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3. Fladenbrot vermessen
Wie in Syrien ein neuer Staat entsteht
von Karin A. Wenger und Hani Alagbar
NZZ Folio vom 02.03.2026
Inhalt: Die Reportage über den Wiederaufbau des syrischen Staates nach dem Bürgerkrieg verbindet Schilderungen aus dem Alltag der Menschen mit der philosophischen Frage danach, was ein funktionierendes Staatswesen ausmacht. Der Prozess lasse sich an fünf Elementen beschreiben:
- Sicherheit: die Pflicht der Regierung, das Gewaltmonopol durchzusetzen und für Stabilität zu sorgen
- Finanzen: die Währung zu stabilisieren, den wirtschaftlichen Wiederaufbau als freie Marktwirtschaft sowie die Wiedereingliederung in das internationale Finanzsystem voranzutreiben
- die Verwaltung zu verschlanken und Korruption, Vetternwirtschaft und Geisterbeamte zu bekämpfen
- die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, insbesondere Fladenbrot, sicherzustellen sowie
- die Identität des neuen Staates über die Medien zu entwickeln. Insbesondere gelte es, die heterogenen Bevölkerungsgruppen unter einer Staatsidee zu vereinen.
Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt.
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Wie in Syrien ein neuer Staat entsteht
Nach dem Sturz des Diktators Bashar al-Asad
im Dezember 2024 prallt in Syrien die Theorie
der Staatenbildung auf die Realität. Unterwegs mit
Zollbeamten, Unternehmern und dem obersten
Bäcker des Landes.
Ein Umsturz in Syrien, der etwas auf sich hält, braucht ein Communiqué Nummer 1, verlesen im Radio oder Fernsehen. Das war schon in den 1950er Jahren so, als ein Militärdiktator in kurzer Abfolge den anderen ablöste. Und so stehen am 8. Dezember 2024 neun Männer in Strassenkleidern am Moderationspult des staatlichen Fernsehens. Einer von ihnen, ein breitschultriger in einem Kapuzenpulli, schaut direkt in die Kamera. «Communiqué Nummer 1», liest er auf Arabisch von einem Blatt Papier. «Durch die Gnade Gottes, des Allmächtigen, wurde die Stadt Damaskus befreit.»
Der Auftritt der Männer war ihr erster und bisher letzter im Staatsfernsehen. Er zeigt, dass sich dieses Ritual im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat, obschon in Syrien 54 Jahre lang kein Communiqué Nummer 1 mehr zu hören war.
Das Land wurde in dieser Zeit nicht nur von einem der schrecklichsten, sondern auch von einem der inkompetentesten Regime der modernen Geschichte verwaltet: der Diktatorenfamilie al-Asad. Es herrschten Korruption, Willkür, Repression. Übrig geblieben von den staatlichen Strukturen sind verwahrloste Gebäude, vergilbte Aktenstapel und über eine Million Angestellte.
Da sind immer noch echter Patriotismus und Hoffnung, aber auch Misstrauen und Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen. Die neuen Herrscher stehen vor einer gigantischen Aufgabe: Sie müssen einen neuen Staat bauen.
Scheitern sie, droht ein neuer Krieg. Die Ausgangslage könnte kaum schlechter sein: Syrien ist zerbombt, fragmentiert, traumatisiert.
Das von der Truppe in Kapuzenpullis verlesene Communiqué Nummer 1 ist ein Anfang, doch was braucht es danach?
Seit Jahrhunderten fragen sich Gelehrte, was einen Staat zum Staat macht: von Denkern wie Platon und Aristoteles bis zur politischen Theoretikerin Hannah Arendt.
Ein Staat ist eigentlich ein unwahrscheinliches Gebilde. Menschen, die einst in Kleingruppen durch den Busch streiften, schlossen sich zu riesigen Gemeinschaften zusammen. Sie gaben Autonomie auf und unterwarfen sich Gesetzen. Heute stehen stabile Staaten – ob demokratisch oder nicht – für Schutz, ein geregeltes Zusammenleben und Wohlstand. Auf das hoffen auch die Menschen in Syrien.
Dort kann man gerade in Echtzeit miterleben, wie ein Staat entsteht.
Um diesen Prozess zu begreifen, kann man sich vorstellen, dass sich ein Staat aus fünf Bausteinen zusammensetzt: Sicherheit, Finanzen, Verwaltung, Versorgung, Entwicklung. Doch was bedeutet das in einem Land, das in einer unruhigen Weltgegend liegt, das auch zuständig ist für die Produktion von Fladenbroten und in dem der alte Diktator noch von den Banknoten blickt?
Der grundlegendste Baustein ist für alle Menschen der gleiche. Wir mögen uns anders grüssen, anders essen, an andere Götter glauben. Doch am grössten ist überall das Bedürfnis nach Sicherheit.
1. Sicherheit
Ahmad Kalawi erinnert sich genau daran, wie er zum ersten Mal beim Grenzübergang Nasib im Süden des Landes ankam. Damals habe nur eine einzige Lampe gebrannt. Sie beleuchtete ein Porträt des Diktators Bashar al-Asad.
Nun ist es hell in seinem Büro. Der 34-jährige Kalawi ist der neue Chef des Grenzübergangs Nasib, eines der grössten des Landes. Ein bisschen die Strasse hinunter, und er wäre in Jordanien. «Sie haben diesen Ort benutzt, um Leute zu erpressen», sagt er. Sie – damit meint er die Sicherheitskräfte und Geheimdienste von Bashar al-Asad.
Unter Asads Herrschaft – besonders während der letzten vierzehn Jahre Krieg – lösten die Orte, an denen Uniformierte warteten, vor allem Angst aus. Auch hier am Grenzübergang Nasib hat Kalawi von seinen Angestellten Gruselgeschichten gehört. Eine der glimpflichen wird so nacherzählt: Ein Grenzbeamter habe von einem Taxifahrer 50 Dollar verlangt. «Wofür?», habe dieser wissen wollen. «Wenn du nicht bezahlst, melde ich den Sicherheitsleuten, dass du Drogen schmuggelst. Sie werden dein Auto beschiessen.»
Am Grenzübergang wurden manchmal ganz normale Menschen verhaftet. Vielleicht, weil die Person zufällig hiess wie jemand, der auf den berüchtigten Listen stand von einem der vier Mukhabarat, der Geheimdienste. So genau wusste das niemand. Jeder konnte in Syrien einfach verschwinden.
Asad gab im Krieg vor, er müsse das Land im Namen der Sicherheit bombardieren. Zum Schutz vor den Rebellen, die er Terroristen nannte. Während seiner Herrschaft wussten die Menschen vor allem eines mit Sicherheit: dass ihnen der Staat keine Sicherheit gibt.
Das spürte auch Kalawi. Er ist in der Stadt Homs aufgewachsen, drei Stunden Autofahrt nördlich von Damaskus. Als 2011 die Proteste ausbrachen, die später in den Krieg mündeten, studierte er Jura. An seiner Universität fürchtete er sich, ein falsches Wort zu sagen. Jeder Mitstudent hätte ein Spitzel sein können. Homs gehörte zu den ersten Städten, die sich gegen Asad erhoben. Die Armee schlug besonders grausam zurück. Kalawi flüchtete 2013 in den Nordwesten Syriens, in die Gegend um Idlib, die zur Rebellenhochburg wurde. Das Gebiet war neben dem kurdisch kontrollierten das einzige, das Asad nie zurückerobern konnte.
In Idlib entstand über die Jahre eine Art Ministaat, abgeriegelt vom Rest Syriens. Der einzige Weg nach draussen führte über einen Grenzübergang in die Türkei. Dort arbeitete Kalawi auf der syrischen Seite als Bereichsleiter.
Anfang Dezember 2024 stürzte eine Rebellenallianz, angeführt vom Bündnis Hayat Tahrir al-Sham, kurz HTS, den Diktator Asad. Die Rebellen hatten nur elf Tage bis Damaskus gebraucht. Doch was dann? Das Naheliegendste war, zu schützen, was den Staat auf der Landkarte definiert: das Territorium. Die Rebellen begannen mit der Kontrolle der Aussengrenzen.
Der deutsche Soziologe Max Weber definierte einen Staat einst über dessen Gewaltmonopol. Asad hatte es verloren. Der Neue an der Macht, Präsident Ahmed al-Sharaa, versucht nun seit über einem Jahr durchzusetzen, dass einzig der Staat physische Gewalt ausübt. Das Gewaltmonopol ist das Fundament jedes Staates. Es verhindert Selbstjustiz und das Recht des Stärkeren.
Sharaa liess die Armee und die Geheimdienste auflösen, Tausende Soldaten gaben ihre Waffen ab. In die neuen Sicherheitskräfte integrierte Sharaa verschiedene Milizen. Einst unterstützte er selbst die Kaida und stand auf der Terrorliste der USA. Heute distanziert er sich von seiner Vergangenheit; doch viele Christen, Drusen, Alawiten und Kurden misstrauen ihm.
Über einige der Kämpfer scheint Sharaa keine Kontrolle zu haben, was die Einheit des Staates gefährdet. Manche beteiligten sich am Massaker an der Küste im Frühjahr 2025 mit 1500 Toten, im Sommer bekämpften sich Drusen und Stammeskrieger im Süden. Die Armee kämpfte und verhandelt mit den kurdischen Truppen um deren Gebiet. Hinzu kommen Anschläge der Terrormiliz Islamischer Staat und anderer jihadistischer Gruppen. Im Süden Syriens surren israelische Drohnen im Himmel, am Boden besetzen Soldaten ein Stück Land. Staatenbildung unter erschwerten Bedingungen.
Schon im Januar 2025 leuchteten in Damaskus auf Werbebildschirmen Aufrufe, dass der Staat neue Polizisten suche. Seither veröffentlicht das Innenministerium auf Facebook gelegentlich Fotos von einigen hundert Männern bei der Abschlussfeier ihrer Polizeiausbildung. Längst tragen die Bewaffneten der Staatssicherheit an Strassen-Checkpoints oder vor der Zentralbank alle dieselben schwarzen Overalls. Auch optisch muss ein Staat Ordnung vermitteln.
Ebenfalls neu ist die Generaldirektion für Grenzübergänge und Zölle. Sie begann die Arbeit bereits am 31. Dezember 2024, später liess sie Sharaa per Dekret Nummer 244 formal in die staatliche Behördenstruktur integrieren. Die Grenzübergänge sind ein Vorzeigeprojekt des neuen Staates.
Ahmad Kalawis Büro hat die Grösse eines Saals: massives Pult, Konferenztisch mit Bildschirm, schicke Polstergruppen. Er setzt sich für das Gespräch nicht in die Mitte, sondern an den Rand eines Sofas. Seine Stimme klingt sanft.
Lieber als reden will er aber zeigen. Draussen deutet er in die Höhe auf die Flagge in den neuen Farben Grün, Weiss, Schwarz, mit roten Sternen. «9 mal 15 Meter Stoff. Die Stange 67 Meter hoch. Dieser Übergang ist das Tor von Syrien in die Welt.»
Seine Beamten prüfen die Passagiere und tippen Nummern von Identitätskarten in das Fahndungssystem. Hunde schnüffeln in Lastwagen nach Drogen und Sprengstoff. «Die Grenze ist die Frontlinie der Verteidigung der Gesellschaft im Land. Ist diese Front schwach, kann alles durchsickern und die nationale Sicherheit gefährden», sagt Kalawi. Auch für ihn persönlich ist Sicherheit das Wichtigste. «Denn Sicherheit bedeutet Stabilität.»
Stabilität. Das ist, was der Staat hier vermitteln will. Zum Beispiel mit dem Spielplatz in der Nähe der Ankunftshalle, umrandet von einem Zaun in Pastelltönen. Zwei Syrerinnen, die in Jordanien leben, stehen neben der Schaukel. Eine erzählt, sie und ihr Mann hätten während Asads Herrschaft die Grenze nur ein einziges Mal überquert. «Ich hatte solche Angst um ihn», sagt sie. Für Männer war die Gefahr grösser, verhaftet zu werden. «Jetzt ist es unkompliziert, wir fahren oft hin und her.»
In der renovierten Ankunftshalle hängen Zettel an den Wänden, für alle, die ihre Angehörigen benachrichtigen wollen: «Free Wi-Fi», darunter ein QR-Code. «Öffnen Sie das Internet, und beruhigen Sie Ihre Lieben.» Früher hätten weniger als 100 Passagiere pro Tag die Grenze überquert, sagt Kalawi. Diesen Sommer seien es bis zu 15 000 gewesen. Sicherheit bringt Leben.
Das Gewaltmonopol über den syrischen Staat kann Präsident Sharaa noch nicht beanspruchen. Aber viele Menschen fürchten sich im Alltag weniger. Am Grenzübergang holen Lastwagenfahrer vor Mitternacht noch den Passierschein, damit sie Syrien durchqueren können. «Die Strassen sind nun sicher in der Nacht», sagt Kalawi.
Auch er fährt manchmal durch die Dunkelheit, nach Idlib, um seine Frau und die neunjährige Tochter zu besuchen. Sie fehlen ihm. Etwa einmal im Monat schafft er die 440 Kilometer lange Fahrt.
2. Finanzen
Vor der Zentralbank in Damaskus geben junge Männer ihre Pistolen an einem Tischchen ab und erhalten, ähnlich wie in einer Garderobe, einen Zettel mit einer Nummer, den Abholschein.
Drinnen zeigen die Männer an einem Schalter ihren Ausweis, dann treten sie durch Glastüren in die Hallen. Manche führen Aufträge für den Staat aus, bringen Geld von Institutionen in die Zentralbank. Sie karren Stapel von Banknoten durch die Gänge, hieven sie auf ihre Schultern und laden sie auf den Theken ab.
Die Stapel sind beinahe wertlos. Die Währung ist seit dem Krieg so stark gefallen, dass man im Alltag Banknotenbündel wie Ziegelsteine mit sich herumschleppt. Die grösste Note, 5000 syrische Pfund, ist 35 Rappen wert. Bezahlen kann man in Syrien wegen des maroden Bankensystems nur in bar.
Schon im 17. Jahrhundert erklärte der Staatstheoretiker Thomas Hobbes, ein Staat müsse Geld eintreiben für seine primäre Aufgabe, Sicherheit zu schaffen. Steuern sind demnach so etwas wie der Preis für den Frieden. Ohne stabile Finanzen keine Sicherheit, ohne Sicherheit keine Verwaltung, ohne Verwaltung keine Versorgung und ohne Versorgung kein gutes Leben. Sicherheit bildet das Fundament eines Staates, Geld das Rückgrat.
Um die Rolle des Geldes in einem Staat zu verstehen, sollte man mit den Finanzexperten der Verwaltung sprechen. In den ersten Monaten nach dem Sturz konnte man als Journalistin noch unangemeldet durch die Türen von Behörden treten und mit Verantwortlichen reden.
Nun aber wird Syrien zu einem richtigen Staat – mit Büros für Medienverantwortliche. Dort sitzen Angestellte, die hilfsbereit Vorgesetzte anrufen oder deren Telefonnummern weitergeben, sonst aber zu wenig befugt sind.
Das Finanzministerium schreibt auf Whatsapp, ein Interview mit dem Minister sei derzeit nicht möglich, er sei auf Reisen. Ausser ihm dürfe niemand Auskunft geben über die Reformen.
Der Chef der neu gegründeten Investmentbehörde teilt ebenfalls per Whatsapp mit, er sei gerade im Ausland.
Und auch die Zentralbank lässt ausrichten: Fotografieren sei in Ordnung, Fragen stellen nicht. Der Zentralbankchef halte sich in Washington auf, niemand ausser ihm dürfe mit der Presse reden.
Die syrische Finanzelite ist auf Mission im Ausland. Ein moderner Staat kann nicht funktionieren, ohne mit anderen Staaten verbunden zu sein.
Während Jahrzehnten verhängten Regierungen in Amerika und Europa, später sogar die Arabische Liga, Sanktionen, die Asad unter Druck setzen sollten. Die syrische Wirtschaft ging zugrunde, internationale Firmen zogen ab. Geldüberweisungen funktionierten nicht, manche internationalen Websites oder Programme sind für Geräte in Syrien immer noch gesperrt. In einem Radiointerview im Sommer sagte der Zentralbankchef, er sei zu einem Zoom-Meeting eingeladen worden, habe sich aber nicht einloggen können.
Die Rückkehr in die Gemeinschaft der Staaten ist voller Hindernisse. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis alle Sanktionen aufgehoben waren. Mitte Juni 2025 verkündete die Zentralbank, sie habe zum ersten Mal seit dem Ausbruch des Krieges eine Überweisung per internationalem Zahlungsverkehr Swift durchgeführt.
Präsident Sharaa will auch ein neues Wirtschaftsmodell. Weg vom sozialistischen System der vergangenen Jahrzehnte, hin zur freien Marktwirtschaft. Kaum jemand vertritt diesen Wandel so leidenschaftlich wie der Unternehmer Mazen Derawan, 66, der den Wirtschaftsminister berät. Spätabends, nachdem er mit seiner Frau in einem schicken Restaurant gegessen hat, setzt er sich in die Lounge auf der Terrasse. Fast alle Stühle sind besetzt, auf den Tischen stehen Burger oder Quinoa-Salat mit Edamame. An diesem Ort scheint die Krise im Land weit weg.
Derawan trägt einen Anzug, eine teure Uhr und ein Stoffarmband in den Farben der neuen Flagge. Wenn es dem Staat diene, nehme er sich gerne Zeit für ein paar Fragen. Er hielt jahrelang Vorträge im Ausland. «Ich habe, wenn man es so nennen will, das Evangelium des Wettbewerbs und des freien Marktes verbreitet.» Das einzige Land, in dem er sich stillgehalten hat, war sein eigenes. Als Asad gestürzt sei, habe er einen Bauplan für Syrien entwickelt. Wie findet man am schnellsten aus dem wirtschaftlichen Loch heraus?
Er öffnet die Notizen-App auf seinem iPhone und liest vor: «Titel: Plan zum Wiederaufbau der zusammengebrochenen syrischen Wirtschaft». Dann beginnt er zu reden und hört 36 Minuten lang nicht mehr auf.
Arbeitslosigkeit und Hunger will er mit Massnahmen bekämpfen, die Investoren anlocken sollen: Die Banken müssten wieder funktionieren, es brauche Mechanismen, um Streitigkeiten vor Gericht schnell zu lösen. Er schlägt möglichst wenig staatliche Regeln vor und eine schlanke Verwaltung, damit die Ausgaben niedrig bleiben. Je weniger Staatsangestellte, desto besser.
Ganz andere Erwartungen haben viele Menschen im Land. Entlassene Beamte protestierten auf den Strassen, Kleinunternehmer verlangten staatliche Unterstützung. Laut der Uno leben 90 Prozent der Bevölkerung in Armut. Sie wissen nicht, wer ihnen helfen soll, ausser der Staat oder Nichtregierungsorganisationen.
Derawan selbst hat eine seiner Firmen von Jordanien nach Damaskus verlegt. Er ist Mitgründer von Amana Foods, einem Konzern, der Fleischprodukte und Konserven produziert. Seine Vision: Solange die Syrer für wenig Lohn arbeiten, könnten syrische Produkte die günstigsten der Welt sein.
Die Staatseinnahmen will er vor allem über eine Mehrwertsteuer auf den Konsum im Land sichern. Um Menschen mit wenig Geld zu entlasten, soll es Ausnahmen für Güter des täglichen Bedarfs geben. Er lächelt. «Ich bin ein blutsaugender Kapitalist, aber ich habe ein Herz für arme Menschen.»
Bevor er mit seiner Frau in der Dunkelheit nach Hause spaziert, beantwortet er noch eine Frage: «Was erwarten Sie persönlich vom Staat?» – «Dass er mich in Ruhe lässt.» Würde Derawan einen Staat bauen, wäre Meinungsfreiheit ein nötiger Baustein. Es scheint nicht, dass Syrien wirklich zu einer Demokratie wird, wie es westliche Regierungen gerne sähen – doch immerhin ist es zurzeit möglich, laut zu sagen, was man denkt.
Die Wirtschaft wächst in Syrien deutlich langsamer, als es Derawans Bauplan vorsieht. Viele fragen sich, woher das Geld für den Wiederaufbau des zerbombten Landes kommen soll. Die Kosten werden auf mehrere hundert Milliarden Dollar geschätzt.
Immerhin etwas verbessert sich seit Anfang des Jahres 2026: Die Banknotenstapel werden kleiner. Präsident Sharaa liess zwei Nullen von der Währung streichen und präsentierte an einer Konferenz neue Banknoten. Sie zeigen Rosen, Oliven, Weizen, Orangen und eine Maulbeere. Symbole dafür, dass Syrien bald wieder eine Landwirtschaft haben soll, die Geld einbringt. Asads Gesicht, gedruckt auf der 2000er-Note, verschwindet allmählich aus dem Alltag der Syrerinnen und Syrer.
3. Verwaltung
In der Schalterhalle der Hauptpost in Aleppo können die Menschen nicht nur Briefe verschicken oder ihre Rente abholen. Seit dem Sturz Asads kommen Leute, die Arbeit suchen, auch hierher, um sich eines der wichtigsten persönlichen Dokumente zu besorgen. Es ist nicht ihr Pass und auch nicht die Geburtsurkunde, sondern ein Schein mit dem Namen «warah ghayr muazaf», auf Deutsch: Nicht-Mitarbeiter-Papier. Ein Nachweis, dass man noch keine Stelle beim Staat hat.
Von den rund 1,3 Millionen Staatsangestellten unter Asad waren 400 000 nie zur Arbeit erschienen. In Syrien leben etwa 23 Millionen Menschen. Vetternwirtschaft und Korruption durchdrangen die Büros. Chefbeamte hatten Namen auf den Lohnlisten erfunden, um sich selbst mehr auszahlen zu lassen oder vielleicht jemandem, dem sie einen Gefallen schuldeten.
So blähten sie während Jahrzehnten die Verwaltung auf. Mitte Dezember 2024 sollten die Männer, die unter Asad Departemente geleitet hatten, den Neuen an der Macht ihre Arbeit erklären. Einer sagte, er führe eine Abteilung für Festival- und Eventmanagement. Er wurde gefragt, was diese genau mache. «Flaggen», antwortete er. «Es gibt ein Departement für Flaggen?» – «Ja», sagte der Mann, «wenn ausländische Staatsgäste kommen, hängen wir viele Flaggen auf. Das ist eine grosse Aufgabe.»
Im Januar 2025 erzählte der neue Gouverneur von Homs, es habe Beamte gegeben, deren Arbeit darin bestanden habe, das Licht in den Büros ein- und auszuschalten. Ein Mitarbeiter des Sozialministeriums sagte damals, niemand in seinem Departement habe wirklich den Überblick, wer wofür zuständig sei. Und welche Angestellten tatsächlich existierten.
Max Weber definierte den modernen Staat als Herrschaft mit bürokratischem Verwaltungsstab. Ein Staat ohne Verwaltung bedeute Macht ohne Ordnung. Erst die Verwaltung sorgt dafür, dass Gesetze nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch im Alltag der Menschen ankommen.
Um einen Staat zu bauen, blieb den Neuen in Syrien nichts anderes übrig, als wochenlang Lohnlisten zu prüfen, Angestellte zu befragen, alte Verträge mit privaten Unternehmen und Lieferanten zu kontrollieren. Die Departementschefs schickten Zehntausende Beamte in die Ferien, holten später manche zurück, es kam zu Massenentlassungen. Laut der Regierung werden am Ende mindestens 300 000 Angestellte ihren Job verlieren.
Der Staat unter Asad diente vor allem dazu, dem Staat selbst zu dienen. In der zweitgrössten Stadt des Landes, Aleppo, steht nun am Eingang der Postzentrale: «den Bürgern dienen».
Drinnen steht auf kleinen Plakaten der Hinweis, wer sich beschweren wolle, solle die abgedruckte Nummer anrufen. Am anderen Ende werden sie die Stimme eines 37-jährigen Mannes hören. Hassan al-Ghannam ist seit Ende Frühling verantwortlich für die fünfzehn Postfilialen, die der Staat in der nördlichen Provinz betreibt. Er nimmt Reklamationen persönlich entgegen.
«Min yuharrir yukarir» heisst ein arabisches Sprichwort. Übersetzt: Wer befreit, der entscheidet. Mit diesem Selbstverständnis sitzt Ghannam, der früher in einer Miliz kämpfte, in einem edlen Anzug hinter seinem Holzschreibtisch. Es ist noch derselbe, hinter dem schon Asads Postbürochef gesessen hatte. Neben dem Pult liegt auf einer Kommode eine schwarze Sporttasche. Darin sei das Nötigste, falls er im Büro übernachte, sagt der vierfache Vater.
In Idlib hatte er als Buchhalter für verschiedene Firmen gearbeitet. Nach dem Sturz Asads bewarb er sich auf die Stelle bei der Post.
Das A4-grosse Nicht-Mitarbeiter-Papier ist die Lösung für das Problem der Geisterbeamten. Gerade warten einige Männer und eine Mutter mit ihrem Baby vor einer der drei Theken darauf. Ohne werden sie keine Arbeit finden. Hinter einem der Schalter sitzt Nadine Nader, 34, sie arbeitet seit sieben Jahren hier. In ihren Computer tippt sie die elfstellige Zahl der Identitätskarte eines Mannes mit dunklen Tränensäcken, der sie erwartungsvoll anschaut. Das System prüft, ob die Person bereits irgendwo beim Staat angestellt ist. Wenn nicht, druckt Nader die Bestätigung aus, die umgerechnet einen halben Dollar kostet. Damit alle gleich viel bezahlen, steht der Preis gut sichtbar an den Säulen. In anderen Behörden hängen nun Zettel an den Wänden: «Bestechen verboten».
Im Kampf gegen die Korruption kontrolliert der Staat nicht nur konsequenter, sondern will auch verhindern, dass Menschen drei Jobs gleichzeitig annehmen müssen, um zu überleben. Angestellte in der untersten Stufe erhalten seit dem Sommer statt umgerechnet 25 Dollar nun 75 im Monat.
Beim Bau des neuen Staates wird viel verändert und neu gedacht. Das Nicht-Mitarbeiter-Papier gehört nicht dazu. Das gleiche Formular hat es eigentlich schon unter Asad gegeben.
4. Versorgung
Der oberste Bäcker Syriens tritt normalerweise durch den Hintereingang in die Backstube. Auch als er an diesem Tag in Duma, einer Stadt nahe Damaskus, eine Bäckerei besucht. Mohammed Tarik Assaiadi, 39, ist Chef des Departements der Bäckereien und führt seine Kontrollen selbst durch. Er riecht an einem Stück Teig, nimmt einen Fladen vom Förderband, geht dann zur Verkaufstheke. Dort wiegt er die Stapel der gebackenen Brote, die Mitarbeiter durch Luken nach draussen verkaufen. 1154 g, 1028 g, 1158 g zeigt die Waage an. «Bitte», sagt der Bäckereibetreiber, der ihm nervös zuschaut, «schmeiss mich wegen der fehlenden 50 Gramm nicht raus.»
Assaiadi kennt jedes Detail in den Backstuben. Er studierte Maschinenbau und fing an, in einer Bäckerei zu arbeiten, weil er das Geld brauchte. Sein Job bestand darin, die Geräte zu prüfen, die den Teig zuerst portionieren und dann auswallen für das in Syrien beliebte Fladenbrot. Manchmal aber musste er seine Arbeit unterbrechen, weil er Vorlesungen oder Prüfungen hatte. Dann bat er seine Kollegen, für ihn zu übernehmen. Sie sprangen ein und verlangten, dass er an anderen Tagen extra lange blieb.
Zehn Jahre nach seinem Studium begann die Rebellengruppe HTS in Idlib, eine Verwaltung aufzubauen. Sie nannte sich «Regierung der Rettung», tolerierte Kritik zwar nur bedingt, machte aber bei Strom, Strassenbau oder Müllabfuhr einen deutlich besseren Job als Asad.
So startete Assaiadis Karriere im Bäckereidepartement. Die Verwaltung sei unbürokratisch gewesen, erklärt er und zeigt Chats auf seinem Handy. Sei in einer Bäckerei etwas kaputtgegangen, habe ihnen der Betreiber einfach ein Foto des Schadens per Whatsapp oder via eine Facebook-Gruppe geschickt. So habe dieser rasch das Geld für die Reparatur erhalten.
Als die Rebellen der HTS bei ihrem Siegeszug auf die Hauptstadt vorrückten, war Assaiadi bereits Chef seiner Abteilung. Die Offensive verlief so schnell, dass er alle paar Tage seinen Posten wechseln musste. Als die Rebellen Ende November Aleppo eroberten, liess er von Idlib aus 100 000 Packungen der tellergrossen Fladenbrote in die Stadt schicken, um den Menschen dort zu zeigen, dass sich die neuen Machthaber um sie kümmerten. Wenige Tage später sass er schon in der nächsten Stadt, in Hama, im regionalen Departement der Bäckereien, und dachte: «Hoffentlich geht das etwas langsamer bis Homs.»
Nun ist er seit über einem Jahr Chef des staatlichen Departements der Bäckereien. Auch seine Behörde kämpfte zu Beginn gegen Korruption und Geisterbeamte. Noch im Januar befürchtete er, dem Land gehe der Weizen aus, da Asads Verbündeter Russland Lieferungen stoppte.
Um Staatsgelder zu sparen, musste Assaiadi auch tun, was im schlimmsten Fall hätte Massendemonstrationen auslösen können: Er hob den Preis für eine Packung Fladenbrot auf 4000 syrische Pfund, knapp 30 Rappen, an, zehnmal mehr als unter Asad. Brot birgt im Nahen Osten die Gefahr, Regierungen zu stürzen.
Der politische Philosoph Jean-Jacques Rousseau formulierte im 18. Jahrhundert den «Contrat social»: Menschen geben gewisse individuelle Rechte auf, wenn ihnen im Gegenzug ein würdiges Leben mit Freiheit, Sicherheit und Mitbestimmung garantiert wird. Der Staat müsse Bedingungen schaffen, unter denen niemand in extreme Armut falle. In Syrien gehört dazu, dass der Staat Bäckereien betreibt, die günstiges Brot verkaufen.
Das teurere Brot löste keine Unruhen aus. Einige Wochen nach dem Umsturz erzählten Frauen, die in Schlangen vor Bäckereien warteten, sie hätten zwar kaum Geld für die Fladen, doch sie seien zufrieden, weil sie anders als unter Asad nicht mehr viele Stunden anstehen müssten. Sie schienen vor allem erleichtert, dass der Diktator und die Angst vor ihm fort sind, die Hoffnung auf ein besseres Leben überwog.
Assaiadi besucht Bäckereien nicht nur unangekündigt, weil er die Qualität des Brotes selber testen will. Sondern auch, damit ihn die Betreiber nicht hintergehen, indem sie beispielsweise weniger Angestellte beschäftigten, als sie abrechneten, oder die Brotrationen zu klein machten, um Mehl zu sparen.
In der Backstube in Duma nimmt Assaiadi ein Messband, 33 Zentimeter sollte der Durchmesser des Fladens betragen. Die Brote sind 37 Zentimeter. Er geht zielstrebig zurück zu einer der Maschinen, verstellt einen Hebel und beruhigt danach den besorgten Betreiber. Seine tiefe Angst ist nicht nur eine Folge des Lebens in der Diktatur, sondern auch der Ungewissheit, was die neuen Vertreter des Staates vorhaben. Dem Bäckereibetreiber sagt Assaiadi, er solle die Fladen etwas weniger dünn auswallen.
Im Auto auf der Rückfahrt nach Damaskus sagt er: «Wenn der Staat zu wenig Brot produziert, bricht Chaos aus. Menschen können sich daran gewöhnen, ohne Strom zu leben. Aber nicht ohne Brot.» Er ist kein Minister, hat keine öffentlichen Auftritte, sein Departement befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude in der Hauptstadt. Seine Rolle im neuen Staat sieht er so: «Ich bin wie der unbekannte Soldat.»
5. Entwicklung
Musa al-Bakr, der Chef des PR-Teams des Staatsfernsehens, grüsst mit dem Selbstbewusstsein eines Fernsehmoderators. Der 33-Jährige hatte schon mit der HTS gekämpft, als diese noch der syrische Ableger der Kaida war. Dann, 2020, wechselte er ins Medienteam der Regierung in Idlib.
Er führt durch ein Treppenhaus, in dem an einem Ort die Decke herunterhängt. «Es ist fast wie in einem Gefängnis.» Er grinst. Alles im Staatsfernsehen unter Asad sei so veraltet gewesen, dass er sich am Anfang gefühlt habe, als reise er hundert Jahre in die Vergangenheit. Sie hätten im Ausland lebende Syrer eingestellt, die das neu angeschaffte Equipment bedienen konnten. Zudem bauten sie ein Team auf, das sich um Inhalte für Social Media kümmere.
Im TV-Studio wuschelt eine Moderatorin durch ihre Haare, in wenigen Minuten beginnt die Sendung. Hier produziert der Staat täglich News und Diskussionsrunden zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Zusätzlich zu den Nachrichten plant das Staatsfernsehen, bald Serien zu drehen. «Unterhaltung macht den Leuten gute Laune, und durch Serien können wir auch Botschaften vermitteln», sagt Bakr. Brot und Spiele, das wussten schon die Römer.
Hannah Arendt schrieb, der Staat sei mehr als ein Verwaltungsapparat. Erst durch Geschichten und Erzählungen entstehe eine gemeinsame Welt, die den Menschen erlaube zu entscheiden, wer sie sein wollten.
Das Communiqué Nummer 1, das im Fernsehen nach dem Sturz von Asad verlesen wurde, hat Musa al-Bakr damals auf Social Media gesehen. Die Rebellen, die im TV aufgetreten seien, hätten das spontan gemacht. Als die HTS-Verantwortlichen den Clip sahen, schickten sie sofort eigene Leute los, um das Fernsehgebäude einzunehmen. Nichts sollte ohne ihre Zustimmung geschehen. «Ein solches Statement weckt nur schlechte Erinnerungen, es ist ein Symbol der Unterdrückung», sagt Bakr.
Seit dem Communiqué Nummer 1 entsteht in Syrien ein neuer Staat. Vieles davon kann man vermessen, die Grenzen etwa, die im Jahr 1916 der Brite Mark Sykes und der Franzose François Georges-Picot mit Stift und Lineal auf eine Karte zeichneten. Man kann Statistiken über Staatsangestellte führen und das Bruttoinlandprodukt analysieren, Löcher in den Strassen zählen und Dekrete des Präsidenten nummerieren.
Doch wann ist ein Staat eigentlich ein Staat? Wenn die Grenzbeamten Pässe stempeln, Menschen mit neuen Banknoten bezahlen, der Präsident zum ersten Mal vor der Uno in New York spricht?
«Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins», sangen Syrerinnen und Syrer weltweit auf den Strassen, als sich am 8. Dezember 2024 die Meldung verbreitete, Bashar al-Asad sei aus dem Land geflüchtet.
Ganz so einfach ist das nicht.
Syrien ist ein Land mit Orten wie Idlib, wo Frauen ohne Kopftuch manchmal angeschrien werden, oder Damaskus, wo junge Menschen in Bars zu Live-Musik tanzen, Bier und Arak trinken, den syrischen Anisschnaps. Da ist eine junge Frau in einer Kirche in Aleppo, die an Weihnachten im Gottesdienst ein Lied singt. Da sind die Kurden im Norden, die sich davor fürchten, bald unter islamistischen Gesetzen zu leben. Da sind die Alawiten aus der ehemaligen Hochburg Asads an der Meeresküste in Latakia, die sich auf einmal fremd im eigenen Land fühlen.
Auch sie sind es, die den Staat formen.
Die Syrerinnen und Syrer sind patriotisch, sie kleben die neue Flagge an Autoscheiben, drucken sie auf T-Shirts und hängen Fähnchen an Balkone. Aber sie tragen unterschiedliche Versionen ihres Landes im Herzen.
Was, wenn das Selbstverständnis eines Staates nicht einfach gegeben ist durch Zugehörigkeit zu einer Sprache, Ethnie, Religion? Präsident Sharaa und seine Entourage haben die Freiheit, die Anfängen innewohnt. Während sie daran arbeiten, einen funktionierenden Staat zu bauen, müssen sie auch aushandeln, welcher Staat das sein soll. Und vor allem: für wen?
