Mensch, Grupp!
von Volker ter Haseborg
WirtschaftsWoche vom 27.03.2026
Inhalt: Porträt des Nachkriegspatriarchen Wolfgang Grupp, der den Sportartikelhersteller Trigema zum Erfolg führte und 2025 aufgrund schwerer Depressionen einen Suizidversuch unternahm. Der Artikel skizziert seinen Werdegang, den strengen und akribischen Führungsstil, seine polarisierenden Bühnenauftritte und die stabilisierende Rolle seiner Frau Elisabeth. Nach der Übergabe der Firmengeschäfte fand er keine neue Aufgabe, verlor sich in Einsamkeit und Selbstzweifeln sowie depressiven Schüben. Der Unternehmer wird als ambivalenter Mensch porträtiert, dessen Familie unter seiner Ich-Bezogenheit zu leiden hatte.
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Mensch, Grupp!
Eine Marke. Ein Wahnsinnstyp. Und ein Mann, der sich das Leben nehmen wollte. Unser Reporter hat seine Biografie geschrieben. Das Porträt eines Unternehmers, der sich nicht mehr gebraucht fühlt
Wolfgang Grupp steht morgens zwischen sieben und acht Uhr auf, dann schwimmt er in seinem Pool. Nach dem Frühstück geht er zum Beten in seine Hauskapelle. Zwischen neun und zehn ist er im Büro. Er braucht dafür nur durch den Garten seiner Burladinger Reetdachvilla und über die Straße zu gehen.
Grupp hat die Firma Trigema an seine Frau Elisabeth, seine Tochter Bonita und seinen Sohn Wolfgang übergeben. Und seinen Schreibtisch behalten. Er stellt sich regelmäßig auf die Waage und überwacht sein Normalgewicht. 68 Kilogramm. Nach dem Mittagessen, meistens Müsli, zieht es ihn wieder in die Firma. Abendbrot gibt es um 18 Uhr. Um 22 Uhr ist Grupp im Bett.
Ordnung muss sein. Sein neuestes Kleidungsstück hängt Grupp immer ganz links in den Schrank.
So will er jetzt Bilanz ziehen. Sortiert auf sein Leben blicken. Von sich erzählen. Kapitel für Kapitel.
Das ist unsere Verabredung am 14. Januar 2025, als wir zum ersten Mal über seine Biografie sprechen. "Beschreiben Sie mich so, wie ich bin", sagt er zu mir.
An diesem Tag ist er, wie ihn viele Menschen kennen: braun gebrannt von einem Dubai-Urlaub, akkurat und farbenfroh gekleidet. Er poltert über "Versager" in Politik und Wirtschaft, klagt Ordnung, Haftung, Verantwortung ein.
Der Wolfgang Grupp, den ich gut ein halbes Jahr später treffe, am 25. August 2025, wirkt dagegen blass und resigniert. Er sitzt an seinem Schreibtisch, senkt den Kopf, dämpft die Stimme; die Mitarbeiter im Großraum sollen nicht hören, was er sagt: "Wenn Sie das Buch über mich schreiben - dann könnten Sie es ja auch enden lassen, bevor die Sache passiert ist." Mit der Sache meint Wolfgang Grupp den 7. Juli 2025. Den Tag, an dem er versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Über seinem rechten Mundwinkel sehe ich eine zwei Zentimeter lange Narbe.
Ohne diese Narbe wäre Wolfgang Grupps Geschichte die eines Mannes, der vor mehr als 50 Jahren eine Firma für Unterwäsche übernahm, vom Großvater gegründet, vom Vater fast ruiniert - und sie zu "Deutschlands größtem Hersteller von Sport- und Freizeitbekleidung" formte, so die Eigenbezeichnung des Unternehmens. Der konsequent auf made in Germany setzte. Der die Gier und Einfallslosigkeit anderer Manager anprangerte. Der seine T-Shirts mit einem Affen vor der Tagesschau bewarb. Und sich in Deutschland den Status einer unternehmerischen Kultfigur erarbeitete.
Ein Leben mit der Narbe
Und mit dieser Narbe? Steht Wolfgang Grupps Geschichte Kopf? Erscheint sein Leben in einem anderen Licht? Eher ist es so, dass auch die Narbe ihn kennzeichnet.
Wolfgang Grupp ist einer der prominentesten und populärsten Unternehmer dieses Landes. Viele Menschen lieben ihn - er wirkt wie ein Fossil aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Medien haben ihn "König von Burladingen" genannt, "Hexer von der Schwäbischen Alb", "Textil-Titan". Er selbst sagt: "Ich bin Egoist." Grupp meint damit: Es soll ihm gut gehen, und es steht ihm zu, dass es ihm gut geht, denn wenn es ihm gut geht, geht es auch seiner Familie, seiner Firma, seinen Mitarbeitern gut. Alles war immer auf ihn zugeschnitten. Alle haben sich stets nach ihm gerichtet. Aufmerksamkeit ist ihm wichtig.
So sorgfältig er sich kleidet, so punktgenau er seinen Tag strukturiert, so streng und akribisch hat er seine Geschäfte geführt. Grupp hat jedem Artikel von Trigema eine Nummer gegeben, er kennt alle Nummern auswendig. Er hat Methoden entwickelt, wie er verhandelt und verkauft. Alles an ihm ist Routine und Grundsatz. Das hat bei Wolfgang Grupp für Ordnung gesorgt. In seinem Kopf. In seinem Unternehmen. In seinem Leben.
Jetzt nicht mehr. Grupp ist nicht mehr der Chef, hat in seiner Firma nichts mehr zu sagen. Nach der Übergabe beschlich ihn das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden - und dass die Welt da draußen verrückt spielt. Sein Leidensdruck, seine Leere, seine Hoffnungslosigkeit waren so groß, dass er sich umbringen wollte.
Sein Leben trägt jetzt diese Narbe.
"Ich find den süss"
Wolfgang Grupp zeigt mir an jenem 25. August 2025 Briefe, die er nach seinem Suizidversuch erhalten hat. Mehr als 2000 seien es. Solidaritätsbekundungen, Genesungswünsche. Er schimpft ein bisschen über die Postberge. Für ihn sind sie Arbeit. Er beantworte jeden Brief persönlich. Ehrensache. Eine Frage des Anstands, grummelt Grupp. Seine Frau Elisabeth kommt von ihrem Schreibtisch herüber: "Stell dir mal vor, du würdest nichts kriegen", sagt sie. Ja, stimmt, sagt Wolfgang Grupp, natürlich sei der Zuspruch schön.
Er setzt noch mal an. Wenn es jetzt darum gehe, seine Biografie zu schreiben: Könne man da nicht einen "Cut" machen? Vor jenem 7. Juli?
Elisabeth Grupp ist dagegen. "Das Kapitel muss geschrieben werden." Er könne Menschen helfen, wenn er über seine Erkrankung spreche. Sie sei Teil seines Lebens. Und: "Dein Leben ist nicht vorbei." Also gut.
Als sich Elisabeth und Wolfgang Mitte der 1980er-Jahre kennenlernen, ist sie 19, er 44. Als sie heiraten, ist Grupps Reetdachvilla längst fertig. Viel Holz, Jagdtrophäen an den Wänden; Handtücher, Servietten und goldenes Besteck mit seinen Initialen. Plus zwei Kinderzimmer und fest eingebaute Kinderbadewanne.
Es scheint, als habe Grupp seine Frau in eine Rolle gedrängt, als habe er mit ihr und seiner Familie geplant, sie alle ins Schaufenster seines Lebens gestellt. Elisabeth Grupp hat diese Rolle aber nicht nur angenommen. Sondern auch verändert, sie zu einer Hauptrolle entwickelt. Es gibt viele im Unternehmen, die sagen: Elisabeth Grupp ist die Chefin von Trigema. Ihr Erfolgsgeheimnis: Sie überlässt ihrem Wolfgang die Bühne.
20. Mai 2025, Hamburg, Hotel Vier Jahreszeiten. Es dauert nur wenige Augenblicke, ehe Wolfgang Grupp an diesem Abend seinen ersten Szenenapplaus bekommt, er hat soeben über Serienpleitiers geschimpft und sie "Lumpen" genannt.
Der Club europäischer Unternehmerinnen hat ihn eingeladen, es geht um "Unternehmerdynastien und erfolgreiche Unternehmensnachfolge". Alle vier Grupps sitzen auf dem Podium. Der Abend wird zur Wolfgang-Grupp-Show. "Nach der Eheschließung habe ich das Zepter freiwillig an meine Frau übergeben und führe seitdem eine gute Ehe", sagt er, um Lacher zu ernten, oder: "Wenn ein Bewerber aus Hamburg bereit ist, nach Burladingen zu gehen, dann kann das nur eine Superflasche sein." Die Frauen in Hamburg klatschen amüsiert. Eine sagt zu ihrer Nachbarin: "Ich find den süß."
Tournee mit dem Zweifel
Tags darauf lässt sich Grupp mit seinem Sohn im Helikopter nach Bad Oeynhausen fliegen. Je länger wir zusammen unterwegs sind, desto mehr wird mir klar, dass Grupp an sich zweifelt. Dass er schwere Fragen mit sich herumträgt: Wollen mich die Leute noch sehen? Schaffe ich das alles noch?
Elisabeth Grupp sagt: "Manchmal hadert er damit, dass er die Firma übergeben hat. Die Firma war sein Leben." Seine Tochter Bonita sagt, ihr Vater habe manchmal das Gefühl, dass ihn die Leute nicht mehr so wertschätzten wie früher: "Aber das ist überhaupt nicht so." Sein Sohn Wolfgang sagt, sein Vater werde in der Firma natürlich noch gebraucht. Aber er sagt auch: "Wir wollen ihm das Gefühl nicht geben - aber er merkt, dass die Firma auch ohne ihn funktionieren würde." Und Wolfgang Grupp? Was sagt er? "Ich habe früher alles bestimmt. Jetzt bestimmen es andere. Ich kann es nicht ändern, dass ich nicht jünger werde." Am nächsten Morgen kommt ein nachdenklicher Patriarch in den Frühstücksraum des Bad Oeynhausener Hotels. Er soll heute einen Vortrag vor Unternehmern halten. Gut geschlafen habe er nicht. Er sei aufgeregt, sagt er, wirkt verunsichert: "Schaffe ich das - oder nicht?" Der Mann im Frühstücksraum ist kein munter provozierender Bühnenstar mehr.
Auch später nicht. Manchmal scheint neben Wolfgang Grupp inzwischen ein zweiter, unsichtbarer Wolfgang Grupp auf der Bühne zu stehen. Einer, der sich den anderen, echten Wolfgang Grupp ansieht und ihn fragt: Was machst du da eigentlich? Glaubst du noch an das, womit du die Leute überzeugen willst? Oder spielst du nur noch die Rolle, für die du geliebt wirst? Sein Vortrag und seine Pointen zünden an diesem Tag nicht. "Er ist ganz amüsant", sagt eine Frau im Publikum. Ihr Nachbar meint: "Man darf nicht alles, was er sagt, wortwörtlich nehmen." 31. Mai 2025. Bahnhof Immenstadt im Allgäu. Ich brauche nicht lange nach Wolfgang Grupp zu suchen. Er trägt eine weiße Stoffhose, ein weißes Hemd mit schwarzen Initialen an der Brusttasche, ist heute barfuß in seine schwarzen Sneaker geschlüpft. Wolfgang Grupp im Freizeitlook. Ein langes Wochenende in seinem Jagdhaus in Missen.
"Sehr einsam"
Während wir zu seinem Mercedes schlendern, erzählt er, dass er am Bahnhof erkannt wurde, einige Leute wollten ein Selfie mit ihm. Er mache das gerne, sagt er: "Aber es ist schon verrückt, oder?" Es ist ruhig im Jagdhaus, außer Wolfgang Grupp ist noch eine Hausangestellte da. Elisabeth und Bonita Grupp rufen mehrmals an und erkundigen sich, ob es ihm gut geht. Elisabeth Grupp will am Abend bei ihrem Mann sein, sie ist noch bei ihren Eltern in der Steiermark. Wolfgang Grupp erzählt an diesem Tag, dass er nicht gern allein ist. Am 9. April, als Frau und Tochter auch verreist waren, hat er in sein Tagebuch zwei Worte geschrieben: "Sehr einsam". Wir blättern durch seine Einträge der vergangenen Monate. Ein Wort schreibt Grupp immer häufiger auf: "Depressionen". Manchmal notiert er die Uhrzeiten dazu; mal kommen die Schübe mitten in der Nacht, häufig abends.
"Wenn ich nachts im Bett liege, denke ich oft, mein Leben ist vorbei. Ich habe die Firma verschenkt. Ich habe dann das Gefühl, dass andere denken: ,Den Schwätzer braucht man nicht mehr.' Ich bin nichts mehr wert. Das ist schwierig zu verkraften." Er sieht sich auf der "Warteliste zum Ableben. Jetzt gibt's nur noch den Tod".
Er beschreibt mir die Hauptsymptome von Depressionen: Verlust von Freude, gedrückte Stimmung, Schlafstörungen, Hoffnungslosigkeit. Die Krankheit rückt sein Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ins Zentrum seines Lebens, nistet sich dort ein, nimmt immer mehr Platz ein. Ich frage Wolfgang Grupp, wie er mit seinen Depressionen umgeht. Er spreche darüber, auch mit seiner Familie, das tue ihm gut, sagt er. Und er bleibe Optimist: "Nach jeder Niederlage kommt auch wieder ein Sieg." Als ich am Abend aufbreche, ist Elisabeth Grupp noch nicht im Jagdhaus angekommen. Grupps Hausangestellte fragt mich, ob ich nicht zum Abendessen bleiben möchte, sie habe für mich eingekauft. Ich muss aber los, sonst komme ich an diesem Abend nicht mehr mit dem Zug zurück nach Hause. Erst später wird mir klar, was mir Grupps Mitarbeiterin eigentlich sagen wollte: Sie möchte, dass Wolfgang Grupp nicht allein ist.
"4.45 Uhr, Suizidversuch"
Der 7. Juli 2025 ist ein Montag. Am Vormittag meldet die Deutsche Presseagentur: "Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp im Krankenhaus". Zehn Tage später veröffentlicht Grupp einen Brief, in dem er seine Depressionen und seinen Suizidversuch publik macht.
Ich bin mir nicht sicher, ob Wolfgang Grupp weiterhin möchte, dass eine Biografie über ihn entsteht. Erst recht bin ich unsicher, ob seine Familie das möchte.
Und ich bin schockiert. Gehe die Gespräche mit ihm noch einmal durch. Und sehe, dass er das Thema Suizid mehrfach angeschnitten hat. Etwa als er mir erzählte, dass er sich als Jugendlicher umgebracht hätte, wenn er in der Schule sitzen geblieben wäre. Oder als er beschrieb, wie depressiv sein Vater war, nachdem er ihn von der Firmenspitze verdrängt hatte. Oder als er sich verständnisvoll über die Suizide der Unternehmer Adolf Merckle und Gunter Sachs äußerte.
Tagelang höre ich nichts von Wolfgang Grupp und seiner Familie. Dann, am Abend des 21. Juli, klingelt mein Telefon.
"Grupp, Trigema." Die Stimme klingt klar und entschieden, wie immer. "Ich dachte, ich melde mich mal bei Ihnen", sagt Wolfgang Grupp. Irgendetwas scheint seine Zunge beim Sprechen zu behindern, er nuschelt leicht, ist aber sonst ganz munter. Er sei noch im Krankenhaus, sagt er. Andere würden über Depressionen und Suizide schweigen. Er wolle darüber sprechen. Beim nächsten Treffen. In Burladingen. Es ist die Begegnung Ende August, die in seinem Büro beginnt. Elisabeth Grupp bittet uns dann rüber in die Villa. Sie kommt mit. Gemeinsam versuchen die beiden, Worte für das zu finden, was am frühen Morgen des 7. Juli passiert ist.
Wolfgang Grupp hat kaum Erinnerungen an diese Stunden. Deshalb spricht sie. Es sei nicht ungewöhnlich, dass ihr Mann nachts wach liegt, sagt Elisabeth Grupp. In jener Nacht habe sie gehört, wie er aufstand, ins Bett zurückkehrte, erneut aufstand. Da habe sie nach ihm gesehen.
Sie fand ihren Mann mit einer Pistole in der Hand vor.
Elisabeth Grupp konnte ihn nicht ganz abhalten. Aber wenn sie nicht gekommen wäre, lebte Wolfgang Grupp wohl nicht mehr.
Er hat Glück gehabt. Geblieben ist eine Narbe. Er wurde gerettet, so kann man das sehen. Die Frage ist, ob er das auch so sieht. So sehen kann. So sehen wird.
Ich muss daran denken, wie stolz mir Wolfgang Grupp einige Wochen zuvor seine Hochzeitsalben gezeigt hat. Darin ist auch die Rede dokumentiert, die er 1988 auf seine Frau gehalten hat. Grupp sagte: "Ich habe lange auf diesen heutigen Tag gewartet. Du hast mich mit dieser deiner Entscheidung aus dem Dunkel meines Lebens, das für viele so erfüllt, so glanzvoll schien, herausgeholt." Als ich ihn darauf anspreche, bestreitet er, dass Depressionen damals ein Thema für ihn waren. Er habe seine Rede halt "ein bisschen theatralisch gemacht".
Hat er vorher schon mal an Suizid gedacht? "Nein. Wenn ich Konkurs hätte anmelden müssen, hätte ich sicher dran gedacht. Aber das war ja nie ein Problem." Was war es dann? "Ich hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden." Nicht nur in Bezug auf die Firma. Sondern auch auf die Familie. "Dabei können meine Frau und meine Kinder überhaupt nichts dafür, dass ich Depressionen habe."
Wie der letzte Applaus
Zwei Tage vor dem Suizidversuch war Tag der offenen Tür bei Trigema. Die Familie sah für Wolfgang Grupp eine tragende Rolle vor: Er sollte an seinem Schreibtisch sitzen und mit den Menschen sprechen, die durch die Firma geführt wurden. Ihr Mann habe den Tag genossen, sagt Elisabeth Grupp: "Alle wollten ihn sehen. Aber dann war der Hype vorbei. Es ging ihm wie einem Künstler, der nach dem letzten Applaus in die Garderobe geht und allein dort sitzt." Am Tag danach sei ihr Mann viel allein gewesen. "Er ist jemand, der mit seiner Zeit nichts anfangen kann. Das ist ein Problem." Die Firmenübergabe, Probleme mit dem Alleinsein: "Du bist mit deiner persönlichen Lebenssituation nicht mehr zurechtgekommen", sagt sie zu ihm. In sein Tagebuch hat Wolfgang Grupp später für den 7. Juli eingetragen: "4.45 Uhr Suizidversuch".
Ein Hubschrauber bringt ihn in die Uniklinik Tübingen. Zwei Tage lang wird er ins künstliche Koma versetzt. Die Klinik führt ihn nicht unter seinem richtigen Namen. An den folgenden Tagen schreibt Elisabeth Grupp in das Tagebuch ihres Mannes. Sie vermerkt, dass ihr Wolfgang am Ohr operiert, von der Intensivstation auf die Psychiatrie verlegt wird.
Die Ärzte hätten von einem Wunder gesprochen, sagt sie. Die Kugel habe lebenswichtige Arterien nur knapp verfehlt. Er höre auf dem rechten Ohr schlecht, sagt Wolfgang Grupp, weitere gesundheitliche Einschränkungen habe er nicht.
Wohl aber viel Zeit zum Nachdenken. "Ich mache mir selbst Vorwürfe", sagt er: "Es war ein Fehler, eine Kurzschlusshandlung." Und: "Ich habe immer einen Ausweg gefunden. Aber hier gab es keinen. Ich war im Tunnel." Ein Angebot zur Gesprächstherapie habe er abgelehnt. "Ich kann das Geschwätz nicht mehr hören", sagt er. Aber er nehme jetzt Medikamente, es gehe ihm besser. "Ich habe das, was mich belastet hat, geschluckt und akzeptiert." Zeit fürs Mittagessen. Wir setzen uns raus auf die Terrasse. Elisabeth Grupp stellt mir ein "neues Familienmitglied" vor: Sissi, eine Dackeldame. Seit einigen Wochen lebt sie bei den Grupps, auch tagsüber, im Büro. Während des Essens buddelt Sissi im Garten herum. Wolfgang Grupp würdigt sie keines Blickes.
Seine Familie hat ihn gebeten, vorerst keine Vorträge zu halten und keine Interviews zu geben. Es wird schwer für ihn. "Er hat uns gesagt, dass wir ihm alles genommen haben", sagt Elisabeth Grupp.
Sie habe mit ihren Kindern darüber gesprochen, wie offen sie in Zukunft Privates in die Medien tragen wollen. Das Ergebnis der Diskussionen: Das "Allerletzte" soll die Biografie sein. Wolfgang Grupp fragt: "Was heißt das?" Elisabeth Grupp sagt: "Das heißt, dass Wolfgang und Bonita nur noch Interviews zu geschäftlichen Dingen geben werden. Sie wollen ihr Privatleben aus der Presse heraushalten. Ich bin auch der Meinung, dass die Geschichte der Familie Grupp dann auserzählt ist." Wolfgang Grupp fragt: "Beendet?" Elisabeth sagt: "Nein, auserzählt." Dann geht sie mit Sissi wieder rüber in die Firma.
Bei unserem Treffen vor ein paar Wochen im Allgäu hat Wolfgang Grupp mir noch erzählt, dass ihm kein Hund jemals ins Haus komme. Wie ist es nun, doch einen um sich zu haben? "Katastrophe", brummt Grupp. "Das sind alles Dinge, die ich über mich ergehen lassen muss."
Wunden einer Familie
Ende Oktober 2025. Ich frage Elisabeth Grupp, wie es ihr geht. Sie werde lange brauchen, um das Geschehene zu verarbeiten, sagt sie. Sie macht sich Vorwürfe. Auch ihrem Mann. Dass er nichts für seine psychische Erkrankung kann, weiß sie. Aber es fällt ihr zuweilen schwer, das zu akzeptieren.
"Mein Mann ist durch die Medikamente ruhiger geworden. Aber nicht reflektierter. Ich glaube, er versucht, seinen Suizidversuch zu verdrängen. Wir haben versucht, das anzusprechen. Aber es ist ihm nicht bewusst, was er seiner Familie angetan hat." Nein, entschuldigt habe er sich nicht bei seiner Familie, sagt Elisabeth Grupp. Es fehle ihm an Empathie. "Mein Mann ist ein sehr ichbezogener Mensch. Er war schon immer so. Aber er hätte auch seinen beruflichen Erfolg nicht gehabt, wenn er nicht so gewesen wäre, wenn er nicht mit eiserner Hand durchgegriffen hätte." Er selbst sagt später zu mir: "Ich werde jetzt nicht hingehen und Abbitte leisten. Ich habe ja selbst mehr Probleme dadurch." Er meint seine gesundheitlichen Einschränkungen, das verminderte Hörvermögen.
Und dass sein Suizidversuch die Marke Trigema beschädigt haben könnte? Davon will er nichts wissen. "Das hat der Firma Aufmerksamkeit gebracht. Trigema war konstant im Gespräch." Gegen Ende des Jahres ruft er an und weist mich auf einige Medienberichte hin. Der Suchmaschinenbetreiber Google hat bekannt gegeben, welche Persönlichkeiten in Deutschland im Jahr 2025 am häufigsten gegoogelt wurden. Der Rapper Haftbefehl führt die Liste an, danach kommen Bundeskanzler Friedrich Merz, die Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek - und dann schon: Wolfgang Grupp.
Er freut sich darüber, ist gerührt. "Ich habe in der Öffentlichkeit bleibende Eindrücke hinterlassen." So wie er es beschreibt, steht er wieder dort, wo er hingehört: im Zentrum des Geschehens, auf der Bühne seines Lebens.
Es ist März 2026, wir treffen uns für ein Interview für [Medium]. Wieder einmal sitzen wir in seinem Wohnzimmer vor den Bücherwänden mit den vielen Fotoalben, die wir oft zusammen durgeblättert haben. Bald erscheint das Buch. Die Bilanz seines Lebens. Grupp macht sich Gedanken darüber, was die Leute über ihn denken. War er zu offen? Könnte er vielleicht als Selbstdarsteller rüberkommen?
Zu seinem Suizidversuch hat er mittlerweile Distanz. Grupp sagt: "Ich muss dazu stehen, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte." Er erklärt die Depressionen für überwunden, er fühle sich wohl. Draußen scheint die Sonne.
Und ja, er kann sich schon wieder prächtig über die verrückte Welt da draußen aufregen. Zum Beispiel darüber, wie die überlegen führende CDU bei den Wahlen in Baden-Württemberg sich noch von den Grünen habe abgefangen lassen!
Sissi schaut auch mal vorbei. Grupp hat sich mit der Dackeldame abgefunden. Sie mag ihn, er mag sie. Geht doch.
Zeit für den Abschied. Doch vorher will mir Grupp noch jemanden vorstellen, im Zimmer nebenan. Sein Enkelkind ist im Januar zur Welt gekommen. Grupps Tochter Bonita hat einen Termin in der Firma, ein Kindermädchen hält das Baby in ihrem Arm. Wolfgang Grupp, der Firmenpatriarch und T-Shirt-Pionier, der Bühnenmensch und schwierige Patient, der Ehemann und Vater, zeigt mir stolz das Kind. Er beugt sich herunter, streichelt es, stupst es an der Nase an. Und sagt: "Hier ist dein Opa." ?
Einschübe
„Er merkt, dass die Firma auch ohne ihn funktionieren würde“
Wolfgang Grupp junior über seinen Vater
„Mein Mann ist ein sehr ichbezogener Mensch. Er war schon immer so“
Elisabeth Grupp über ihren Mann
„Ich habe immer einen Ausweg gefunden. Aber hier gab es keinen. Ich war im Tunnel“
Wolfgang Grupp
