weckruf für Regierungen?
Der Südsudan ist das vielleicht extremste Beispiel. Doch viele afrikanische Länder wurden vom Hilfsstopp brutal getroffen. Laut einer Studie, veröffentlicht in der Wissenschaftszeitschrift «Lancet», könnten die amerikanischen Kürzungen etwa bei HIV- und Malariaprogrammen bis 2030 zu 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen. Und es sind nicht nur die Amerikaner, die Hilfsgelder streichen. Auch Grossbritannien, die Schweiz, Deutschland und andere tun es.
Die Kürzungen haben in Afrika eine Krise ausgelöst. Doch die meisten Menschen klagen nicht über das Ausland. Sie sind wütend auf die eigenen Regierungen. Sie fordern Unabhängigkeit und Selbstverantwortung. Doch im Südsudan gibt es keine Anzeichen, dass die Regierung den Ruf gehört hätte. Dass sie einen Plan B haben könnte.
Hilfsorganisationen versuchen der Regierung klarzumachen, dass die Politik der hohlen Hand ein Ende hat. Erfolgreich war das bisher nicht. Hilfsorganisationen sind allerdings auch mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten mit der Regierung paktiert. Denn wo die Regierung ihren Job nicht macht, da gibt es Jobs für NGO. «Die Organisationen haben sich lange mit dem politischen System arrangiert», sagt Nelson Kwaje, ein junger Unternehmer und Demokratieaktivist in Juba. «Entweder sie spielten das Spiel mit, oder sie riskierten, dass Leute sterben würden.» Ohne Geld funktioniert aber gar nichts mehr.
Idris Osman hilft sich selber
Deshalb versuchen im Südsudan Millionen von Menschen in den Überresten des Hilfssystems zu überleben. Simon Rebo Shaya hofft, neues Milchpulver zu erhalten. Commissioner Kuma träumt davon, sein Gästehaus fertigzustellen.
Idris Osman hat um acht Uhr morgens begonnen, seinen Gemüsegarten zu bestellen. Er lebt in einem der Flüchtlingslager von Maban. Der 64-jährige Mann kauert zwischen seinen Gemüsebeeten, die Hand in den Rücken gestemmt. Noch wächst wenig, ein paar zarte Tomatenschösslinge, Zwiebelhalme.
Dreihundert Meter entfernt wuchten Bewohner des Camps Säcke mit Sorghum auf Eselskarren neben einem Zelt, in dem das Uno-Welternährungsprogramm Getreide verteilt. Idris Osman gehört zu der Hälfte der 20 000 Bewohnerinnen und Bewohner, die keine Hilfe mehr erhalten.
Osman hilft sich selber. Sich und seiner Familie, vierzehn sind sie, Kinder und Enkel. Sie gehörten zu den Ersten hier, als sie vor dreizehn Jahren aus dem Sudan flohen. Osmans Söhne arbeiten als Tagelöhner. «Finden sie Arbeit, essen wir, wenn nicht, gehen wir hungrig ins Bett», sagt das Familienoberhaupt.
Hunderte von Bewohnern haben das Camp verlassen. Weil sie nichts mehr zu essen haben. Weil die Baumblätter, die viele von ihnen kochen, nicht satt machen. Und weil die Kürzungen das Camp unsicher gemacht haben. Raubüberfälle kommen fast täglich vor. Zwei Wochen zuvor kamen bewaffnete Männer nachts zur Hütte von Idris Osman. Sie stahlen fünfzehn seiner Ziegen.
Jene, die das Camp verlassen, gehen zurück in den Sudan. Sie ziehen den Krieg dem Verhungern vor.
Idris Osman bleibt. Er versucht etwas, was die Regierung des Südsudans in vierzehn Jahren nicht getan hat. Er sät aus und versucht etwas zum Wachsen zu bringen, um unabhängig zu sein.
