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Geld, bis der Arzt kommt

von Thomas Steinmann und Timo Pache
Capital vom 13.12.2025

Inhalt: Das Versorgungswerk der Berliner Zahnärzte soll rund die Hälfte seines Anlagevermögens (1 Mrd. Euro) durch Fehlinvestitionen verloren haben. In der Folge gibt es eine Schlammschlacht der Funktionäre um wirtschaftliche Fehlentscheidungen, Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme, Interessenskonflikte und Bereicherung. Die VZB-Spitze investierte ohne Strategie, Dokumentation und über verschachtelte Beteiligungsstrukturen in ein Sammelsurium an verlustreichen Firmenbeteiligungen (exemplarisch: Garnelenzucht in Glücksstadt und das Luxusressort 7Pines auf Ibiza). Die Verantwortlichen weisen die Vorwürfe mit Hinweis auf eine "andere Risikoansicht" zurück.

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Geld, bis der Arzt kommt

Eigentlich sollen Versorgungswerke die Rente ihrer Mitglieder sichern. Für mehr als 10 000 Zahnärzte aber ging das gründlich schief. Die Geschichte einer versenkten Milliarde

Die Internetseite von Hansegarnelen wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Prominent findet sich dort noch die Meldung von Ende 2023, die Firma – nach eigenen Angaben Europas größter nachhaltiger Garnelenzüchter – sei als „Arbeitgeber der Zukunft“ ausgezeichnet worden. Auch erfährt man, der Verkauf im Hofladen im schleswig-holsteinischen Glückstadt bleibe „aufgrund von Betriebsferien“ geschlossen – bis zum 15. August 2025.

Tatsächlich aber steht es in den Sternen, ob Hansegarnelen eine Zukunft hat. Ende Juni musste das Unternehmen Insolvenz anmelden, weil ihm das Geld ausging. Seitdem regiert ein Insolvenzverwalter, der einen neuen Eigentümer sucht.

Sucht man nach den Gründen der Pleite, landet man bei Investoren, die Garnelen vielleicht gerne auf dem Teller haben – sich aber kaum mit ihrer Zucht auskennen dürften: Zahnärzte aus Berlin, Brandenburg und Bremen. Miteigentümer von Hansegarnelen war das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB), das die Altersversorgung von mehr als 10 000 Zahnärzten im Osten und Nordwesten Deutschlands sicherstellen soll – und dafür rund 2,2 Mrd. Euro verwaltet. 16,3 Mio. Euro davon steckte das VZB in die Garnelenzucht.

Doch in den vergangenen Monaten ist das Versorgungswerk selbst in eine schwere Finanzkrise geschlittert. Mehrere Unternehmen, an denen sich die Zahnärzte beteiligt hatten, sind in Schieflage geraten oder sogar in die Insolvenz. Auch hohe Darlehen, die das VZB vergeben hat, sind verloren. Mehr als 1 Mrd. Euro sollen sich in Luft aufgelöst haben, wie Wirtschaftsprüfer ermittelten – rund die Hälfte der gesamten Anlagen. Selten hat sich ein Versorgungswerk so verspekuliert.

Seit sich die Misere nicht mehr kaschieren lässt, herrscht Aufruhr unter den Berliner Dentisten, die als Pflichtmitglieder bis zu 1 530 Euro im Monat an das Versorgungswerk abführen müssen. Im Sommer warnte das VZB bereits vor „spürbaren Einschnitten“ bei den Versorgungsansprüchen und steigenden Beiträgen. Selbst die 3 500 Mitglieder, die sich heute schon im Ruhestand befinden, müssen sich auf ein Minus von zehn bis 20 Prozent einstellen – der Worst Case für eine Pensionskasse.

Weil es um die eigene Altersvorsorge geht, tobt nun unter Funktionären und Mitgliedern des VZB eine erbitterte Schlammschlacht. Die langjährigen Verantwortlichen, fast alle im Hauptberuf Zahnärzte, wurden im Frühjahr abgesetzt. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, bei den Investments gegen Regeln verstoßen zu haben. Seither kämpfen die neue und die alte Führung mit aller Härte um die Macht – mit Strafanzeigen, Klagen, Anwälten und Beratern.

Interne Unterlagen und Gespräche mit Insidern zeigen, dass es in der Affäre aber nicht nur um wirtschaftliche Fehlentscheidungen geht. Es geht auch um den Verdacht auf Verquickung von dienstlichen und privaten Geschäften, auf Filz und Vetternwirtschaft, um Funktionäre, die ein Leben im Luxus schätzten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob sich Amtsträger des VZB bereichert haben könnten.
Die Affäre weist zugleich über Berlin hinaus. Auf dem Spiel steht das Vertrauen in die bundesweit 91 Versorgungswerke für niedergelassene Ärzte, Rechtsanwälte, Notare oder freie Architekten – ein System, in dem Finanzamateure im Nebenjob mit Milliarden hantieren und Aufseher nicht immer genau hinschauen.

Das Luxusresort 7Pines auf Ibiza hat wenig gemein mit der Garnelenzucht in Glücksstadt. Aber auch an dieser Anlage, im Westen der Insel an einem Kliff gelegen, sind heute über Umwege die Berliner Zahnärzte beteiligt. Sie lockt mit 185 Suiten, zwei „Grand Villas“– und zwei Jachten, die Gäste chartern können.

Das Fünf-Sterne-Resort auf Ibiza ist ein Projekt des Düsseldorfer Immobilienunternehmens 12.18., das sich auf die Entwicklung von Ferienimmobilien spezialisiert hat. Mit der 12.18.-Gruppe machte das VZB ab 2014 viele Geschäfte. Zunächst gab es Darlehen für einzelne Projekte. 2018 stiegen die Zahnärzte auch direkt bei der 12.18.-Dachgesellschaft ein. Heute halten sie daran 60 Prozent.

Das 7Pines und eine der Jachten sind in der VZB-Affäre zu einem besonderen Problem geworden: für das Versorgungswerk, aber auch für Ingo Rellermeier, einen seiner früheren Spitzenfunktionäre. Beim VZB leitete Zahnarzt Rellermeier jahrelang im Ehrenamt den Verwaltungsausschuss, der über die Investments entscheidet. Nebenbei machte er beim 7Pines Privatgeschäfte.

In den Jahren 2015 und 2016 kaufte Rellermeier zwei Wohneinheiten in dem Resort. Schon damals war er Vorsitzender des mächtigen Verwaltungsausschusses. Ab 2016 beteiligte sich das VZB an der Finanzierung des Ibiza-Resorts. Über die folgenden Jahre vergab es mehrere Darlehen, die sich auf mehr als 40 Mio. Euro summierten. Zudem beteiligte es sich auch direkt. Bei dem Projekt kam es zu Problemen, die viel Geld kosteten, bis heute macht das Resort Verluste.

Für den Kauf seiner Wohnungen in der Anlage, so ergab diesen Sommer eine interne Untersuchung im VZB, soll eine 12.18.-Tochter Rellermeier ein Darlehen von mehr als 400 000 Euro gewährt haben. 2017 soll der VZB-Funktionär, der später auch in den Beirat der 12.18.-Gruppe einzog, in dem Resort zwei attraktivere Wohnungen mit Meerblick – die sogenannte Cliffsuite – zu einem günstigen Preis erworben und dafür die Kaufverträge für die beiden anderen aufgelöst haben. Für die Cliffsuite soll eine 12.18.-Tochter Rellermeier zudem knapp 100 000 Euro Renovierungskosten erlassen haben.

BOOT OHNE ANLEGER

Die Cliffsuite verpachtete Rellermeier laut der Untersuchung, für die Anwälte viele Dokumente prüften, für mindestens 50 000 Euro im Jahr an den Betreiber des 7Pines-Resorts. Ein weiterer Pachtdeal umfasste eine Jacht vom Typ Pershing 5X, die Rellermeier mit einem Geschäftspartner über eine gemeinsame Firma angeschafft hatte. Obwohl das Resort über keinen Bootsanleger verfügt, soll es im Coronasommer 2020 einen Chartervertrag geschlossen haben, der monatlich mindestens 8 000 Euro für die Privatfirma garantierte – unabhängig von der tatsächlichen Vermietung der Jacht. Für das Resort war es wohl ein Verlustgeschäft.

Als 2024 ein Kaufinteressent eigentlich das Resort auf Ibiza als Ganzes erwerben wollte, soll Rellermeier nicht nur einen überhöhten Verkaufspreis für seine Cliffsuite gefordert haben. Auch habe er, so die Erkenntnis der VZB-Anwälte, für die vorzeitige Beendigung seiner privaten Pachtverträge für Suite und Jacht von 12.18. eine Ausgleichszahlung von bis zu 900 000 Euro geltend gemacht.

Wie die Prüfung ergab, stimmte der Verwaltungsausschuss des VZB dieser Forderung zu. An dieser Abstimmung habe Rellermeier nicht teilgenommen. In mehreren anderen Fällen aber, in denen es um Finanzierungen für das Ibiza-Resort oder andere Projekte der 12.18.-Gruppe ging, soll er zugestimmt haben. Nach Ansicht der VZB-Anwälte habe es dabei öfters eine zeitliche Nähe zu Vorteilen gegeben, die Rellermeier seitens 12.18. erhalten haben soll.

Die Ibiza-Geschäfte interessieren auch die Ermittlungsbehörden. Seit einigen Monaten läuft bei der Berliner Generalstaatsanwaltschaft ein Verfahren gegen mehrere Beschuldigte. Ermittelt wird wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsnahme und Bestechlichkeit beziehungsweise der Vorteilsgewährung und Bestechung, bestätigte die Behörde. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Auf Anfrage bestritt ein Anwalt von Rellermeier, dass sein Mandant Vorteile von der 12.18.-Gruppe erhalten habe – auch keinen Erlass von Renovierungskosten. Zu den Vereinbarungen für die Jacht verwies er auf die Höhe der nötigen Vorhaltekosten auf Ibiza. Zudem erklärte der Anwalt, ein Interessenkonflikt wegen Rellermeiers Geschäften sei „nicht festgestellt“ worden. Sein Mandant habe „den Umstand, dass er eine eigene Gesellschaft im Umfeld der 12.18.-Grupp e“ hielt, dem Verwaltungsausschuss angezeigt. Bei der „initialen Beschlussfassung“ über das Engagement bei dem Projekt auf Ibiza habe er sich „aus Gründen größtmöglicher Vorsicht“ nicht an der Abstimmung beteiligt. Zu einem etwaigen Ermittlungsverfahren äußerte sich Rellermeiers Anwalt in der Sache nicht.

Neben den Anteilen an 12.18. kauften die Zahnärzte über die Jahre ein Sammelsurium an Firmenbeteiligungen zusammen: das Berliner Versicherungs-Start-up Element Insurance, den Recyclingspezialisten rPlanet Earth in Kalifornien, den Hamburger Lkw-Logistiker Cargonexx oder die Crowdfunding-Plattform Engel & Völkers Digital Invest. Allein an rPlanet Earth flossen rund 190 Mio. Euro – obwohl Berater früh auf Risiken hinwiesen. Auch diese Firma wurde gerade geschlossen, das Geld dürfte futsch sein. Für seine Beteiligungen zahlte das VZB in Summe knapp 500 Mio. Euro. Heute sind sie nur noch rund 50 Mio. Euro wert, haben Wirtschaftsprüfer ermittelt. „Signifikante Rückflüsse“ seien nur bei wenigen Firmen zu erwarten, heißt es in ihrer Analyse.

Ähnlich verhält es sich mit den Investments in der Immobilienbranche: in Bauprojekte, Spezialfinanzierer und Immobilienfonds. Heute sind die Zahnärzte neben der 7Pines-Anlage auf Ibiza über Umwege auch an Luxushotels auf Sardinien, in Schottland und in Mecklenburg-Vorpommern beteiligt – die allesamt Verluste schreiben. Dabei pumpte das VZB nicht nur Geld in Eigenkapitalbeteiligungen. Wie im Fall von 12.18. vergab es auch Darlehen an Gesellschaften oder Projekte von Firmen, an denen es Anteile hielt – ein Klumpenrisiko. Dagegen steckte das VZB kaum etwas in Aktien oder Aktienfonds, sodass die jahrelangen Zuwächse an den Börsen an ihm vorbeigingen.

Als Wirtschaftsprüfer diesen Sommer das Portfolio untersuchten, stießen sie auf teils seltsame Anlagen: Kredite ohne Sicherheiten, häufige Geschäfte mit einem kleinen Kreis von Privatpersonen, ein unbesichertes Darlehen, mit dem der Empfänger Firmenanteile kaufte. Beim VZB gebe es keine wirkliche Investmentstrategie, rügten die Prüfer, keinen professionellen Investmentprozess, oft nur dürre Dokumentationen und verschachtelte Beteiligungsstrukturen. Ein vernichtendes Urteil für eine öffentlich-rechtliche Einrichtung, an deren Entscheidungen die Rente Tausender Menschen hängt – das die alte Führung jedoch zurückweist.

„ANDERE RISIKOSICHT“

Dass die Berliner Zahnärzte bei ihren Investments mitunter unorthodoxe Wege gehen, war kein Geheimnis – und lange auch kein Problem. Anders als andere Versorgungswerke, die stark an festverzinslichen Wertpapieren festhielten, nutzte das VZB in den Niedrigzinsjahren ab 2013 die Freiheiten, die der Gesetzgeber den Einrichtungen in der Anlagepolitik einräumt. Man habe „eine andere Risikosicht“, sagte Ralf Wohltmann, lange Jahre hauptamtlicher Direktor des VZB, im Sommer 2019 auf einer Konferenz. Anfangs zahlte sich diese Strategie aus. In mehreren Jahren warfen die Anlagen höhere Zinsen ab als bei den Kollegen anderswo, 2018 beispielsweise 7,5 Prozent.

Was mit dem Geld der Pflichtmitglieder passierte, lag über Jahre maßgeblich in den Händen von zwei Männern. Der eine war Direktor Wohltmann, ein Ex-Investmentbanker, der im Jahr 2000 beim VZB anheuerte. Der andere Rellermeier, ein Zahnarzt mit Praxis in Neukölln nicht weit vom Kottbusser Tor. Ab 2004 saß er im Verwaltungsausschuss, der im VZB über konkrete Investments entscheidet.
Neben ihren Jobs beim VZB saßen Rellermeier und Wohltmann auch in diversen Aufsichtsgremien von Firmen, an denen das Versorgungswerk beteiligt ist. Mehr als ein Dutzend solcher Mandate listet Wohltmann in seinem Linkedin-Profil auf. Daneben führte er auch die Geschäfte bei einer VZB-eigenen Holding, der das Schlosshotel mit Luxusresort am Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern gehört.
Rellermeier saß im Beirat von 12.18. und im Aufsichtsrat des Projektentwicklers Magna Real Estate. Zudem ist er selbst seit Jahren in der Immobilienbranche erfolgreich. Eine Firma, an der er die Hälfte hält, wies Ende 2021 ein Anlagevermögen von mehr als 10 Mio. Euro aus. In Berlin war er mitunter auch in einem roten Ferrari unterwegs.

Dank der Firmenbeteiligungen und Mandate spielten die Berliner Funktionäre in einer Liga mit großen Investoren. Man flog zu Sitzungen, residierte in schicken Hotels, wurde von Regionalpolitikern hofiert, Wohltmann bekam den Hon-Circle-Status bei der Lufthansa – alles nicht üblich bei Versorgungswerken, die sich eher piefig-bodenständig geben.

Dabei wurde in der VZB-Spitze offenbar nicht immer strikt zwischen den Belangen des Versorgungswerks und Interessen seiner Amtsträger getrennt – etwa auch, wenn es da rum ging, Mitglieder der Familie zu versorgen. So wurde Wohltmanns Ehefrau direkt beim VZB angestellt, seine Tochter gut dotiert bei der Fleesensee-Holding. Als Anfang 2024 ein Streit zwischen Rellermeier und Wohltmann eskalierte, ging von Rellermeiers dienstlichem Mailaccount beim VZB eine Nachricht an Wohltmann. Darin schrieb der Absender: „Ich bin nicht nur deutlich wohlhabender und erfolgreicher, sondern evident sozialer als du.“ Denn seit Jahren erfülle er Wohltmanns Wünsche beim VZB, habe „üppige Boni“ im Verwaltungsausschuss „argumentiert“ und dulde die Beschäftigung von Frau und Tochter. Das seien „Interessenkonflikte, die ich dir zuliebe akzeptiere“, hieß es in der Mail.

Auf Anfrage wollte Rellermeiers Anwalt die Nachricht inhaltlich nicht näher kommentieren. Die Existenz einer solchen Mail könne nicht bestätigt werden. Allgemein erklärte er, es gebe „kein Beschäftigungsverbot für Familienangehörige“. Sämtliche vertraglichen Regelungen seien „durch die hierfür zuständigen Gremien getroffen worden“. Wohltmann ließ Fragen unbeantwortet.

WAHLKAMPF UM DAS VZB

Ein Versorgungswerk wie das VZB ist kein einheitliches Gebilde, das wie ein normales Unternehmen funktioniert. Es gibt mehrere Gremien, besetzt mit Vertretern verschiedener Lager aus der Standespolitik. Oft läuft es wie in der großen Politik.

Ab Anfang 2025, nach der Pleite des Digitalversicherers Element, die das VZB etwa 60 Mio. Euro kosten dürfte, wurde die Finanzkrise auch zum heißen Thema bei den Wahlen zur Zahnärztekammer. Wohltmann wurde freigestellt, eine Gruppe wollte auch Rellermeier loswerden. Dicke Kataloge mit Hunderten Fragen zu den Geschäften machten die Runde.

Anfang April wurde der Druck zu groß: Das oberste Organ des VZB berief Rellermeier ab. Zum neuen Chef des Verwaltungsausschusses kürte es Thomas Schieritz, einen Kieferchirurgen, der selbst gar kein VZB-Mitglied ist. Weitere langjährige Mitglieder des Verwaltungsausschusses mussten später gehen.
Die neue VZB-Führung versprach Aufklärung, ließ die Geschäfte von Experten durchleuchten. Im Lager der alten Spitze sieht man den Führungswechsel dagegen als eine Art Palastrevolte älterer Herren – gesteuert von Strippenziehern, die früher einmal das Sagen im VZB hatten und wieder an die Macht wollten.

Im Sommer setzte Schieritz eine drastische Warnung ab. Ein „erheblicher Teil der Anlagen“ sei „akut gefährdet“, ließ er die Mitglieder wissen. Die frühere Anlagepraxis des VZB sei „im Wesentlichen unvernünftig, strukturell fehlgesteuert und vor allem rechtlich unzulässig“ gewesen. Es gebe klare Hinweise auf „erhebliche Pflichtverletzungen“.

Intern ließ die neue Spitze Haftungsansprüche prüfen – gegen frühere Amtsträger und das Land Berlin, das beim VZB die Aufsicht führt. Kürzlich reichte sie nach eigenen Angaben eine erste Schadensersatzklage gegen Rellermeier ein. Auf Anfrage wies dieser alle Vorwürfe zurück: „Sämtliche Geschäfte des VZB wurden unter Einbindung renommierter Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwaltskanzleien getroffen. Eigenmächtiges oder persönliches Handeln gab es nicht“, erklärt sein Anwalt. Auch habe es keine Maßgabe gegeben, dass das VZB nur „in hochkonservative und allein in höchstsichere Anlageformen“ investieren dürfe.

Worüber die internen Prüfer stolperten, sind auch die Geschäfte im Immobilienbereich – allen voran mit der 12.18.-Gruppe. Für sie und ihre Bauprojekte schien sich das VZB über die Jahre zu einer Art Geldpipeline zu entwickeln. Für mehrere Hotelprojekte stellte es Darlehen bereit, die sich auf rund 140 Mio. Euro summierten – und nicht immer ordnungsgemäß zurückgezahlt wurden, wie die Prüfungen ergaben. Bei 12.18., erzählt ein Insider, habe es damals einen Witz gegeben: Wenn man wieder Geld brauche, müsse man in Berlin anrufen.

Dagegen lebte man bei 12.18. auf größerem Fuß. Der Firmenchef, ein Hobbypilot, bekam ein Dienstflugzeug – per Kredit vom VZB. Auf der Jacht des 7Pines Ibiza, die auch Vertreter von 12.18. gerne nutzten, habe es oft Champagner von Dom Pérignon gegeben, sagt der Insider. Inzwischen hat sich bei 12.18. die Lage aber massiv verschärft. Dem VZB droht deshalb weiterer Ärger: Das Ibiza-Resort und zwei andere Hotels dienen als Sicherheiten für einen Großkredit des Finanzinvestors Apollo. Sollte dieser nicht bedient werden, gehen die Hotels, die für 300 Mio. Euro gekauft wurden, verloren. Das große Engagement bei 12.18. sehen selbst Personen als Fehler, die der alten VZB-Führung nahestehen. Die Kosten für die Hotelprojekte, heißt es, seien viel zu hoch gewesen. Die Zahnärzte hätten sich über den Tisch ziehen lassen. Aber auch die neue VZB-Spitze steht in der Kritik. Ein großer Teil der Wertverluste bei den Beteiligungen – etwa 600 Mio. Euro – gehe auf ihr Konto, heißt es im Lager der alten Führung. Zu manchen Pleiten sei es nur gekommen, weil das VZB kein bereits zugesagtes Geld mehr überwiesen oder Darlehen nicht mehr bedient habe.

ÄRGER BEI KOLLEGEN

Die neue Spitze hält dagegen, die Firmen seien allein wegen falscher Geschäftsmodelle, schwieriger Märkte oder Missmanagements pleitegegangen. Auch andere Geldgeber hätten daher nicht mehr investiert. Auf Anfrage erklärte Verwaltungsausschusschef Schieritz, das VZB sei gesetzlich verpflichtet, jede Investition zu prüfen. „Dabei zeigt sich meist: Die ursprünglichen Investitionen waren nicht rechtmäßig, daher darf das VZB jetzt keine weiteren Mittel gewähren. Alles andere wäre ein bewusster Rechtsverstoß“, teilte Schieritz mit.

Längst reichen die Querelen über die betroffenen Zahnärzte hinaus. Vor einigen Wochen warnte ein Gremium, dem Zahnärzte-Versorgungswerke bundesweit angehören, die Kollegen in Berlin: Das Theater dort drohe sich zu einem Skandal zu entwickeln, der das Ansehen des gesamten Systems schwer beschädigen könne – bis hin zu Diskussionen über seine Existenzberechtigung. Dringende Bitte: Die Berliner sollten ihren Wahlkampf diskreter führen – und nicht mehr über die Höhe der Verluste sprechen, bis Klarheit herrsche.

Immerhin für eine frühere VZB-Beteiligung gibt es Hoffnung. Anfang November teilte der Gründer von Hansegarnelen mit, er habe einen neuen Investor gefunden: Ein Unternehmen aus Hessen – es kennt sich sogar mit Garnelenzucht aus.