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Geschäfte im dunklen Graubereich

von Maria Retter, Elisa Simantke, Marcel Rosenbach, Bastian Obermayer, Hannes Munzinger, Lea Hruschka, Gabriel Geiger, Emmanuel Freudenthal, Riccardo Coluccini, Christo Buschek, Crofton Black und Sophia Baumann
Der Spiegel vom 14.10.2025

Inhalt: Die Firma First Wap verkauft die Software Altamides, mit der die Handys von Zielpersonen geortet und Bewegungsprofile hergestellt werden können - offiziell nur zum legalen Einsatz in der Strafverfolgung. Der Artikel weist nach, dass Altamides an "Schurkenstaaten" verkauft wurde und mithilfe der Software politische Gegner in bspw. Vatikan und Ruanda ausgeschaltet wurden; bei Red Bull Media wurden jahrelang Führungskräfte überwacht. Bei einem Undercover-Messebesuch der Journalisten organisiert das First-Wap-Führungspersonal den illegalen Verkauf der Software in ein sanktioniertes Land über Tarnfirmen.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Geschäfte im dunklen Graubereich

Ein deutscher Geschäftsmann vermarktet mit seiner Firma ein Spionagesystem, mit dem sich weltweit Handys orten lassen. Eine Recherche zeigt, dass damit Politiker, Journalisten und Prominente ausgespäht wurden.

Die Männer, die fast jeden überwachen können, sind schwer zu finden. Ihre Firma gibt es seit mehr als 20 Jahren, doch kaum jemand kennt sie. Was sie anbietet, bleibt unsichtbar und meist unbemerkt: Ihre Technologie kann weltweit Handys orten. So lässt sich aus der Ferne und heimlich abfragen, wer wann für wie lange wo war.

Vom Geschäftsführer und Mitinhaber des Unternehmens gibt es hingegen kaum Spuren im Netz, nicht einmal ein Foto. In einem Videotelefonat ist er der Einzige, der seine Kamera nicht einschaltet. Er wirkt wie ein Phantom, das aus dem Verborgenen heraus die Welt bespitzelt.

Offiziell sitzt seine Firma First Wap in der indonesischen Hauptstadt Jakarta und in Dubai. Doch im Frühsommer reisten die Manager zur wichtigsten Messe ihrer Branche nach Prag. Das »ISS World Europe« ist eine geschlossene Veranstaltung. Journalisten sind nicht willkommen.

Doch Undercover-Reporter eines Teams um die Rechercheorganisation Lighthouse Reports verschafften sich mit einer Legende Zutritt. Die Journalisten gaben sich als Vermittler aus, auf Einkaufstour für Kunden aus Westafrika. Etwa aus Niger, einem der ärmsten Länder der Welt. Nach einem Militärputsch 2023 verhängte die EU scharfe Sanktionen gegen die Junta. In Deutschland und anderen EU-Staaten braucht man für die Lieferung von Spitzelsoftware Exportlizenzen. Abnehmer aus Niger wären ausgeschlossen.

Das Ziel der Reporter war der First-Wap-Stand in einem der hinteren Räume. Dort warb das Unternehmen unter anderem mit »Location Tracking«, also dem Orten von Zielpersonen. Ihr System, das noch mehr kann, heißt Altamides. Anwender müssen nur eine Handynummer eingeben, schon spuckt das Programm den Standort des Geräts aus.

Sobald es am Messestand um besonders heikle Fragen ging, wechselten die Verantwortlichen leise aus dem Englischen in ihre Muttersprache Deutsch. Der diskrete Geschäftsführer stellte sich als Jonny G. vor, geboren in Passau. Sein Vertriebschef heißt Günther R. und ist erst seit einigen Jahren im Unternehmen. Er ist Österreicher, so wie der 2024 verstorbene Unternehmensgründer Josef F. Der stammte aus einem Tiroler Bergdorf, arbeitete für Siemens und baute dann eine global operierende Überwachungsfirma auf.

Ein umfangreicher Datensatz zeigt nun: Die Software Altamides wurde viele Jahre lang auch für unethische oder sogar illegale Zwecke verwendet. Der brisante Datensatz ist einer der bislang größten aus der abgeschotteten Überwachungsbranche. Er belegt mehr als 1,5 Millionen Trackingversuche in 168 Ländern und Regionen der Welt, vor allem zwischen 2007 und 2014. Rund 14.000 Mobilnummern wurden damals mit der First-Wap-Technologie lokalisiert, teils sporadisch, teils 100-fach – auch in Deutschland und Österreich.

Dabei lautet die Marketingerzählung der Branche stets: Man verkaufe nur an Regierungen – zum legalen Einsatz der Technik in der Strafverfolgung, für die Jagd auf Terroristen und Verbrecher. Die Realität ist düsterer. So wurde die Software der israelischen NSO-Group wiederholt auf den Handys von Regierungskritikern, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten gefunden, auch in Ungarn und Griechenland. Erst in diesem Frühjahr wies man die Schnüffelsoftware des israelischen Herstellers Paragon auf Mobiltelefonen italienischer Journalisten nach.

Auch die Liste der Zielpersonen im First-Wap-Datensatz legt einen massiven Missbrauch der Spähtechnologie nahe. [Recherchepartner] konnten rund 1500 überwachte Nummern ihren Nutzern zuordnen und haben mit mehr als 100 von ihnen gesprochen.


»Das erschreckt mich, ich finde das unmöglich«

Darunter sind internationale Enthüllungsjournalisten, Staatsanwälte und Minister. Ein früherer Premierminister von Katar gehört dazu sowie Asma al-Assad, die Frau des ehemaligen syrischen Machthabers. Dazu Oligarchen, Diplomaten, Banker und Topmanager. Etwa die US-Unternehmerin Anne Wojcicki, Gründerin des Start-ups 23andMe und Ex-Frau des Google-Gründers Sergey Brin, die rund 1500-mal getrackt wurde. Ein Vorstand des italienischen Ölkonzerns Eni, ein leitender Airbus-Mitarbeiter und ein bekannter Formel-1-Blogger wurden ebenfalls lokalisiert. Selbst die Kultur blieb nicht verschont: Die Nummer, die Hollywoodschauspieler Jared Leto für sein Snapchat-Konto nutzt, steht auf der Liste – und die des österreichischen Sängers Wolfgang Ambros.

Sie alle wurden mit dem Altamides-System von First Wap lokalisiert, mitunter entstanden weitreichende Bewegungsprofile. Keines der Opfer ahnte wohl, dass seine Privatsphäre teils über Jahre verletzt wurde, die meisten reagierten überrascht und empört. »Das erschreckt mich, ich finde das unmöglich«, sagt ein deutscher TV-Produzent und Regisseur. Er will nun rechtliche Schritte prüfen.

Insgesamt gab es in den Jahren, die das Material umfasst, 4264 Tracking-Versuche für deutsche Nummern, davon 1276 in Deutschland. Eine Abfrage führte ins Berliner Paul-Löbe-Haus direkt neben dem Reichstag. Dort haben Abgeordnete ihre Büros, treffen sich Bundestagsausschüsse. Eine weitere Ortung fand in oder unmittelbar an einem BND-Gebäude in Berlin statt. In beiden Fällen ließen sich die Nummern keinem Inhaber zuordnen. Häufig war das anders. Eine Spur führte sogar in den Vatikan.


Die Jagd auf den Vatikanenthüller

Die Betreffzeilen interner E-Mails zeigen, dass im Frühjahr 2012 plötzlich Hektik ausbrach. »Dringend«, hieß es da, und: »Lass alles stehen und liegen!« Ein italienischer Vermittler hatte einen vielversprechenden neuen Altamides-Interessenten aufgetan, der eine Vorführung der Spähtechnologie verlangte. Teils kürzten die Mitarbeiter, die das ermöglichen sollten, den möglichen Neukunden diskret mit »V« ab, manchmal schrieben sie ihn aus. Es gehe um die »Vatikan-Visite«, stand in einer Mail.

Der Mittelsmann berichtete seinen Kollegen, er bitte die Kirchenleute um Beispielnummern für einen Probelauf. Offenbar bekam er diese prompt.

Vier Tage später begann das Tracking von zwei Handys. Beide gehören Gianluigi Nuzzi, einem italienischen Investigativjournalisten. Sein Spezialgebiet sind Enthüllungen aus dem Kirchenstaat. Einige Jahre zuvor hatte er mit seinem Buch »Vatikan AG« weltweit Schlagzeilen gemacht, Korruption und skandalöse Finanzgeschäfte der Vatikanbank aufgedeckt.

Nun stand er kurz davor, den nächsten Aufreger zu veröffentlichen. »Seine Heiligkeit« basierte auf geheimen Briefen des deutschen Papstes Benedikt XVI., die aus dessen Wohnung verschwunden waren. Nuzzi beschrieb Intrigen und Machtkämpfe. Der Skandal wurde unter dem Namen »Vatileaks« bekannt. Entsprechend groß war die Nervosität rund um den Petersdom.

Fast 200-mal wurde der Aufenthaltsort des Autors in den folgenden Tagen abgefragt, zeitweise automatisiert einmal pro Stunde. Nur eine knappe Woche später verhaftete die Vatikanpolizei Nuzzis wichtigsten Informanten – den damaligen Kammerdiener des Papstes. Am nächsten Tag endete die Dauerüberwachung Nuzzis – das Interesse schien verflogen. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen den Ortungen und der Festnahme bestand, geht aus den Daten und Mails nicht hervor.

Im Sommer trifft [Medium] den Journalisten in einem eleganten Privatklub in Mailand und zeigt ihm sein Bewegungsprofil aus den First-Wap-Daten. Nuzzi erkennt seine damalige Wohnadresse, verschiedene Orte in Rom, auch in der Nähe des Vatikans. Er sei schockiert gewesen nach der Verhaftung seiner Quelle, sagt er. Natürlich habe er Vorsichtsmaßnahmen getroffen und damit gerechnet, überwacht zu werden, aber nicht auf diese Art. »Diese Methode war ertragreicher, als mir einen Lieferwagen mit Agenten hinterherzuschicken.« Es sei gut, dass die Aktion nun publik werde. »Das ist verstörend – wir sollten unsere Feinde lokalisieren, nicht Journalisten.«

Der deutsche Geschäftsführer von First Wap konnte von der Überwachung des Vatikanenthüllers zumindest wissen. Er war persönlich per E-Mail involviert: Ein Mitarbeiter werde »das Tracking für die beiden +39-Nummern aufsetzen«, schrieb er dem Mittelsmann. Dieser meldete nach dem Treffen mit den Vatikanleuten zurück, die Präsentation sei gut gelaufen, der potenzielle Kunde »happy«.

Der Vatikan ließ eine Anfrage zu dem Vorgang unbeantwortet. Der First-Wap-Geschäftsführer sagte in einem Videocall mit den Reportern, er habe keine Ahnung, wer Nuzzi sei, und wisse nichts von einer Verbindung zum Vatikan. Der Chef der Vermittlerfirma erklärte, seine Firma habe dem Vatikan das Programm »sicher nicht« angeboten, von Treffen mit Vatikanleuten wisse er nichts.


Erst kamen die Pings, dann die Killer

Belastende Spuren aus dem Material führen auch nach Afrika. Den First-Wap-Daten zufolge wurden im Frühjahr 2012 immer wieder Nummern in Südafrika abgefragt. Eine gehörte dem Fahrer und Bodyguard des ehemaligen Geheimdienstchefs von Ruanda. Der war nach einem Streit mit Machthaber Paul Kagame nach Südafrika geflohen. Eine weitere Nummer war die der Ehefrau eines ehemaligen ruandischen Generals, der ebenfalls dort im Exil lebte – und gemeinsam mit seinem Landsmann politischen Widerstand gegen das Regime organisierte.

Die First-Wap-Technologie sollte offenbar genutzt werden, um Gewohnheiten und Aufenthaltsorte der Exilanten herauszufinden. Ein ruandischer Informant aus der Armee sagte dem Rechercheteam, er habe vom damaligen Militärgeheimdienstchef Ruandas einen Mordauftrag gegen die Landsleute in Südafrika erhalten. Doch das erledigte dann offenbar ein anderer. Etwas mehr als ein Jahr nach den Altamides-Ortungen wurde der Ex-Geheimdienstchef in einem Hotel in Johannesburg erdrosselt aufgefunden. Offenbar ein Auftragsmord des ruandischen Regimes.

Ruanda hat dies stets bestritten. Ein Regierungssprecher sagte zudem, man habe nie eine solche Software besessen oder sich darum bemüht.

Aus den internen E-Mails und zahlreichen Gesprächen mit ehemaligen First-Wap-Mitarbeitern gehen weitere Geschäfte und Gespräche mit Ländern hervor, in denen Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit bedroht oder kaum vorhanden sind.


»Galerie von Schurkenstaaten«

Belarus gehört dazu, Aserbaidschan, Malaysia und Indonesien, aber auch Nigeria und die Vereinigten Arabischen Emirate. Mehrere befragte Ex-Mitarbeiter der Firma nannten teils weitere problematische Abnehmer. »Wir mussten darauf vertrauen, dass unsere Kunden das Produkt für ethische Zwecke einsetzen«, so ein ehemaliger Angestellter. Ein weiterer sagte, dass es aus der First-Wap-Führung kaum Bedenken oder Einschränkungen gab, wenn es um Kunden ging: »Es gab keine roten Linien.«

Das legen auch interne E-Mails einer britischen Firma nahe, die sich zeitweise als Zwischenhändler versuchte – etwa bei den damaligen Machthabern in Syrien, Algerien, Marokko und Thailand. Besonders verräterisch ist eine Nachricht, in der es um Unterstützung der Herrscherfamilie in Bahrain ging. Kurz zuvor hatten die Veranstalter wegen politischer Unruhen ein geplantes Formel-1-Rennen im Land abgesagt. Mit der Software Altamides könnten Behörden »negative Elemente« im Land oder anderswo identifizieren, hieß es in der Mail, das werde helfen, »die sehr negative Presse und Medien zu bekämpfen«.

Ronald Deibert, einer der weltweit führenden Experten für Überwachungstechnologien, spricht von einer »Galerie von menschenrechtsverletzenden Schurkenstaaten«. First Wap habe offenbar keine Skrupel gehabt, als Dienstleister von Despoten zu agieren.

First Wap bestritt auf Anfrage sämtliche Vorwürfe, zuletzt mit einem Anwaltsschreiben: »Unterstellungen, wir würden ein rechtswidriges Geschäftsmodell anbieten oder rechtswidrige Einsätze fördern, unterstützen oder ermöglichen, weisen wir mit Nachdruck zurück.« Man verkaufe die eigenen Produkte nur an staatliche Stellen, die über ein »gesetzliches Mandat« verfügten. Überhaupt würden die Programme von den Kunden betrieben, nach der Installation habe man »keinen Zugriff«. Man habe »als Unternehmen keine Präsentationen gegenüber Staaten wie Ruanda, Südafrika oder dem Vatikan vorgenommen«. Auch für Wiederverkäufer (»Reseller«) habe es »strikte Bedingungen« gegeben. Falls es zu Verstößen gekommen sein sollte, bestehe Anlass, »dies aufzuklären und entsprechend zu sanktionieren«.

Auch die britische Firma bestritt, in den Verkauf oder die Nutzung »unangemessener Überwachungsprogramme involviert« gewesen zu sein.


Die Red-Bull-Spur

Tatsächlich wurde Altamides auch in der Privatwirtschaft eingesetzt. So finden sich mehr als 20 Mobilnummern, die sich aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern des österreichischen Getränkeriesen Red Bull zuordnen lassen. Die meisten waren Führungskräfte, alle arbeiteten für eine Medientochter des Energydrink-Konzerns, das Red Bull Media House. Die Firma betreibt unter anderem den Fernsehsender »Servus TV«.

Fast 1000 erfolgreiche Abfragen lassen sich nachweisen, über fast sechs Jahre. Die Ortungen fanden in den USA, Thailand, Italien und Mauritius statt – vor allem aber in Österreich und Deutschland. Die Betroffenen wurden nicht nur zu ihren Arbeitszeiten getrackt, sondern auch im Urlaub, bei Freunden. Bei manchen liefen die Abfragen automatisiert, alle drei Stunden.

Besonders intensiv ausgespäht wurde Andreas Gall, damals Technikvorstand der Red-Bull-Medientochter – und neben dem Unternehmensgründer und bereits verstorbenen Multimilliardär Dietrich Mateschitz einer der Geschäftsführer. Mehr als 200-mal wurde allein Galls Nummer abgefragt, 166-mal erfolgreich.

An einem Herbsttag trifft er [Medium] in einem Münchner Café und folgt auf einer Weltkarte seinen eigenen Spuren. Las Vegas, Madrid, Darmstadt und immer wieder Fuschl am See, Hauptsitz des Brauseherstellers. »Das ist schon unheimlich und schockierend«, sagt Gall. »So was gehört bestraft.«


»Das hätte ich unterbunden«

Wer ihm und den anderen Red-Bull-Leuten nachspioniert hat, geht aus dem Material nicht hervor. Klar scheint: Um eine richterlich genehmigte Überwachung handelte es sich bei der jahrelangen Ausspähung im Firmenreich von Mateschitz nicht. Sie war nach deutschem und österreichischem Recht damit wohl illegal.

»Altamides ist gefährlich«, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von First Wap. »Für jeden, der darauf Zugriff hat, ist es sehr verlockend, es für persönliche Zwecke zu missbrauchen.«

Es gibt Hinweise darauf, dass der österreichische First-Wap-Gründer Josef F. und der Red-Bull-Patriarch Mateschitz sich kannten. Mehrere Gesprächspartner aus dem Red-Bull-Orbit erinnern sich an »Josef« oder »den Sepp«. Ex-Geschäftsführer Andreas Gall sagt, dessen Ortungstechnik sei etwa bei Sportevents eingesetzt worden. Vom Einsatz gegen ihn selbst und seine Kollegen habe er indes »selbstverständlich nichts geahnt, das hätte ich unterbunden«.

Red Bull teilte mit, First Wap habe das eigene Media House »in den Jahren 2008 und 2009 bei drei kleineren Projekten unterstützt«. Dabei seien Motorräder und Schneemobile mittels Transpondern getrackt worden, zudem sei es um eine »kleine Marktanalyse« gegangen. Alle Aufträge und Leistungen hätten einen Gesamtwert von rund 6000 Euro gehabt. »Eine darüber hinausgehende Zusammenarbeit mit den Vorgenannten ist für uns nicht ersichtlich.« Zudem lägen »keine Unterlagen vor«, aus denen hervorgehe, dass »Red Bull, das Red Bull Media House oder Herr Mateschitz von den angeblichen Überwachungen von Mitarbeitern Kenntnis hatten«.

Der deutsche First-Wap-Chef bestritt auch diesen Vorgang im Videocall mit den Reportern: Man könne gar niemanden in Europa lokalisieren. Das sei illegal, außerdem verfüge man nicht über entsprechende Zugänge.

Aus dem Datensatz geht Gegenteiliges hervor. Demnach gab es bis zuletzt enge Geschäftsbeziehungen zum staatlichen Liechtensteiner Telefonanbieter Telecom Liechtenstein. Dessen Netz diente offenbar über Jahrzehnte hinweg als Einfallstor für First Waps Lokalisierungsanfragen – auch in Europa. Vatikanenthüller Nuzzi, Red-Bull-Mann Gall und zahlreiche weitere Opfer wurden dem Datensatz zufolge über Liechtenstein getrackt.

Damit konfrontiert, sagte ein Sprecher der Telecom Liechtenstein, man habe »aufgrund der schwerwiegenden Vorwürfe« die Geschäftsbeziehung mit First Wap »per sofort suspendiert und alle Dienste gesperrt, bis die Vorwürfe geklärt werden können«. Sollten sie sich erhärten, werde »die Zusammenarbeit fristlos beendet«.


Geschäfte »im dunklen Graubereich«

Zurück nach Prag, auf die Überwachungsmesse, auf der First Wap neue Kunden werben will und nicht mit Undercover-Reportern rechnet. Hat die Firma nach den Überwachungsskandalen der Vergangenheit ihren Kurs geändert? Verkauft sie ihre Lokalisierungstechnik weiterhin? Auch an höchst problematische Abnehmer?

Die First-Wap-Bosse sind angereist. Sogar der deutsche Geschäftsführer Jonny G. ist da – jener Mann, über den sich in öffentlichen Quellen kaum etwas finden lässt. Das Phantom. Nach dem Tod des schillernden Gründers ist er die neue Eminenz der Firma. Auch der österreichische Vertriebschef Günther R. steht am Stand. Zwei unauffällige Männer mittleren Alters, gedeckte Businessanzüge, Krawatten.

Der vorgebliche Mittler für Kunden aus Westafrika berichtet von einem Problem. Vor einer Mine gebe es Proteste, das störe die Geschäfte. Der Vertriebschef steigt sofort in die Verhandlungen ein. Ob die Rädelsführer bekannt seien oder durch die Überwachung erst identifiziert werden müssten, will er wissen. Auch dafür habe man Lösungen parat.

Wichtig sei, dass es gute Drähte zum Machthaber gebe und die eigene Technologie bei den Netzbetreibern installiert werden könne. Zu einem möglichen Deal mit dem sanktionierten Niger sagt der First-Wap-Verkäufer: »Wir sind die Einzigen, die liefern können«, der Standort Jakarta mache es möglich. Und die Sache mit einer Exportlizenz in ein Land unter Sanktionen? »Da finden wir einen Weg.«

Um das zu besprechen, wechseln der Vertriebsmann und sein Chef am Stand kurz vom Englischen ins Deutsche. »Wenn wir nichts davon wissen …«, sagt R. und schaut vielsagend. Sie einigen sich darauf, das Geschäft über Mitarbeiter in Jakarta abzuwickeln. Sonst sei ihm das zu »heikel«, so der Geschäftsführer. Er nennt es einen Deal im »dunklen Graubereich« und lacht.


Er könne »ins Gefängnis gehen«

Minutenlang diskutieren die Männer am Stand, wie sich die Sache am besten verschleiern ließe, vor allem die Zahlungen. Aus Niger dürfe kein Geld auf First-Wap-Konten fließen. Der Mittler könne etwa eine Tarnfirma in Südafrika gründen. Sie bekomme vertraglich dann die Genehmigung, in ein weiteres, nicht näher benanntes Land verkaufen zu dürfen, so die Idee. Damit könnten sie abstreiten, den eigentlichen Endkunden gekannt zu haben.

Als Österreicher könne er »sonst ins Gefängnis gehen«, sagt der Vertriebschef, für seinen deutschen Chef gelte das auch.

Als die Reporter die beiden Manager in einem Videocall später mit den Aussagen konfrontieren, betonen die, dem problematischen Deal nie final zugestimmt zu haben. Über ihre Anwälte lassen sie ausrichten, es sei am Stand in Prag »offenbar zu Missverständnissen gekommen, die zu fehlerhaften Bewertungen geführt haben könnten«. Zudem weist First Wap darauf hin, dass alle Kunden überprüft würden, bevor man Verträge abschließe.

Am Stand in Prag scheint es damals noch weniger Skrupel zu geben, den Deal einzufädeln. Der Vertriebsmann scherzt dort gar über einen Wettbewerber, der Multimillionenaufträge abgelehnt habe: »Cool! So einen moralischen Standpunkt will ich auch haben.«

Wichtig war ihm, unter dem Radar zu bleiben, die eigenen Risiken zu minimieren. Als abschreckendes Beispiel erwähnt der First-Wap-Mann israelische Anbieter, die weitaus ausgefeiltere Spionagetechnik anböten. Doch diese Firmen seien »mittlerweile alle so öffentlich, man kann in den Zeitungen über sie lesen«. Sein Urteil: »Das ist nicht gut.«


Einschübe
»Cool! So einen moralischen Standpunkt will ich auch haben.«
First-Wap-Vertriebsmann Günther R