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Schweinejob

von Leon Meckler und David Fuhrmann
RUMS & Die Zeit vom 04.02.2026

Inhalt: Dubiose Vermittler versprechen verzweifelten Vietnamesen eine Zukunft mit Ausbildung in Deutschland, in der Realität müssen sie in einer sog. kurzzeitigen kontigentierten Beschäftigung beispielsweise für die Westfleisch-Gruppe in Münster arbeiten, einen der größten Schlachtkonzerne Europas. Um die 4–5-stelligen Vermittlungsbeiträge zu bezahlen, verschulden sich die Familien; die Arbeitsmigranten kennen weder ihre zukünftige Tätigkeit noch ihre Rechte und seien als globalisierte Tagelöhner besonders leicht auszubeuten. Das Unternehmen leidet unter Personalmangel und hohen saisonalen Fluktuationen, aufgrund der Praktiken der externen Vermittler will es jedoch eigene, transparente Rekrutierungsstrukturen vor Ort aufbauen.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Schweinejob

Vermittler versprechen jungen Vietnamesen eine Zukunft in Deutschland. Die zahlen Tausende Euro – und dürfen dann nur ein paar Monate im Schlachthof schuften.

Alles begann mit ein paar Videos auf TikTok. Eine Frau versprach einen Job, vier Jahre in einer deutschen Restaurantküche, für bis zu 3.000 Euro im Monat. Minh Phan schrieb sie an, er vertraute ihr. Knapp 14.000 Euro verlangte die Frau für einen Kochkurs und die Vermittlung. In Vietnam, wo der monatliche Durchschnittslohn bei 270 Euro liegt, müsste man dafür Jahre sparen. Phans Eltern nahmen einen Kredit auf, hinterlegten Haus und Motorrad als Sicherheit.

Minh Phan heißt eigentlich anders, er will zu seinem Schutz nur anonym sprechen. Er ist Mitte 20 und wuchs im Norden Vietnams mit sechs Geschwistern auf, die Mutter Straßenverkäuferin, der Vater Tagelöhner. So erzählt er es. Er selbst hat studiert und abgebrochen. Nun setzt seine Familie alles auf seine vier Jahre in Deutschland. Im Januar 2025 landet Phan in Frankfurt, steigt in einen Bus. Er kennt hier keinen, versteht nichts, er weiß nur: Am Ende dieser Fahrt beginnt das bessere Leben. So hat es ihm die Frau versprochen, wie man in Chats nachlesen kann.

Vier Jahre werde er im Restaurant arbeiten, hat sie gesagt, und vorher noch acht Monate in einer Fabrik. Phan wusste nicht, dass es eine Fleischfabrik sein würde. Und dass er gleich danach schon wieder hätte ausreisen müssen. Dabei sind acht Monate viel zu kurz, um die Schulden zu begleichen und seine Familie zu unterstützen. Minh Phan ist hereingefallen auf dubiose Vermittler, die ein Geschäft aus der Not der Menschen in Vietnam gemacht haben – und aus dem Personalmangel der deutschen Unternehmen.

Im Januar 2025 erreicht Phan also Lengerich im Kreis Steinfurt, sein Zuhause auf Zeit. Noch am Abend habe er mit vier Kollegen eine Wohnung bezogen, erzählt er später. Die Miete wird vom Gehalt abgezogen, wie auf seinen Abrechnungen steht. Sein Zimmer teile er sich mit einem anderen Vietnamesen. Gemeinsam schuften sie in einer Fleischfabrik.

In seiner ersten Woche arbeitet Phan sechs Tage. Die Spätschicht beginnt um 14 Uhr. Die Halle sei so kalt, sagt Phan, dass er drei Handschuhe übereinander trage. Frierend lege er Fleischlappen um Holzspieße. Grillfackeln, die später bei Discountern in den Truhen liegen. Eine Stunde Pause, weiter bis 23.30 Uhr, mit dem Werksbus zurück nach Lengerich.

Die Fabrik gehört zur Westfalenland Fleischwaren GmbH, die Teil der Westfleisch-Gruppe mit Sitz in Münster ist, einem der größten Schlachtkonzerne Europas. Täglich verarbeiten sie dort mehrere Tausend Schweine. Jährlich setzt der Konzern rund 900.000 Tonnen Fleisch ab, zwei Drittel davon in Deutschland, ein Drittel geht in den Export. Auf Anfrage schreibt die Firma, sie brauche kurzfristig einsetzbare Mitarbeiter – „aufgrund saisonaler Schwankungen (z. B. Grillgeschäft) und einer hohen Fluktuation“. Arbeitskräfte finde sie hierfür in Deutschland schon lange nicht mehr. Vor einigen Jahren stand das Unternehmen in der Kritik, weil es Billiglöhner aus Osteuropa beschäftigt und über Subunternehmer die Verantwortung für deren Arbeitsbedingungen ausgelagert haben soll – bis das Arbeitsschutzkontrollgesetz 2021 dieses in der Fleischindustrie verbreitete Vorgehen stoppte. Heute nutzt Westfalenland Fleischwaren ein anderes Modell: die „kurzzeitige kontingentierte Beschäftigung“ von Menschen aus dem Ausland.


Globalisierte Form der Tagelöhnerei

Möglich ist das seit März 2024. Seitdem dürfen Menschen aus Drittstaaten bis zu acht Monate in Deutschland arbeiten – auch ohne Deutschkenntnisse, ohne Ausbildung. Das Kontingent: 25.000 Menschen im Jahr. Von denen, die im vergangenen Jahr kamen, waren die meisten Vietnamesen, rund 4.800 von ihnen hat die Bundesagentur für Arbeit registriert.
Die Regelung soll eigentlich Arbeitsspitzen abfangen, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Gedacht sei sie für „temporäre Bedarfe in Betrieben, beispielsweise für Paketdienste im Weihnachtsgeschäft“, wie eine Sprecherin sagt. „Es handelt sich daher bewusst um zeitlich begrenzte Zuwanderung.“ Entstanden ist eine globalisierte Form der Tagelöhnerei.

Für einen „Irrweg“ und „hochproblematisch“ hält das Mohamed Faily, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund: Das Modell biete keine Perspektive, nur befristete, prekäre Arbeit. Wer kaum Deutsch spreche und seine Rechte nicht kenne, sei besonders leicht auszubeuten. Zwar gälten Tarifverträge, und die Arbeitgeber müssten für Reise und Sozialversicherung zahlen. Dennoch seien die Beschäftigten meist auf private Vermittler angewiesen, um überhaupt an einen solchen Job zu kommen.

Im Februar schreibt Phan der Vermittlerin: „Sind Sie sich sicher, dass ich mehrere Jahre bleiben kann?“ Er fragt sie, ob noch Unterlagen für seine Versetzung in die Restaurantküche fehlten.
Sie antwortet: „Mir ist aufgefallen, dass du derjenige bist, der die meisten Fragen stellt, der am meisten besorgt ist, am unsichersten. Falls Dokumente fehlen, sage ich Bescheid.“

Im Mai werden Phan und seine Kollegen unruhig. Sie fürchten, nicht mal die vollen acht Monate in Deutschland arbeiten zu können. Manche haben ein Visum, das schon Wochen vor dem ersten Arbeitstag anlief und entsprechend früher endet.

Die Unsicherheit, erklärt Westfalenland in einem internen Schreiben, gehe auf widersprüchliche Angaben deutscher Behörden zurück, die nun geklärt seien. „Alle können acht Monate arbeiten.“ Wer Qualifikationen hat, darf unter Umständen als Fachkraft bleiben. Alle anderen müssen zurück. Westfleisch teilt auf Anfrage mit, nur wenigen gelinge der Schritt, auch weil „viele der über Vermittler mitgeteilten Qualifikationen tatsächlich nicht den Anerkennungskriterien entsprachen“.

Im Pfarrhaus in Lengerich, wo vietnamesische Arbeiter betreut werden, sinkt Phan auf einen Stuhl, er sieht müde aus. Es ist Mai 2025, er ist seit fünf Monaten in Deutschland. „Die Vermittlerin macht Druck, dass ich das fehlende Geld zahle“, sagt er. Rund 12.300 Euro hat er ihr bislang überwiesen, 1.600 Euro fehlen noch. Die könne er nicht zahlen, seine Familie auch nicht.

Wer mit der kurzzeitig kontingentierten Beschäftigung kommt und Hilfe sucht, kann sich an „Faire Integration“ wenden, eine Stelle, die arbeits- und sozialrechtlich berät, gefördert von der Bundesregierung. Doch erst ab 2026 müssen Unternehmen auf das Angebot hinweisen.

Aus seinem Rucksack kramt Phan Papiere. Den Arbeitsvertrag mit Westfalenland, zehn Seiten auf Deutsch und Englisch, habe er in Vietnam unterschrieben. Aber nur die letzte Seite sei ihm von der Vermittlerin vorgelegt worden, der Name Westfalenland taucht dort nicht auf. Wann genau er die restlichen Seiten bekam, wird nicht ganz klar. „Ich wusste erst in Deutschland, dass ich in einer Fleischfabrik arbeite“, sagt er.

Wegen der Praktiken der externen Vermittler hat das Unternehmen nun nach eigenen Angaben entschieden, „eigene, transparente Rekrutierungsstrukturen vor Ort aufzubauen“. Ziel sei es, die Bewerber künftig „unmittelbar und vollständig über Tätigkeit, Vertragsbedingungen, Kosten und Perspektiven zu informieren“.

Für Vietnam sind Arbeitsmigranten ein Wirtschaftsfaktor. 2024 überwiesen sie rund 16 Milliarden Dollar in die Heimat, fast vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Staat fördert die Arbeitsmigration nach Kräften. Das vietnamesische Arbeitsministerium listet rund 500 lizenzierte Unternehmen auf, die Arbeiter ins Ausland entsenden. Daneben gibt es einen unkontrollierten Zweitmarkt: Firmen, die ohne staatliche Lizenz vermitteln und Gebühren im häufig vierstelligen, teils fünfstelligen Bereich kassieren.

Phans Vermittlerin steht nicht auf der offiziellen Liste. Auf TikTok präsentiert sie sich als erfolgreiche Geschäftsfrau, zeigt Anträge für eine kurzzeitige kontingentierte Beschäftigung in Deutschland, Reisepässe und einen Schriftzug: „I love Germany“. Zukunftsträume im Hochformat. „Sie hat mich ausgetrickst“, sagt Phan.

Andere Vietnamesen bei Westfalenland unterschrieben Verträge bei einer größeren Vermittlungsagentur. Vier junge Männer zahlten jeweils rund 10.000 Euro, die Hälfte davon als „Fluchtschutzkaution“, wie es auf Vietnamesisch in den Verträgen heißt, für den Fall, dass die Vietnamesen untertauchen. Sie müssen nach acht Monaten zurück in ihr Heimatland. Sonst ist das Geld weg.

Diese Männer wussten schon in Vietnam, dass sie in Deutschland mit Fleisch hantieren würden. Das Geld zog sie an. 2.000 Euro netto verdienten sie, sagen zwei von ihnen, davon träume man in Vietnam.

Dass Arbeiter ihre Kaution nur zurückbekommen, wenn sie nach acht Monaten wieder ausreisen, zeige, wie schief das System gebaut sei, sagt Mohamed Faily vom DGB. „Solche Geschäftsmodelle machen Menschen erpressbar.“ Die Verantwortung, findet er, sollte nicht bei denen liegen, die am wenigsten Macht haben – sondern bei den Firmen, die profitieren.

Westfleisch schreibt auf Anfrage, man habe nur auf staatlich lizenzierte Vermittler gesetzt, „mit vertraglicher Anbindung an ein in Deutschland ansässiges Unternehmen“. Erst nachdem die Arbeiter in Deutschland ankamen, habe man erfahren, dass „erhebliche Zahlungen an Vermittler“ gingen. Die Firma habe daraufhin entschieden, nicht mehr mit externen Vermittlern zu arbeiten, und gründe gerade eine eigene Gesellschaft in Vietnam. Ihr Anspruch sei eine „faire, nachvollziehbare und regelkonforme Anwerbung ohne wirtschaftlichen Druck auf die Beschäftigten“.

Es bleibt die Frage, warum Minh Phan dann Geld an eine Vermittlerin gezahlt hat, die nicht einmal auf der Liste des vietnamesischen Arbeitsministeriums steht. Westfleisch antwortet, man habe von solchen Fällen keine Kenntnis.

Phan entsperrt sein Handy, zeigt ein Video aus dem Werksbus, wohl aufgenommen nach einer Schicht. Eine vietnamesische Frau sackt zusammen. Phan sagt: aus Erschöpfung. Das Video stammt aus einer Chatgruppe, in der sich Saisonkräfte versammeln. Es ist der offizielle Kanal zwischen ihnen und mindestens zwei Mitarbeitern des Unternehmens, die Vietnamesisch sprechen. Sie schicken Schichtpläne, beantworten Fragen.

Als das Video aus dem Bus auftaucht, schreibt einer, der offenbar ein Vorgesetzter ist: „Das Senden, Verbreiten oder Hochladen dieses Videos ist strengstens untersagt. Sollte das Unternehmen feststellen, dass jemand gegen diese Regelung verstößt, wird die Person sofort entlassen.“

Es ist ein Muster, das sich durch den Chat zieht. „Wer ohne Meldung auf Toilette geht, wird gefeuert“, schreibt einer, der offenbar ein Vorarbeiter ist. Ein andermal heißt es von den mutmaßlichen Vorgesetzten, dass Vietnamesen entlassen worden seien, weil ihre Arbeitseinstellung nicht gestimmt habe. Viele dieser Entlassenen hätten sich beschwert, weil sie für die Vermittlung nach Deutschland viel Geld hätten zahlen müssen, schreibt einer der Vorarbeiter. Seine Antwort darauf: Die Schulden seien Sache der Arbeiter. Für das Unternehmen zähle nur die Effizienz.

Damit konfrontiert, schreibt Westfleisch, man kenne einige dieser Chatverläufe und Videos. „Sollten einzelne Formulierungen von Führungskräften oder Mitarbeitenden missverständlich, emotional oder unangemessen gewesen sein, sind diese als Einzelfälle zu bewerten und nicht Ausdruck einer systematischen Praxis.“
Die Reaktion auf das geteilte Video, das die kollabierende Frau zeigt, habe mit dem „Persönlichkeits- und Datenschutz“ zu tun. Die Person habe so geschützt werden sollen. Kündigungen erfolgten nur auf „arbeitsrechtlicher Grundlage“ und „nicht aufgrund individueller Herkunft oder persönlicher Vorgeschichten“.

Im Juni überweist die Vermittlerin Phan 3.000 Euro zurück, bleiben 9.300. Warum sie das tut, lässt sich nicht genau sagen. Phan schreibt ihr: „Ich arbeite in einer sehr rauen und kalten Firma. Es wirkt sich auf meine Psyche aus, mir fallen die Haare aus. Meine Gelenke schmerzen.“ Die Vermittlerin reagiert mit einem Lachsmiley.

Im September 2025 soll alles vorbei sein. Phans Visum läuft aus, er sagt, der Rückflug sei gebucht. Seine Vermittlerin, mit der er zuletzt über die Messenger-App Zalo gechattet hat, antworte ihm nicht mehr. Warum sie ihm vier Jahre Arbeit in Deutschland versprach, ist unklar. Als wir sie mit den Vorwürfen konfrontieren, liest sie die Nachricht bei TikTok, antwortet jedoch nicht. Wenig später ist ihr Account gelöscht.

Als wir drei Monate später versuchen, Phan zu erreichen, um zu hören, ob er den Heimflug angetreten hat, stellt sich heraus: Er ist noch im Land. In Berlin hat er einen Mann gefunden, der ihm eine Bleibeperspektive verspricht. Wieder ist es ein Vermittler, diesmal ein deutscher; am Telefon sagt dieser, er gebe keine Informationen zu seinen Mandanten preis. Wieder geht es um Formulare, um Fristen für einen einjährigen Sprachkurs, der Phans Aufenthalt verlängert. Wieder kostet es Geld: 500 Euro überweist er dem Vermittler, 3.200 Euro für den Sprachkurs, die er in Raten zahlt. Immerhin mit Quittung.

Seine Familie habe erneut Schulden aufgenommen, sagt Phan. Er selbst steuere Geld bei, einen Teil seines Lohns, er arbeite jetzt als Küchenhilfe. Die restliche Zeit lerne er Deutsch, sagt er, in der Sprachschule und zu Hause. Im Mai sei die Prüfung. Mit B1-Niveau dürfte er eine Ausbildung zum Koch beginnen. Dann könnte er bleiben. Könnte vielleicht doch noch einen Job lernen, der dem gerecht wird, was seine Familie sich von ihm versprochen hat.