Meine Klinik ist die beste
von Andreas Glas und Nina von Hardenberg
Süddeutsche Zeitung vom 17.03.2026
Inhalt: Der Artikel zeigt am Beispiel der niederbayerischen Stadt Bogen auf, wie die Umsetzung der von Karl Lauterbach beschlossenen Klinikreform sich in die Lokalpolitik auswirkt: Ziel der Reform war die Spezialisierung und Effizienzsteigerung der Standorte, was mit der Schließung von Standorten einhergehen könnte. In der Bevölkerung weckte dieser Vorschlag (es existieren bisher keine belastbaren Pläne) Ängste, die sich in der Unterstützung irreführender populistischer Positionen entladen; amtierende Politiker werden im Kommunalwahlkampf aufgrund fehlender Rückendeckung von oben abgestraft.
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Meine Klinik ist die beste
Dass das Gesundheitssystem zu teuer ist, sieht fast jeder so – bis es um das „eigene“ Krankenhaus geht. Wie im niederbayerischen Bogen, wo eine Bürgermeisterin für etwas abgestraft wird, das sie gar nicht zu entscheiden hat.
Die Klinik steht am Hang. Ein Betonklotz, etwas versteckt. Doch wer die Bayerwaldstraße entlangfährt und hinaufschaut, kann die Klinik sehen. Sie verschwindet kurz zwischen Häusern, aber dann ist sie wieder da. Das reicht ja. Einfach zu wissen, für den Fall der Fälle: Die Klinik ist da.
Nur wie lange noch?
Sonntag, 1. März. Etwa 150 Leute haben sich am Stadtplatz in Bogen versammelt. „Jede Minute, jede Sekunde zählt, besonders im Notfall“, sagt Walter Franz. Er steht auf der Ladefläche eines Kleinlasters. Ein kräftiger Mann mit Siebentagebart. Franz, 35, ist Zimmermann. Man merkt ihm an, dass er öfter auf Dächern steht als am Mikro. Er redet keine fünf Minuten. Reicht ja. Seine Botschaft ist einfach: „Unsere Klinik muss bleiben!“ Heftiges Nicken am Stadtplatz, Beifall.
Bleibt unser Krankenhaus? Das ist die Frage, die sich die Menschen hier stellen. In Bogen, Niederbayern. Und nicht nur hier, die Klinikreform treibt die halbe Republik um. Was macht es mit den Leuten, wenn sie das Gefühl haben, dass der Hang unter ihrer Klinik wegrutscht?
Erst klatschen sie am Stadtplatz, dann kritzeln sie ihre Unterschriften auf Zettel, die hier ausliegen. Ein Bürgerbegehren soll verhindern, dass ihr Krankenhaus schrumpft, vielleicht sogar schließt. Da geht es ja schon los mit den Missverständnissen. Die Klinikreform verlangt gar nicht unbedingt, dass Häuser zusperren. Die Kliniken sollen sich verändern, sich spezialisieren, fusionieren, weniger stationär behandeln. Fachkrankenhaus, Tagesklinik, großes Ärztehaus, derzeit ist vieles denkbar in der kleinen Bogener Klinik. Aber zwischen dem, was denkbar ist, und dem, was die Menschen befürchten, ist eine Menge Raum.
An diesem Tag weiß noch keiner, wie heftig sich der Gefühlsstau entladen wird
Die Reform werde jährlich „Zehntausende Menschenleben retten“, hat ihr Erfinder versprochen, der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Walter Franz glaubt nicht, dass die Reform Leben rettet. Er glaubt, dass sie Leben gefährdet. In Bogen steht also Aussagen gegen Aussage. Und auf dem Stadtplatz haben die Leute mehr Vertrauen in den Zimmermann Franz als in den Mediziner und Gesundheitsökonomen Lauterbach und seine Nachfolgerin Nina Warken (CDU), die die Reform verteidigt.
Walter Franz klettert von der Ladefläche. Er hat die Unterschriftenaktion organisiert. Er sieht zufrieden aus. „Ob es eine Krankenhausreform braucht oder nicht, kann ich im Großen nicht beurteilen“, sagt Franz. Aber was das Krankenhaus in Bogen angeht, da muss er nicht lang überlegen: „Wir brauchen unseres definitiv.“
In Bogen, 11 200 Einwohner, kann man gerade einiges lernen. Über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Reformen in einem Land, das Reformen dringend bräuchte. Alle wissen, dass das Rentensystem auf Pump läuft. Dass die Republik nicht „kriegstüchtig“ ist. Dass die Energie irgendwo herkommen muss. Aber länger arbeiten, die Kinder zur Bundeswehr schicken, ein Windrad in der Nähe, das wollen viele dann doch nicht. Und das Krankenhaus? Soll natürlich auch bleiben, wie es ist. Es ist ja das eigene.
An diesem 1. März ahnt noch niemand, wie heftig sich der Gefühlsstau sieben Tage später entladen wird, bei der bayerischen Kommunalwahl. In Bogen, Mainburg, Dinkelsbühl, Ebern, überall dort klammern oder klammerten sich die Leute an ihre Krankenhäuser. Und überall dort werden die Leute ihre Bürgermeister oder Landräte so brutal abstrafen, wie man es selten erlebt hat.
Auch Walter Franz, der Zimmermann, tritt als Bürgermeisterkandidat an. Für den Wählerverein BOG, die drei Buchstaben stehen für: bürgernah, offen, gemeinsam. Sie haben den Verein erst im Dezember gegründet. Die CSU? Besetzt das Rathaus seit 24 Jahren. Wer im Dezember anfängt und im März gewinnen will, braucht eigentlich ein Wunder. Oder halt eine Klinik, die wackelt. Die Klinik ist das große Wahlkampfthema von Walter Franz. In sieben Tagen wird er in Bogen mehr Stimmen holen als die CSU-Kandidatin, die amtierende Bürgermeisterin. 47,9 Prozent. Stichwahl. Am kommenden Sonntag gibt es reihenweise Stichwahlen in Bayern. Amtsinhaber wackeln, weil ein Thema alles auf den Kopf stellt: die Klinik.
Man drängelt sich unter einen Pavillon, zu Klaudia, 63, und Willi Auernheimer, 75, die vor den Unterschriftslisten stehen. „Unsere Tochter ist da geboren“, sagt sie über das Krankenhaus in Bogen. Er sagt: „Wir haben lang genug gearbeitet und einbezahlt“, und jetzt soll kein Geld mehr da sein fürs Klinikum? „Das kann ja nicht sein.“ Das Ehepaar ist aus Kirchroth hergefahren, nach Bogen sind es 15 Kilometer. Nach Straubing wären es nur zehn Kilometer, dort steht das nächste Krankenhaus mit Notfallversorgung. Aber in Straubing sei „alles so riesig“, sagt Klaudia Auernheimer. Die Klinik in Bogen sei „gemütlicher“.
Reformen sind nie gemütlich. Doch selten hat eine Reform die Gemütlichkeit so rücksichtslos ignoriert wie Lauterbachs Klinikumbau. Der Minister hat gar nicht erst versucht, es allen recht zu machen: den Kommunen, den Beschäftigten, den Menschen. Vielleicht musste das so sein. Wer es allen recht machen will, macht am Ende gar nichts. Lauterbach hat angefasst, was vor ihm keiner konsequent angefasst hat. Nur, so richtig mitgenommen hat er halt niemanden.
Noch dürfen Krankenhäuser fast alles: Hüften operieren, akute Herzinfarkte behandeln, Geburten begleiten. Auch, wenn sie nicht darauf spezialisiert sind. Manchmal kostet das Leben, aber vor allem kostet es Geld. Vier von fünf deutschen Kliniken machen Verluste, zuletzt lag das Defizit bei insgesamt 12,7 Milliarden Euro. Deutschland leistet sich deutlich mehr Krankenhäuser pro Einwohner als die meisten Länder Europas. Ein teures System, aber nicht das beste, fand Lauterbach. „Daher ist auch die Lebenserwartung bei uns schlechter als in vielen Nachbarländern.“
Noch mehr Geld in dieses System zu pumpen, kam für Lauterbach nicht infrage, schon aus Kalkül: Eine Klinik, die ausblutet, verschwindet irgendwann von allein. Problem erledigt. Um also die Qualität zu erhöhen, um Geld zu sparen und Personal, das überall fehlt, müssen die Kliniken ihre Kräfte bündeln. Jedes Haus soll nur noch machen, was es richtig gut kann. Und wer zu klein ist, um es richtig gut zu können, macht es eben nicht mehr. Das ist die Theorie der Reform.
Mit Statistiken kommt man gegen die Angst der Leute nicht an
Und jetzt zurück in die Praxis, ins niederbayerische Leben. Auch Barbara Muhr, 65, setzt ihre Unterschrift auf die Liste. Sie hat 22 Jahre im Bogener Klinikum gearbeitet, als Physiotherapeutin, jetzt ist sie im Ruhestand. Sie sagt: „Kräfte bündeln spart immer Geld. Aber ich weiß nicht, ob Sparen wirklich das Allerwichtigste ist, wenn es um die Gesundheit der Menschen geht.“
Die Klinikreform rührt an Urängste. An die Angst, dass der Krankenwagen zu lange braucht, weil die Klinik zu weit weg ist. Dass niemand hilft, wenn es um Leben und Tod geht. Angst lässt sich nicht wegstrukturieren, nicht so leicht wegargumentieren. Man kann eine Reform von oben nach unten verordnen, Gefühle nicht. Und Gefühle finden in der Politik immer jemanden, der sie bedient.
„Kurze Wege retten Leben“, hat Bürgermeisterkandidat Franz am Stadtplatz gesagt. Was er nicht gesagt hat: dass er als Bürgermeister wenig ausrichten könnte, weil die Klinik dem Landkreis gehört. Dass er heute noch gar nicht weiß, was das Krankenhaus künftig kostet. Dass als Richtschnur für gute Versorgung gilt, dass die allermeisten Menschen in 30 Minuten eine Klinik erreichen sollten. Und dass das im Raum Bogen selbst dann so wäre, wenn das Haus zusperren würde. Nach Berechnungen des Krankenkassenverbandes müssten nur zwei von 216 846 Menschen länger als 30 Minuten fahren. Zwei.
„Das ist eine Statistik, die ich nicht glaube“, sagt Franz. Wenn die Angst im Spiel ist, glaubt man, was man fühlt. Nicht, was jemand rechnet. Aber, ja, jede Statistik hat einen Haken. Wenn die nächstgelegene Klinik in Straubing überlastet ist, was vorkommt, dann fährt der Krankenwagen weiter. Ins nächste Klinikum, ins übernächste, und aus 30 Minuten werden 45 oder 60.
Andererseits, wer einen schweren Unfall hat, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, den fährt der Notarzt schon heute an Bogen vorbei. Die Leitstellen schicken die Patienten in die großen Häuser, die besser ausgestattet sind. Trotzdem unterschreiben in Bogen an einem Tag 800 Menschen für den Erhalt ihrer kleinen Klinik. Für sie zu kämpfen, komme „bei den Leuten besser an, als wenn ich einfach nur zuschaue und nichts tue“, sagt Bürgermeisterkandidat Franz. Politik müsse „in einem bestimmten Maße populistisch sein, sonst kann ich ja nichts bewegen“, findet Werner Länger, sein Mitstreiter.
Die Bürgermeisterin ist auch da an diesem Sonntag am Stadtplatz. Andrea Probst steht am Rand, wie auf einer Party, zu der sie nicht eingeladen ist. Eine schmale Frau, die ziemlich erdrückt aussieht von all den Leuten, die wortlos an ihr vorbeigehen. Zurzeit macht das Klinikum Bogen ein Jahresdefizit von 6,3 Millionen Euro. „Es muss Veränderungen geben“, hat Probst der Lokalzeitung gesagt. Aber jetzt steht sie da, umgeben von Menschen, die eines ganz bestimmt nicht wollen: Veränderungen.
Fünf Tage vorher. Andrea Probst, 47, radelt den Hang zur Klinik hoch. Dynamisch sieht das aus, sehr leicht. Als sie dann sitzt, in der Klinik-Cafeteria, wirkt nichts mehr leicht an dieser Frau. Sie hat gerade erst vom Bürgerbegehren erfahren. Sie überlegt lange, bevor sie spricht, fängt Sätze an, die man sich selbst zu Ende denken muss. „Jeder will, dass die Klinik erhalten bleibt“, sagt Probst, auch sie selbst. Aber „momentan sind wir in einer Situation, wo ich im Nebel stochere“.
Probst ist nicht die einzige Bürgermeisterin oder Landrätin, die den Menschen erklären soll, was sie selbst gar nicht wissen kann: Wie geht es weiter mit unserem Krankenhaus? Probst weiß ja nicht, wie viel Geld in Bogen landen wird, bislang steht nur fest, dass Bund und Länder 50 Milliarden Euro für die Reform geben. Sie weiß auch nicht, welche Leistungen die Klinik künftig anbieten darf, das bestimmen die Länder. Der Freistaat Bayern will erst im zweiten Halbjahr darüber entscheiden, und der Bundestag hat gerade erst längere Fristen für den Umbau der Kliniklandschaft beschlossen. Alles zieht sich.
Die Leute wollen aber Klarheit, jetzt. Und wenn Landräte und Bürgermeister keine Klarheit liefern können, liefern halt andere. Mit einfachen Botschaften, auf der Ladefläche eines Lieferwagens. Auch die AfD hat im Kommunalwahlkampf das „Kliniksterben“ beschworen, in Stadträten und Kreistagen hat sie dann deutlich zugelegt. Der Wählerverein von Walter Franz ist nicht die AfD, das ist wichtig, doch in Sachen Klinik ist der Sound nicht so anders. „Der Bund hat so viele Steuereinnahmen wie noch nie“, sagt Franz, aber „für unsere Leute reicht es nicht mehr“.
Der Populismus erfindet die Probleme nicht. Er spitzt sie zu. Unsere Leute. Unsere Schulen. Unsere Straßen. Alles geht den Bach runter, und jetzt? Sperrt auch noch unsere Klinik zu. Schmarrn, sagt CSU-Landrat Josef Laumer am Telefon, man tue „seit zwölf Jahren nichts anderes, als das Krankenhaus zu erhalten“. Der Landkreis hat Millionen ins Klinikum gesteckt, hat externe Chirurgen reingeholt, um sie besser auszulasten. Nun soll ein Gutachten klären, wie sich Bogen sparsamer mit den anderen drei Kliniken im Landkreis ergänzen kann. Auch das Gutachten zieht sich, andere Landkreise waren da schneller.
Doch, die Bürgermeisterin will die Leute informieren. Nach der Wahl
Walter Franz fragt sich, warum das Gutachten so lang dauert. Vielleicht, weil der Landkreis längst andere Pläne „in der Hinterhand“ habe. Diejenigen, die fürchten, dass ihre Klinik zusperrt, dürfte so ein Geraune eher nicht beruhigen. Manches sei ja „fast schon verschwörungstheoretisch“, findet Andrea Probst, die Bürgermeisterin. Noch mal, sagt sie, ums Zusperren gehe es nicht. Derzeit geht es darum, ob die 24-Stunden-Notfallversorgung bleibt, die Intensivstation. Ob das Haus umgebaut wird, in eine Fachklinik etwa oder ein sektorenübergreifendes Versorgungszentrum.
Im Grunde sagt das auch Walter Franz, Probsts Gegenspieler, wenn man sich länger mit ihm unterhält. Auch Franz geht es um die Notfälle, die Intensivstation. Auch er sagt, dass man eine Draufzahlklinik nicht halten kann, ohne anderswo zu sparen. Aber dann steht Franz am Stadtplatz, auf der Ladefläche, und ruft: „Unsere Klinik muss bleiben!“ Wer denkt da nicht an ein Türschild: für immer geschlossen.
Bürgermeisterin Probst steigt jetzt die Kliniktreppe hoch. Man muss klingeln, die Türen zur Intensivstation gehen auf. In einem Bett hinter einem orangefarbenen Sichtschutzvorhang liegt Johann Bräu, 80. In seinen Nasenlöchern stecken Schläuche, in seinen Adern Kanülen. Hinter ihm zittern bunte Kurven auf einem Monitor. Es piept. Bräu ist zu Hause hingefallen, keine Kleinigkeit für einen alten Mann. Dann hat er auch noch Fieber bekommen. Er liegt seit elf Tagen hier.
„Das wird schon wieder“, sagt Bräu, aber was wird aus der Klinik? „Man kann nicht alles machen, das ist schon klar, aber die Notfälle, wenigstens das.“ Seine Stimme bricht. „Die Politiker“ müssten sich endlich mal hinsetzen „und drüber nachdenken: Wo kriegen sie das Geld her?“ Die Politikerin Probst steht daneben und sagt jetzt lieber: nichts.
Vielleicht sollte sie das mal? Etwas sagen, die Dinge erklären? Habe sie gemacht, sagt Probst, neulich im Stadtrat. Wie viele Leute haben zugehört? Fünfzehn oder zwanzig, aber die Zeitung habe ja berichtet, „unser Sitzungssaal ist jetzt nicht die große Stadthalle“. Vielleicht sollte sie mal eine Halle buchen? Das letzte Podium zur Klinik ist in Bogen zwei Jahre her. „Wenn die Wahl vorbei ist, möchte ich gerne eine Infoveranstaltung machen für die breite Bevölkerung“, sagt Probst.
Nach der Wahl? Andrea Probst weiß an diesem Tag noch nicht, wie diese Wahl ausgeht. Dass Walter Franz die meisten Stimmen holen wird. Dass ihr eine Stichwahl blüht. Man erlebt hier eine Bürgermeisterin, die fest davon ausgeht, dass sie Bürgermeisterin bleibt. Eine Frau, die darauf vertraut, dass die Leute schon wissen, dass sie nicht zuständig ist für eine Reform, die in Berlin entstanden ist. Und für ein Klinikum, das dem Landkreis gehört. Probst ist auch Kreisrätin, aber selbst der Landkreis kann nur ein Zukunftskonzept für seine Kliniken vorlegen. Am Ende entscheidet München, nicht Bogen.
In Berlin und München machen sie Ansagen, aber den Ärger haben sie hier
Nur reden sie in München auch nicht so gern über die Reform. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat die Kliniken im Kommunalwahlkampf ziemlich konsequent ausgeklammert. Im März 2024 hatten ihm die Landrätinnen und Landräte einen bösen Brief geschickt: „Ein weiteres Zuwarten auf die Entwicklungen auf Bundesebene darf es nicht länger geben.“ Sie wünschen sich Rückendeckung, doch Söder hält sich raus. Er hat in Kauf genommen, dass auch ein paar Landräte oder Bürgermeisterinnen von der CSU dran glauben müssen. Die Wut ist jedenfalls nicht bei ihm gelandet.
Und Judith Gerlach (CSU), seine Gesundheitsministerin? Moderiert, finanziert Gutachten. NRW hat schon vor eineinhalb Jahren seine Kliniken neu sortiert. Baden-Württemberg zieht jetzt nach. Bayern lässt sich Zeit. Gerlach nennt das kommunale Eigenverantwortung. Die Landräte nennen es: alleingelassen werden. Man brauche keinen „moderierten Stuhlkreis, sondern eine echte Verantwortungsübernahme“, stand in einem zweiten Brandbrief im Dezember 2024. Und jetzt verlängert Berlin auch noch die Fristen der Reform. „Die Länder bekommen mehr Zeit“, hat Gesundheitsministerin Warken gesagt.
Mehr Zeit heißt aber auch: mehr Unsicherheit, noch mehr Raum und Gelegenheiten, mit Verlustängsten zu operieren, für Populisten, für die AfD. Und an Gelegenheiten mangelt es ja nicht, die Krankenhausplanung ist Ländersache, 2026 stehen noch vier Landtagswahlen an. Die nächste an diesem Sonntag, in Rheinland-Pfalz.
Berlin zeigt auf die Länder, die Länder zeigen auf Berlin oder die Kommunen, die Kommunen zurück auf Bund und Land. Selten zeigt mal jemand auf das, was man gewinnen könnte: mehr Kliniken, die etwas wirklich gut können, mehr Profis für komplexe Operationen, Krebstherapien, Herzinfarkte. In einem der rund hundert deutschen Cardiac Arrest Center überlebt man laut Studien einen Herzkreislaufstillstand häufiger, trägt seltener neurologische Schäden davon. Wer ein künstliches Knie bekommt, ist besser dran, wenn die Ärztin nicht zum zehnten Mal operiert, sondern zum tausendsten Mal. Dann sinkt das Risiko, dass sich die Prothese entzündet, dass eine zweite OP nötig wird.
Die Sache ist: Viele wissen das ja alles. Auf dem Stadtplatz in Bogen erzählt eine Frau, dass sie eine neue Hüfte bekommen habe. In Bogen? Nein, in München. Operiert Bogen keine Hüften? Doch, aber die Münchner Klinik mache „nur Gelenke“, sagt Johanna Hüttinger, 70. Sie unterschreibt dann trotzdem dafür, dass ihr Krankenhaus so bleiben soll, wie es ist.
Zuletzt standen in deutschen Kliniken knapp ein Drittel der 470?000 Betten leer. Kleine Häuser sind wichtig. Sie entlasten die großen Zentren, nehmen fiebrige Senioren auf, versorgen nach einer OP, nah am Zuhause. Und natürlich arbeiten dort Menschen, 500 in Bogen. Aber braucht Bogen wirklich 120 Betten, eine Intensivstation, eine 24-Stunden-Notaufnahme?
Samstag, 14. März. Der erste Wahlgang ist sechs Tage her. „Ich bin total überrascht“, sagt eine Frau zu Andrea Probst. „Nicht nur du“, sagt die Bürgermeisterin. Es ist Klostermarkt in Bogen, Probst steht am CSU-Infostand, nachher wird sie Haustürwahlkampf machen, abends beim Sportverein vorbeischauen, Jahreshauptversammlung. Eigentlich wollte sie ja feiern, heute ist ihr Geburtstag. Sie wird 48. Aber jetzt muss sie Stimmen sammeln, für die Stichwahl.
Ein paar Meter daneben hat Walter Franz seinen Stand aufgebaut, ihr Konkurrent. Probst kann zuschauen, wie er die Leute anspricht, wie sie sich über Listen beugen, mit Kugelschreibern. Ein paar Tausend haben inzwischen für den Erhalt der Klinik unterschrieben. Franz stelle sich als „Retter“ dar, sagt Probst, „total unfair“. Vor zwei Wochen, beim Treffen im Klinikum, hat sie lange über ihre Sätze nachgedacht. Heute nicht. „Es wäre schon gut gewesen, wenn von oben eine Aussage gekommen wäre“, sagt Probst, „klarere Botschaften, was jetzt Sache ist.“
Oben, das ist Berlin, das ist München. Aber den Ärger haben sie hier: in Bogen.
Ein letztes Gespräch mit Walter Franz, an seinem Infostand. Er sagt: „Ich bin mächtig stolz.“ Er hat es in die Stichwahl geschafft: „Ich bin Gewinner.“
Eine Frau kommt. Sie fragt, wie es weitergeht mit dem Krankenhaus in Bogen. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen, dann ist es weg“, sagt Franz. „Wenn es weg ist, ist es weg“, sagt die Frau. Und kritzelt ihre Unterschrift auf die Liste.
