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Schwamm drüber

von Dr. Max Rauner
Zeit Wissen vom 19.06.2026

Inhalt: Lange entwässerte man Deutschland über Drainagen für eine effiziente Landwirtschaft, aufgrund von Dürren und Starkregenereignissen will man Regenwasser jetzt in der Landschaft halten, statt es ins Meer oder Klärwerke abzuleiten. Ein Modellprojekt in Flachslanden stellt vor, wie Landschaft sich durch Senken, Hubbel, Uferzonen und Mäander nach Schwammprinzipien umgestalten lässt. In Hamburg wird über Gründächer, multifunktionale Rückhaltebecken, Rigolen und Entsiegelung versucht, eine Schwammstadt zu schaffen, oft gibt es allerdings Verteilungskonflikte mit dem Automobilverkehr.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Schwamm drüber

Deutschland hat ein Wasserproblem: Es regnet in kurzer Zeit zu viel und über lange Zeit zu wenig. Die ersten Kommunen erfinden sich neu – als Schwammregion. Passen Sie auf, wo Sie hintreten

Manchmal hilft eine Metapher, eine Veränderung anzustoßen: ein Bild, das jeder sofort versteht und das sich in den Köpfen festsetzt. Der »Treibhauseffekt« für die globale Erwärmung zum Beispiel. Kennt jedes Kind. Oder auch: das soziale Netz, die Spritpreisbremse, der ökologische Fußabdruck. Niemand kann vorhersehen, ob eine Metapher viral geht und eines Tages im Duden steht. Am Anfang spürt man nur: passt wie die Faust aufs Auge.

Ein Dienstagmorgen im April. Treffpunkt am Friedhof von Flachslanden, einem Dorf in Mittelfranken, eine Autostunde westlich von Nürnberg. Zwei Dutzend Fachleute in wetterfester Kleidung stehen in der Kälte und warten auf den Bürgermeister. Sie sind aus ganz Bayern angereist, weil sie zuständig sind für die zehn Schwammregionen, die die bayerische Staatsregierung 2025 ausgerufen hat. Denn das ist die neue Metapher: der Schwamm.
Ein Schwamm saugt Wasser schnell auf und gibt es langsam wieder ab. Und genau das soll Deutschland tun, um den Klimawandel abzuwettern: zum Schwamm werden, Städte, Dörfer und alles dazwischen.

Flachslanden ist auf dem Weg zur Schwammlandschaft schon sehr weit vorangekommen, deshalb sind die bayerischen Schwammbeauftragten hier: um zu lernen. Bürgermeister Hans Henninger fährt im schwarzen Tesla vor, stellt sich in die Runde und erzählt vom 29. Mai 2016. An jenem Sonntag, sagt Henninger, sei über Flachslanden eine Wolke aufgezogen und habe am späten Nachmittag um halb sechs angefangen zu regnen, »und sie hat einfach nimmer aufgehört bis um halb zehn abends«. Es ist hügelig hier. 150 Liter Wasser pro Quadratmeter suchten sich einen Weg nach unten. Die Straßen wurden zu Flüssen, die Täler zu Trichtern. Die Wassermassen schoben Schlamm, Geröll und Autos durchs Dorf. »Gott sei Dank keine Todesopfer«, sagt der Bürgermeister (Treffpunkt am Friedhof nur wegen der Parkplätze). Die Aufräumarbeiten dauerten Monate.

Nach einem Hochwasser geschieht normalerweise das, was in Fachkreisen als Hochwasserdemenz bekannt ist: Die Katastrophe gerät in Vergessenheit. Fast so schnell wie der Wasserspiegel sinkt die Motivation, in den Hochwasserschutz zu investieren. In Flachslanden war das anders, und das hat mit zwei Männern zu tun, die jetzt neben dem Bürgermeister stehen: Jakob Meier vom Amt für Ländliche Entwicklung. Er besitzt südlich von Nürnberg selbst einen Bauernhof, den nun sein Sohn führt. Und Peter Böhm von der Beratungsfirma Baader Konzept, gelernter Gärtner, studierter Geoökologe. Böhm trägt eine gelbe Arbeitsjacke, und wenn er den Schwammbeauftragten seine Arbeit erklärt, spricht er oft mehr zur Landschaft als zu den Menschen, worauf Jakob Meier ihn dann leise hinweist. Böhm ist der Macher, Meier der Kommunikator, und mit dieser Konstellation kann ein Bürgermeister in Deutschland offenbar eine Menge bewegen.

Jakob Meier und der Bürgermeister lernten sich ein Jahr nach der Hochwasserkatastrophe von 2016 kennen und schmiedeten einen Plan. Flachslanden sollte zum Schwamm werden, nur hat das damals noch niemand so genannt. Jetzt sagt Meier zu den Schwammbeauftragten: »Ihr könnt das Ganze auch in Bezug auf Wassermangel sehen. Mittelfranken ist Wassermangelregion. Wir haben entweder zu viel oder gar nichts.« Der Deutschlandschwamm hilft gegen Starkregen ebenso wie gegen Dürre.

Das ist das Wasserparadox: Erst regnet es tage- oder wochenlang so gut wie gar nicht. Die Böden trocknen aus. Und dann schüttet es plötzlich aus vollem Rohr, und das meiste Süßwasser fließt über die Flüsse ab ins Meer, statt das Grundwasser aufzufüllen. Früher kannte man solche Szenen von Dokumentarfilmen aus der Sahelzone. Deutschland verliert seit 20 Jahren im Schnitt 760 Millionen Tonnen Wasser im Jahr, hat das Geoforschungszentrum Potsdam mit Satelliten beobachtet. Diese Menge entspricht dem Volumen der Müritz – oder vier Prozent des Wasserverbrauchs von Industrie, Landwirtschaft und Privathaushalten zusammen. Deutschland wird zwar vorerst nicht leerlaufen, es regnet ja weiterhin. Aber wenn das so weitergeht, werden Engpässe und Ernteschäden regional zunehmen. Schon heute verbieten Kommunen bei anhaltender Trockenheit das Rasensprengen mit Trinkwasser. Wer das Verbot ignoriert, riskiert ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro.

Jakob Meier sagt: »Wichtig ist, dass wir das Wasser in den Boden reinbringen. Und wenn wir das nicht schaffen, möglichst in der Landschaft zurückhalten, damit es versickert.« Dann verteilt sich die Gruppe auf vier Kleinbusse und fährt los.

Unterwegs erklärt Meier den tieferen Grund für Deutschlands Wasserproblem. Da ist nicht nur der Klimawandel. Da sind auch die Bodenreformen. Im Mittelalter war die Landwirtschaft ein Mosaik aus Feldern und Forsten. Dann sorgten Könige, Fürsten, Regierungen und die Industrialisierung für eine Neuordnung. Die Felder wurden zu großen Rechtecken zusammengelegt, getrennt durch Wege, Entwässerungsgräben und Drainagen. Deutschland wurde rechtwinklig. Das Wasser sollte schnell abfließen, damit das Getreide nicht absäuft und die Maschinen nicht im Matsch einsinken. Vorbild waren die Niederlande, die große Teile ihrer Marschlande trockengelegt hatten. Für eine effiziente Landwirtschaft war das gut. »Mit so kleinen Handtüchern kann man nicht wirtschaften«, sagt Meier. Drainagendeutschland funktionierte aber nur, solange es genug und gleichmäßig regnete.

Erster Halt. Ein Feldweg, zwei Äcker, dazwischen ein Streifen mit Gras, Gestrüpp, Büschen. Die Schwammleute schauen sich um. »Wie man sieht, sieht man nichts«, sagt Peter Böhm, der Macher. Dann führt er den Trupp zu einer grasbewachsenen Mulde, etwa einen Meter tief, am Boden eine Pfütze. Unscheinbarer geht es nicht. Flachslanden habe einen zweiten Mitarbeiter für den Bauhof angestellt und einen Bagger gekauft, erklärt Böhm, und dann haben sie über die Gemeinde verstreut insgesamt mehr als 1.000 solcher Mulden ausgehoben, unterstützt von privaten Baufirmen. Außerdem wurden in die Entwässerungsgräben kleine Dämme eingebaut und die Bäche entgradigt. Nun bilden sich bei Regen überall Tümpel, die das Wasser bremsen und aufnehmen. Das sind die Poren des Schwamms. Eine Low-Tech-Lösung.

Doch Vorsicht! »Das böse Wort mit D darf man nicht sagen«, mahnt Böhm. D wie Damm. Ein Damm muss laut Wasserrecht genehmigt werden, und das kann dauern. Also spricht Böhm lieber von Hubbeln. Man sollte auch nicht sagen, dass etwas neu gebaut werden soll. Neu bauen bedeutet Bürokratie. Das bessere Wort ist Unterhaltung. Die ist genehmigungsfrei. Auch sollte ein Bagger nicht mehr als 500 Quadratmeter weit und zwei Meter tief buddeln, sonst greift das Abgrabungsgesetz mit Umweltverträglichkeitsprüfung und so weiter.

Die Schwammbeauftragten hören aufmerksam zu. Schnell wird klar: Der Umbau von Drainagendeutschland zu Schwammdeutschland braucht nicht nur hydrogeologisches Wissen, sondern auch das Wissen, wie man unter dem Radar der Vorschriften und Gesetze fliegt. »Die Paragrafen sind schon sinnvoll«, sagt Böhm. »Die Frage ist, wie streng man sie auslegt. Es kommt auf den Sachbearbeiter an.« Böhm folgt der Devise: »Weniger fragen, mehr bauen.«

Ebenso pragmatisch lassen sich Subventionen beschaffen. Die Mulden und Tümpel zum Beispiel ziehen Laubfrösche an. Das Geld für den Umbau beantragt die Gemeinde über die Landschaftspflege- und Naturparkrichtlinie. Stehen Obstbäume auf der Wiese? Dann greift der Bayerische Streuobstpakt. Wächst auf der Wiese eine Orchidee? Bingo, ein Fall fürs Vertragsnaturschutzprogramm. Erinnert sich noch jemand an das bayerische Volksbegehren »Rettet die Bienen«? Seitdem werden Gewässerrandstreifen über das Kulturlandschaftsprogramm gefördert. Und nun kommt noch das Aktionsprogramm Schwammregionen hinzu. »Geld gibt es in Massen«, sagt Peter Böhm. »Du musst bloß wissen, wo du es einsammeln kannst.« Gut möglich, dass man für die Schwammisierung einer einzigen Wiese Subventionen aus fünf Fördertöpfen bekommt, was Landwirte und Baufirmen regelmäßig in den Wahnsinn treibt, weil sie ebenso viele Rechnungen schreiben und Nachweise erbringen müssen.

Im Laufe des Tages besucht die Gruppe noch weitere Wiesen, Hänge, Bäche sowie einen Badeteich und zwei Solarparks, die alle nach Schwammprinzipien umgestaltet wurden: mit Uferzonen, Senken, Hubbeln und Mäandern. Einige Felder haben die Landwirte mit Hügeln modelliert, die Wasser zurückhalten und Erosion vorbeugen. Wie überzeugt man die Bauern? Jakob Meier sagt, er habe sich viel mit Psychologie beschäftigt: »Mit Druck geht da gar nichts. Es gibt aufgeschlossene Menschen, es gibt diejenigen, denen alles scheißegal ist, und die dritte Gruppe geht voll auf Widerstand. Das zieht sich durchs ganze Leben.«

Für Meiers Leben als Behördenvertreter heißt das: Arbeite mit jenen Bauernhöfen zusammen, die aufgeschlossen für den Schwamm sind. Bei der ersten Sitzung im Rathaus waren das drei Höfe. Die anderen schauen erst mal zu. Und wenn die Pflanzen der Pioniere dann höher wachsen und bei Starkregen weniger Erde den Hang hinunterrutscht, stellen sie vielleicht auch um. Bei aller Psychologie hilft auch noch etwas anderes: Die Gemeinde entschädigt Bauern, die mitmachen, nach einem Hochwasser für Ernteschäden und hilft ihnen beim Aufräumen von Unrat.

Widerstand kommt von Karpfenteich-Besitzern. Die befürchten, dass ihre Weiher im Sommer nicht mehr genug Wasser bekommen, weil der Regen weiter oben versickert. »Da ist vor der Kommunalwahl richtig Stimmung gemacht worden«, sagt Bürgermeister Henninger. Er wurde dann trotzdem im Amt bestätigt, aber der Fall zeigt: Schwammlandschaft ist ein Aushandlungsprozess, der in der Demokratie auch scheitern kann.

Für besonders knifflige Fälle können die Flachsländler auf einen alten Verbündeten von Schwammlandschaften zählen: den Biber. Als Peter Böhm und die Gemeinde zwei ehemalige Karpfenteiche zu Regenrückhaltebecken umfunktionieren wollten, hätte der Eingriff in den angrenzenden Bachlauf von den Wasserbehörden genehmigt werden müssen. Also nahmen sie nur die genehmigungsfreien Umbauten vor, und es dauerte nicht lange, bis der Biber kam und den gewünschten Staudamm errichtete. Und der wird erst mal bleiben. Laut Wasserrecht dürfen Biberdämme nur in Ausnahmefällen beseitigt werden.

Regen und Trockenheit unterscheiden nicht zwischen Stadt und Land. Deutschlands Städte haben genauso mit Extremwetter zu kämpfen wie ländliche Regionen. Deshalb haben auch sie den Schwamm entdeckt. Berlin, Dresden und Hamburg wollen zu Schwammstädten werden, andere ziehen nach. Sie haben keine Biber und können nicht mal eben tausende Mulden in den Asphalt graben. Aber auch Häuser und Straßen lassen sich umrüsten.

Hamburgs Schwammteam: Sonja Schlipf, Koordinatorin für Regeninfrastrukturanpassung beim städtischen Versorger Hamburg Wasser, und ihr Doktorvater Wolfgang Dickhaut, Professor für umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung an der HafenCity Universität. An einem Freitag im April steht Dickhaut vor einem Mietshaus im Hamburger Norden und holt den Schlüssel aus der Tasche. Er trägt eine Schirmmütze mit Piratensymbol des FC St. Pauli. »Sind Sie schwindelfrei?«, fragt er.

Hamburg war im 19. Jahrhundert die erste Großstadt Kontinentaleuropas mit einer modernen unterirdischen Kanalisation. Auch diese Transformation wurde durch eine Katastrophe beschleunigt: Beim Großen Brand von 1842 hatte die Feuerwehr nicht genug Löschwasser. Außerdem musste die Wasserversorgung und Entsorgung nach dem Brand neu aufgebaut werden. Die neue Kanalisation bestand aus gemauerten Kanälen (in Hamburg »Siele« genannt), in denen sowohl Regenwasser als auch Schmutzwasser aus Toiletten, Küchen und Waschräumen in Richtung Elbe strömte. Dort trieben schon die Fäkalien aus Dresden und Magdeburg flussabwärts. Alle zwölf Stunden kam die Flut. Ab in die Nordsee damit.

Anfang des 20. Jahrhunderts war Hamburgs Kanalisation auf eine Gesamtlänge von 900 Kilometern angewachsen. Damals war das eine Innovation, heute ist es ein Problem. Erstens hätte man das Regenwasser lieber im Grundwasser statt in der Elbe. Zweitens ist die Kanalisation für extreme Regenfälle nicht ausgelegt. Bei Starkregen läuft sie über. Dann stinkt's. Traditionell würde der deutsche Tiefbau jetzt noch größere Abwasserrohre verlegen und mehr Regenwasser-Rückhaltebecken bauen, was zum Teil auch geschieht. Aber im Untergrund ist nicht so viel Platz, da fährt auch die U-Bahn. Deshalb geht's jetzt nach oben.

Wolfgang Dickhaut stellt im dritten Stock eine Leiter auf den Umlaufbalkon und entert das Flachdach. Zum Vorschein kommt ein rot-grüner Pflanzenteppich. »Sedum-Vegetation«, sagt er, auch als Fetthenne oder Mauerpfeffer bekannt. Diese Pflanzen können viel Wasser speichern und sind bei Trockenperioden zäh wie Wüstenmäuse. Die Forschenden haben auf den Dächern mit unterschiedlichen Pflanzen und Substraten experimentiert und die Wasserbilanz mit der eines herkömmlichen Flachdachs verglichen. An einem Tag im August 2019 hatten sie Glück: ein Wolkenbruch. 35 Liter pro Quadratmeter prasselten innerhalb von einer Stunde auf die Dächer. Ideale Testbedingungen. Je nach Pflanzen und Substrat flossen innerhalb von 24 Stunden nur fünf bis 17 Liter wieder ab. Den Großteil hielten die Dächer zurück. Bewährungsprobe bestanden.

Sicher, wenn es stundenlang regnet, sind auch die Gründächer irgendwann gesättigt. Doch dann fließt das Wasser in Rinnen, Gräben und Mulden zwischen den Häusern. Und wenn diese voll sind, gibt es am Rand des Pilotquartiers noch ein grasbewachsenes Rückhaltebecken. Erst wenn das auch noch überläuft, fließt Wasser in die Kanalisation, was seit dem Bau im Jahr 2018 nicht passiert ist. Bauherrin ist das städtische Wohnungsunternehmen Saga.

Wolfgang Dickhaut ist aber noch nicht zufrieden. Das Rückhaltebecken ist umzäunt. Betreten verboten. Stattdessen würde er lieber Multifunktionsflächen in der Stadt schaffen, die zum Spielen oder für Sport genutzt werden können und bei Starkregen vorübergehend überflutet werden. Er hat an einer Richtlinie der Wasserwirtschaft für solche Flächen mitgearbeitet. In der Schwammstadt von morgen werden an manchen Orten nur Warnschilder stehen: Achtung, bei Starkregen Überflutungsgefahr.

Welchen Beitrag leisten Gründächer zum Schwamm? Das haben die Forschenden anhand des Hamburger Stadtviertels Winterhude abgeschätzt. 16 Prozent der Gesamtfläche sind dort Gebäude mit einem Flachdach, das sich begrünen ließe, die meisten davon in Privatbesitz. Nun versucht die Stadt, die Eigentümer mit einem Zuschuss zur Begrünung zu motivieren (ein begrüntes Flachdach ist etwa doppelt so teuer wie ein konventionelles). Und ab 2027 sind Gründächer bei Neubauten oder Sanierungen vorgeschrieben. Zusätzlich müssen Solarpanels aufgestellt werden.

Der zweite große Bodenversiegler neben Gebäuden sind Straßen. Sie bedecken in Winterhude 21 Prozent der Gesamtfläche. Auch dafür gibt es eine Schwammidee, BlueGreenStreets genannt, Blue für Wasser, Green für Pflanzen. Wolfgang Dickhaut zeigt ein Pilotprojekt in der Hamburger Innenstadt. Sieht aus wie ein Radfahrerparadies in den Niederlanden: Der Radweg ist breit und von der Straße getrennt, dazwischen befindet sich ein Grünstreifen mit Bäumen und massenhaft Tulpen. Eine dreispurige Einbahnstraße mit Diagonalparkplätzen wurde auf eine einzelne Autospur mit wenigen Längsparkplätzen reduziert. Die meisten Projekte sind allerdings bescheidener. Dann wird die Straße von einem tiefergelegten Grünstreifen gesäumt, in dem sich das Wasser sammelt.

In Schwammstädten verschärft sich der Verteilungskampf: Wer soll Platz für Versickerungsflächen hergeben? Hamburgs Regenwassermanagerin Sonja Schlipf hat einen sanierungsbedürftigen Sportplatz mit Rigolen unterfüttern lassen, löchrigen Kästen, die Wasser vorübergehend speichern. Das Stadion kann nun bei Überflutungen 20 Prozent des Wassers im Überflutungsgebiet aufnehmen. Solche Rigolen stören niemanden. Aber oft ist es eben doch der Autoverkehr, der Platz opfern muss. Und das gibt Ärger. In Hamburg wurde der Schwamm zuletzt von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) ausgebremst. Er hat ein Moratorium verhängt: Jeder Umbau, bei dem Parkplätze wegfallen, muss von ganz oben genehmigt werden. »Total kontraproduktiv« findet Dickhaut das. »Viele Projekte, die ich kenne, leiden darunter.«

Vielleicht kann man es so sagen: Der Schwamm kommt nicht wie ein Tsunami über Deutschland, sondern eher wie Tröpfchenbewässerung. Aber wir müssen nicht auf die Bürgermeister warten. An vielen Orten formiert sich derzeit buchstäblich eine Graswurzelbewegung. »Abpflastern« heißt die Initiative, die auch den gleichnamigen Wettbewerb organisiert. Das Vorbild kommt aus den Niederlanden. Die Menschen treffen sich (nach Rücksprache mit den Behörden) zum gemeinsamen Entsiegeln und schicken Vorher-nachher-Fotos an abpflastern.de. Auch Privatleute, die beispielsweise ihre Garageneinfahrt entsiegeln, können mitmachen. Im vergangenen Jahr hat Flensburg in der Kategorie der mittelgroßen Städte gewonnen. Die Menschen haben dort im Schnitt einen Stein pro Kopf abgepflastert. Im laufenden Wettbewerb liegt Flensburg wieder vorne. Das Erfolgsgeheimnis? Die Stadt schenkt jeder Person, die auf dem eigenen Grundstück mehr als fünf Quadratmeter entsiegelt, einen Baum oder Strauch.


Einschübe
Widerstand kommt von den Betreibern der Karpfenteiche. Sie haben Angst um ihren Wasserzulauf
Niemand muss auf den Staat warten. Jeder und jede kann vor der Haustür zum Schwamm beitragen