Es war einmal ein Fluss
von Uwe Ritzer
Süddeutsche Zeitung vom 23.05.2026
Inhalt: Der Artikel erläutert die Verteilungskonflikte um Trinkwasser aus der Spree im Großraum Berlin, die durch den Stopp der Braunkohleförderung in der Lausitz und das Fehlen des in den Fluss geleiteten Grundwassers verschärft werden: In der Lausitz soll aus Tagebaugruben eine Seenlandschaft entstehen, um den Strukturwandel der Region durch Freizeitwirtschaft abzufangen, weiter flussabwärts ist die Auenlandschaft des Spreewaldes als Tourismusregion auf künstliche Bewässerung angewiesen. Auch der enorme Wasserverbrauch durch die Industrie (bspw. Leag-Konzern, Tesla in Grünheide), das Bevölkerungswachstum Berlins und fehlgeleitete/ausbleibende politische Regulation verschärfen die Lage.
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Es war einmal ein Fluss
Berlin schöpft einen Großteil seines Trinkwassers aus der Spree – noch. Denn schon bald könnte aus dem Fluss ein Rinnsal werden. Reise entlang einer bedrohten Lebensader.
Ein Frühlingstag im Nordwesten Berlins. Am Ufer der Spree scheint die Sonne, der Fluss kriecht langsam vorbei, eine kühle Brise kräuselt Glitzerwellen auf der Wasseroberfläche. Als sei der Lauf des Wassers immer so gewesen und als werde er für alle Zeiten so sein, so muss es für einen unbedarften Beobachter erscheinen.
Nicht aber für Ruth Bittner, die Strategiechefin für Wasserversorgung bei den Berliner Wasserbetrieben, ohne die man an diesem Flecken hier gar nicht sein dürfte. Der Abschnitt ist für die Öffentlichkeit gesperrt. Er gehört zum Wasserwerk Jungfernheide, das vor einem Vierteljahrhundert stillgelegt wurde. Das jetzt aber wieder wichtig wird, jetzt, da der Spree bald das Wasser auszugehen droht.
Das Pumpenhaus neben dem Fluss ist verrammelt, die gusseisernen Leitungen, alten Messinstrumente und der Steuerhebel sind mit Gestrüpp zugewachsen. Ein Lost Place – der nun wiederbelebt werden soll. Und wiederbelebt werden muss. Denn wenn nichts geschieht, wird für vier Millionen Menschen in der Hauptstadt und Teilen Brandenburgs in absehbarer Zeit das Trinkwasser knapp. Und Ruth Bittner soll das verhindern.
Der Großraum Berlin verdankt sein Trinkwasser hauptsächlich der Spree, doch der 400 Kilometer lange Fluss hat dramatische Nachschubprobleme. „In Berlin und Brandenburg könnte das Wasser empfindlich knapp werden, wenn nicht entschlossen gegengesteuert wird“, warnte Dirk Messner bereits vor drei Jahren. Der Chef des Umweltbundesamtes redete nicht von ferner Zukunft, sondern von der Zeit ab 2030. Praktisch übermorgen. Schlimmstenfalls liefert die Spree dann keinen Tropfen Trinkwasser mehr und trocknet an manchen Stellen sogar aus. Das gab es früher schon in manchen heißen Sommern. Die Spree floss zeitweise sogar rückwärts – zum Beispiel in Friedrichshagen in Richtung Müggelsee.
Wasser wird knapp, an immer mehr Orten in Deutschland. Nirgendwo aber spitzt sich die Lage hierzulande gerade mehr zu als in Berlin und im Osten Deutschlands entlang dieses Flusses. Und nirgends wäre schnelles Handeln dringender. Ist die Brisanz des Problems in den Köpfen angekommen? Bei den Fachleuten längst, sagt Ruth Bittner, in der Politik bislang nur bei den Fachpolitikern. „Und in der Bevölkerung, glaube ich, noch nicht.“
Es bahnt sich hier der erste wirklich große Verteilungskampf um Wasser in Deutschland an. Und Berlin droht ihn zu verlieren.
Bislang ist es so: Was Wasser angeht, leben die Deutschen im Paradies. Noch. Die Natur spendet es scheinbar im Überfluss, und die Verteilung an die Menschen funktioniert reibungslos. „Am Thema Trinkwasserversorgung arbeiten in Deutschland überall hervorragende Leute“, sagt Bittner. Aber das, sagt sie, sei vielleicht Teil des Problems. Denn die sorgen dafür, dass bei uns noch immer in jeder Minute des Tages und der Nacht hervorragendes Wasser aus den Hähnen kommt. Dadurch, sagt Bittner, hätten die Menschen das Gefühl verloren, „dass eine solche Wasserversorgung keine Selbstverständlichkeit ist.“
Dabei schrumpfen seit der Jahrtausendwende in Deutschland die Wasservorräte kontinuierlich, während gleichzeitig der Verbrauch steigt. Und was Deutschland in Sachen Wasserversorgung bevorsteht, lässt sich in Berlin, Brandenburg und Sachsen früher und eindrücklicher beobachten als anderswo. Die Spree bildet seit Jahrzehnten das Rückgrat der Berliner Wasserversorgung. Und bei ihr spielt nicht nur der Klimawandel eine Rolle, sondern dazu eine regionale Besonderheit, die man im ersten Moment nicht unbedingt in Zusammenhang bringen würde mit der Trinkwasserversorgung Berlins: der Ausstieg aus der Braunkohle in der Lausitz. Was gut ist für den Klimaschutz, ist paradoxerweise erst einmal schlecht für die Spree.
Warum? Und was bedeutet das für Berlins Zukunft?
Dafür begibt man sich am besten auf eine Erkundungsreise entlang der Spree. Und wo begönne man die besser als an der Spreequelle, dreieinhalb Autostunden südlich von Berlin in Ebersbach-Neugersdorf, einem aus Dörfern und Weilern zusammengewürfelten Städtchen an der Grenze zu Tschechien.
Ebersbach-Neugersdorf
Hier und im benachbarten Kottmar stürzt sich die Spree nicht etwa kraftvoll aus einem Berg ins Land, sie tröpfelt und sickert bescheiden zwischen Steinen und Wurzeln an die Erdoberfläche. „Wie ein stiller, sanfter Regen“, schrieb ein Lokalchronist im 18. Jahrhundert. Ein verspielt-verschnörkelter Pavillon aus Gusseisen aus dem Jahr 1896, Spreeborn heißt er, liegt versteckt hinter einem Wohngebiet in einer winzigen Grünanlage in Ebersbach. Es sei die schönste der drei Spreequellen, steht in Reiseführern. Vom Pavillon aus plätschert ein Rinnsal in den Ort, um sich ein paar Hundert Meter weiter in einer Grünanlage mit Kinderspielplatz und Naturstein-Deko mit einem zweiten Rinnsal aus der Quelle im benachbarten Neugersdorf zu vereinen. Von dort macht sich der nur langsam anschwellende Fluss mit vielen Bögen und Seitenarmen langsam auf Richtung Berlin.
Nirgendwo auf diesen 400 Kilometern wird die Spree ein beeindruckender Handelsstrom, wie es etwa der Rhein ist. Sie protzt nicht mit Wasserfällen und Stromschnellen, sie schlängelt sich nicht durch spektakuläre Schluchten. Sie ist keiner dieser Flüsse, die Menschen magisch anziehen, im Ausland kennt sie – obwohl Hauptstadtfluss – ohnehin keiner. Die Spree ist mehr ein Versprechen als eine kraftvolle Wasserader. Sie fließt langsam, schon deshalb fühlt sich der Hecht in ihr wohl. Sie wirkt nicht so bürgerlich-gemütlich wie die für den Weinanbau an ihren Uferhängen gefeierten Main oder Mosel. Und selbst mit ihrer Nachbarin, der würdevoll-nordischen Elbe mit ihren großzügigen Auen und ihrer breiten Strömung kann die Spree nicht mithalten. Nur selten verläuft sie in ihrem natürlichen Bett; wo es ihr geblieben ist, wirkt sie allerdings sehr unverdorben. Gerade so, als wäre sie froh, wenigstens zwischendurch kurz in Ruhe gelassen zu werden von den Menschen.
Die nämlich haben die Spree spätestens seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert fast auf der ganzen Länge zum Industriefluss gemacht. Allein dem wirtschaftlichen Nutzen unterworfen. Sie sollte Fabriken dienen und vor allem dem Braunkohletagebau. Sie leidet darunter bis heute. Aus den Kohlegruben gelangen Eisen, Sulfat und saures Grubenwasser in den Fluss, die aufwendig herausgefiltert werden müssen. Das letzte Mal, dass Schwimmen in der Spree in Berlin offiziell erlaubt war, ist 101 Jahre her; die Behörden begründen das Badeverbot mit der schlechten Wasserqualität.
Der faszinierende Spreewald mit seinem Labyrinth aus „Fließe“ genannten Wasserläufen inmitten von Wald, Feuchtwiesen und Mooren, aber auch der fotogene Verlauf der Spree auf ihren letzten Kilometern als Dekoration für Museumsinsel und Regierungsviertel in Berlin-Mitte täuschen über den tristen Spree-Alltag hinweg. Nein, die Spree weckt in den größten Teilen ihres Laufes keine Sehnsüchte und sie beflügelt auch keine Fantasien. Sie hatte stets Arbeit und Profit zu dienen.
Nirgendwo offenbart sich das mehr als im Braunkohletagebau der Lausitz. Hier werden wir auch den Grund erfahren, warum der Spree demnächst eine Schrumpfkur bevorsteht. In der Lausitz haben sie der Spree jahrzehntelang den Großteil ihres Wassers geschenkt. Und hier werden sie es ihr bald wieder wegnehmen.
Welzow-Süd
Ein bewölkter Sonntagnachmittag Mitte April, Gut Geisendorf südwestlich von Cottbus. Gleich startet hier ein Ausflug der besonderen Art. Das knapp 400 Jahre alte, prächtig renovierte Herrenhaus ist der letzte Rest des Dorfes Geisendorf, das der Tagebau 2001 komplett verschluckt hat. Drei Stunden wird die ruckelige Fahrt durch das Abbaugebiet Welzow-Süd in einem jener Mannschaftswagen dauern, wie sie an Werktagen die Kumpels zu ihren Arbeitsplätzen karren. Unter der Woche schaufeln Maschinen und Menschen im Dreischichtbetrieb noch immer Erdreich weg und legen die Kohle darunter zum Abbau frei. Was gut ist für die Spree – und schlecht fürs Klima.
Bodo Schmidtchen, 75, weißer Stoppelbart, klein und wendig, hat sein ganzes Berufsleben hier gearbeitet. 1965 begann er eine Lehre als Betriebsschlosser, später bildete er Lehrlinge in Tagebauberufen aus. Heute führt Schmidtchen Touren durch den Tagebau, die der Bergtourismusverein Excursio anbietet. Freizeit? Andere Orte oder Länder bereisen? „Das hier ist meine Erholung“, sagt Schmidtchen und lacht. Und immer wenn er vor der 54 Jahre alten F 60 stehe, einem Monstrum aus Stahl von 500 Meter Länge, dann stehe er „innerlich stramm vor Respekt vor den Technikern, die dieses weltweit einmalige Gerät konstruiert und erbaut haben“. Mit dem Gerät wird Erdaushub weggeräumt, der beim Kohleabbau im Weg ist. Der größte Feind des Bergmanns aber sei nicht die Erde, die seinem Tun im Weg ist. Sondern? „Das Wasser“, sagt Schmidtchen.
Was für den Bergmann also der größte Feind ist, ist für die Spree das Lebenselixier: Schmidtchen deutet auf die Pumpen, die entlang der Betriebswege neben den Kohlekratern alle 50 Meter aus dem Erdreich ragen. Sie holen das Grundwasser aus dem Boden – jenes Wasser, von dem das meiste am Ende über ein Rohrsystem in die Spree geleitet wird.
Vereinfacht gesagt ist es so: Wenn die Bagger für den Kohleabbau gewaltige Löcher in die Landschaft reißen, würden sie automatisch unterirdische Grundwasserleiter durchstoßen. Dieses Sümpfungswasser, wie Fachleute es nennen, wäre beim Abbau der Kohle im Weg. Also wird es vorher abgepumpt – und landet in der Spree. „Wir helfen mit, den Spreewald, unser Kleinod, zu bewässern“, sagt Schmidtchen stolz. Er hätte hinzufügen können: Und wir versorgen unsere Hauptstadt Berlin mit Trinkwasser.
Zu DDR-Zeiten lieferte das Revier Lausitz in Spitzenjahren 200 Millionen Tonnen Braunkohle, sie wärmte und versorgte das ganze Land mit Strom. 80 000 Menschen arbeiteten dort in der Branche. 2020 dann entschieden Bundestag und Bundesrat, den Abbau der klimaschädlichen Braunkohle schneller zu beenden als ursprünglich geplant: In Welzow-Süd, das dem Energiekonzern Leag gehört, soll schon 2030 Schluss sein.
Was klimapolitisch eine gute Nachricht ist, kommt für die Spree schon fast einem Todesstoß gleich. Die Lausitzer wollen das Sümpfungswasser künftig nämlich für sich behalten, um aus den gewaltigen Tagebaulöchern Seen zu machen und die unterirdischen Grundwasserleiter vor Ort wieder aufzufüllen. Sechs Milliarden Kubikmeter brauchen sie dafür, sagt das Umweltbundesamt. Am Flussende aber, in Berlin, wo sich die Spree im Stadtteil Spandau mit der Havel vermischt, wird sehr viel Wasser dann fehlen. Bis zu 70 Prozent ihres Trinkwassers gewinnt die Hauptstadt heute aus den beiden Flüssen. Wie soll das werden?
Wasser ist ein Allgemeingut, es gehöre „niemandem und allen“, definierte einmal der Trierer Professor für öffentliches Recht und Wasserrechtsexperte Michael Reinhardt. Wer wie viel davon verwenden darf, regeln Landesbehörden dezentral vor Ort. Sie sind zunehmend unter Druck, denn je rarer etwas wird, umso begehrter wird es. Mancherorts sind die Menschen in Sorge, erste Proteste gibt es schon. Getränkehersteller wie Red Bull und Rauch in Brandenburg, Coca-Cola in Lüneburg oder Altmühltaler und Adelholzener in Bayern, die Grundwasser ausbeuten, stoßen auf Widerstände in der Bevölkerung wie noch nie. Das gilt allmählich übrigens auch für Großstädte wie Hamburg und München, die sich nach wie vor ziemlich ungeniert an den Vorräten ihres Umlands bedienen.
Also weiter den Fluss hinab.
Senftenberg
Nur etwa 20 Kilometer sind es von Welzow nach Senftenberg, einem Städtchen am See mit Hafen, Uferpromenade, Lokalen, Hafenmeisterei und Aussichtsbrücke. Den Senftenberger See gibt es seit den Siebzigerjahren, seit einiger Zeit entsteht hier sogar ein Seenland, die größte künstliche Wasserlandschaft Europas. Wo sich bis vor einigen Jahren Braunkohlebagger durch Landschaft gefräst haben, glitzert das Wasser in der Sonne, werden Strände und Radwege ringsum angelegt. Zehn der Seen sollen einmal durch schiffbare Kanäle verbunden werden.
Hier trifft man Kathrin Winkler, die sich noch gut erinnern kann, wie das war, als sie zu DDR-Zeiten am Senftenberger Seeufer losgeschwommen ist: „Da musste man erst einmal den Kohlefilm auf dem Wasser wegschieben.“ Kann das Freizeitgeschäft am Wasser den Bergbau in der Lausitz als Erwerbsquelle ersetzen? Winkler lächelt. Zu DDR-Zeiten habe man „in der Kohle viel besser verdient.“ Nein, das Geschäft mit Feriengästen sei kein gleichwertiger Ersatz für die Lausitz, „aber es ist ein wichtiges Instrument, um den Strukturwandel abzufedern“.
Winkler hatte einst für einen Tagebaubetrieb gearbeitet. Als der nach der Wende abgewickelt wurde, sattelte sie auf Marketing- und Eventmanagement um und landete schließlich im Tourismus. Heute ist sie Geschäftsführerin des Tourismusverbands Lausitzer Seenland und soll das Geschäft mit dem Wasser ankurbeln. Jenem Wasser, dass der Spree fehlen wird.
Sie brauchen es in Senftenberg aber nicht nur für den Tourismus, also geht es gleich wieder weiter.
In einem Plattenbau am Rande des Orts ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) untergebracht. Das Tochterunternehmen des Bundes trägt den Bergbau im Namen, ist aber auch der größte Wassermanager in der Lausitz. Es muss sich um alles kümmern, was der Tagebau hinterlässt: Umweltschäden, klaffende Tagebaulöcher, den Umbau der Landschaft.
„Der vorgezogene Braunkohle-Ausstieg hat ganz objektiv das Problem verschärft“, sagt Oliver Totsche, Abteilungsleiter für Grundsatzfragen bei der LMBV. „Am Anfang hat bei dem Thema keiner über Wasser und die Folgen auf diesem Gebiet geredet.“ Dabei brauche es normalerweise 20 Jahre Planung für wasserwirtschaftliche Veränderungen. „Aber diese Zeit haben wir im konkreten Fall nicht.“ Und die nach und nach angelegten Stauseen in den ehemaligen Kohlegruben? Seien wichtig, um stets genug Wasser vorzuhalten, um es bei Bedarf in die Spree zu pumpen, „aber sie reichen nicht“.
Der Klimawandel verschärft das Problem zusätzlich, überall, er sorgt für längere Trockenphasen, wie mal wieder in diesem Frühjahr. Er sorgt für höhere Temperaturen, was wiederum den Verbrauch in die Höhe treibt und deutlich mehr Wasser verdunsten lässt.
Zudem bringt der Klimawandel mehr Starkregen. Eine gute Nachricht? Leider nein. Beim Starkregen fällt zwar viel Wasser vom Himmel, das meiste davon aber fließt gleich wieder ab: Der Boden kann es in diesen Mengen nicht aufnehmen und versickern lassen. Ergebnis: Die unterirdischen Grundwasserleiter können sich nicht in dem Ausmaß wieder auffüllen, das es bräuchte. Mindestens um das Volumen des Bodensees seien seit 2000 die natürlichen Wasservorräte in Deutschland geschrumpft, sagen Experten.
Manche Regionen sind weniger betroffen, andere bereits extrem. Vor allem Mittel- und Ostdeutschland, aber selbst in Bayern, das in einen nassen Süden und einen trockenen Norden zerfällt, beträgt der Rückgang durch Entnahme beim neugebildeten Grundwasser mehr als 20 Prozent. Jeder zweite deutsche Landkreis spüre schon den Wasserstress, heißt es in einer 2025 vom Bund Naturschutz in Auftrag gegebenen Studie, in knapp einem Viertel der 400 Landkreise hierzulande sinken die Grundwasserstände seit Jahren signifikant. Immer häufiger verbieten Behörden im Sommer, private Pools zu befüllen und Rasenflächen zu gießen. Luxusprobleme. Schlimmstenfalls aber werden in besonders betroffenen Landstrichen eines Tages Wiesen, Wälder, Bäche und Seen austrocknen. Trinkwasser müsste rationiert werden, Fabriken möglicherweise stillstehen.
Man kennt so etwas aus Afrika, dem Nahen Osten oder Lateinamerika – aber in Deutschland?
Zurück zum LMBV. Auf einer unscheinbaren Bürotür aus Holz steht „Wasserbewirtschaftungszentrale Lausitzer Revier“. Martin Hoffmann hat dort Dienst. Er sitzt vor acht Bildschirmen. Sie zeigen in Echtzeit die Daten von 174 Messstellen an Pumpstationen, Ein- und Ausläufen, Wehranlagen und Überleiterkanälen von Stauseen und Flüssen wie der Spree in einem Gebiet von mehr als 1300 Quadratkilometern an. Geben Auskunft über Wasserstände und -qualität. Das System soll die Wasserverteilung innerhalb der Region sichern und den Spreepegel stabil halten. Die Grundidee: Wasser sammeln, um es in Trockenzeiten dort verteilen zu können, wo es gerade benötigt wird.
Experten sind sich einig, dass es in ganz Deutschland viele solcher Systeme brauchen wird. In manchen Regionen gibt es sie schon. Der Main im Norden Bayerns etwa würde in heißen Sommern gefährlich austrocknen, würde nicht ein ausgeklügeltes System Wasser aus dem nassen Süden des Freistaats über den Main-Donau-Kanal und das künstlich angelegte Fränkische Seenland südlich von Nürnberg in den Fluss pumpen. Im Ruhrgebiet stabilisiert die Biggetalsperre die Ruhr und die Trinkwasserversorgung, die Edertalsperre reguliert die Fulda, die Talsperre Schwammenauel in der Eifel hilft bei der Wasserversorgung von Aachen.
Im LMBV-Kontrollzentrum in Senftenberg schaut heute auch noch Maik Ulrich vorbei, Hoffmanns Chef. Mit Schrecken erinnert er sich an die Hitzejahre 2018, 2019 und 2020, als die Talsperrenspeicher und Tagebauseen in der Lausitz ziemlich leer liefen. 2018 und 2019 speiste ausschließlich Sümpfungswasser den Spreewald – also kein Wasser, das auf natürlichem Weg in den Fluss gelangt ist. „Ohne dieses Sümpfungswasser wären die Auswirkungen dort extrem gewesen.“
Auf der Suche nach Auswegen haben Ulrich und andere Experten in Brandenburg eine kühne Idee. Sie schlagen vor, Wasser aus der Elbe rüber in die Spree zu pumpen und damit in der Lausitz Vorräte anzulegen für trockene Zeiten – und damit letztlich auch für Berlin. 3000 bis 5000 Liter Wasser sollen der Elbe pro Sekunde in der Sächsischen Schweiz entnommen und über eine 40 Kilometer lange Pipeline erst einmal in eine Talsperre bei Bautzen und später weiter in die Spree fließen. Doch auch da hat der Verteilungskampf bereits begonnen: Die Landesregierungen von Sachsen und Sachsen-Anhalt, aber auch Umweltschützer lehnen das ab. Die Elbe leide doch selbst immer öfter unter Wassernot, argumentieren sie.
„Wenn die Elbe-Überleitung nicht kommt, wird es den Spreewald, wie wir ihn heute kennen, nicht länger geben“, warnt Oliver Totsche, der Strategiechef der LMBV. „Ganz einfach, weil zu wenig Wasser da ist.“ Der Spreewald würde teil- und zeitweise „trockenfallen, und das ökologische System wird sich verändern“.
Spreewüste also statt Spreewald.
Lübbenau
Von dieser Bedrohung ist heute noch nichts zu spüren. Wer im Hafen von Lübbenau in ein Boot steigt, kann die üppige Natur des Spreewalds genießen, ein Geflecht aus Spree-Fließen, Auwäldern, Wiesen, Mooren. Als Besucher könnte man auch hier leicht dem Gedanken erliegen: War schon immer hier, wird ewig hier sein. Von wegen. „Ohne Eingriffe des Menschen würde der Spreewald in seiner heutigen Form nicht existieren“, nimmt einem der Wasserwirtschaftler Mathias Schuster vom Brandenburger Landesamt für Umweltschutz (LfU) jede Illusion. Der Spreewald ist Menschenwerk: „Würde man die Flächen nicht mehr bewirtschaften und die Gewässer nicht steuern, würde der Spreewald in kürzester Zeit verbuschen und verwalden und die Fließe wären nicht mehr befahrbar.“
Schuster ist genau dafür zuständig, dass dem Spreewald das Wasser nicht ausgeht. Mindestens einen halben Meter Wasser brauchen dessen Fließe, sonst leidet die Vegetation. 450 Staubauwerke und 112 Wehre regulieren den Wasserfluss.
In seinem Büro in Cottbus legt Mathias Schuster Grafiken, Tabellen und Karten auf den Tisch und ruft sie am Bildschirm auf. 1190 Kilometer lang ist das Gewässernetz im Spreewald, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es 880 Kilometer. „Dieses System wurde ständig verändert und an die Bedürfnisse angepasst“, sagt Schuster. Früher lebten die Menschen im Spreewald vom Fischfang, heute von Urlaubern. Mit knapp 800 000 Besucherinnen und Besuchern ist er eine der größten Tourismusregionen Ostdeutschlands.
Noch.
Denn auch Schuster sagt: Dass der Spreewald so schön ist, liege „auch an der Versorgung mit Sümpfungswasser aus dem Braunkohleabbau“. Ohne Wasser aus der Braunkohle geht gar nichts. „Wenn die Spree den Spreewald erreicht, ist etwa die Hälfte ihres Volumens abgepumptes Grubenwasser.“ Allein durch die Verdunstung sei der Spreewald definitiv einer der größten Wasserverbraucher. Noch kriege man es hin, aber nur „mit Mühe und Not“. Lange Trockenperioden aber „könnten uns in Zukunft das Genick brechen“.
Mindestens acht bis zehn Kubikmeter Wasser muss die Spree im Idealfall pro Sekunde in den Spreewald schaffen, um das System dort aufrechtzuerhalten. Am Ende des Spreewalds dann, in Richtung Berlin, sollten möglichst noch vier bis fünf Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Wald heraus in die Spree fließen.
In den Trockenjahren 2018 bis 2022 aber sei es im Sommer häufig nur noch weniger als ein Kubikmeter pro Sekunde gewesen, sagt Schuster, 2019 „waren wir sogar hart an der Null“. Seine Prognose: „Im Winter wird es auch in Zukunft gut funktionieren, aber die Sommer werden extrem problematisch.“ Die Natur könne und werde sich auf die neuen Zeiten einstellen so wie sie das immer getan hat. „Aber für die Menschen, die hier seit etwa drei Generationen an eine stabile Wasserversorgung gewöhnt sind, kann dies ein herausfordernder Prozess werden.“
Cottbus
25 Kilometer lang fließt die Spree durch Cottbuser Gebiet, fünf Minuten sind es zu Fuß von ihrem Ufer zur „Haltestelle“, einer kirchlich-alternativen Begegnungsstätte. René Schuster – nicht verwandt oder verschwägert mit Mathias Schuster vom LfU – hat sie als Treffpunkt vorgeschlagen. Wer unter Umweltschützern einen Experten für Tagebau und Braunkohle und deren Folgen für den Wasserhaushalt in der Lausitz sucht, kommt an dem Diplomingenieur mit Stoppelbart und Halbglatze nicht vorbei.
2022 hat er ein Dossier darüber veröffentlicht, Tenor: Nein, der Kohleausstieg ist nicht an den Wasserproblemen der Zukunft schuld. Weiter Kohleabbau zu betreiben, nur um weiter Sümpfungswasser zu bekommen, wäre fatal, weil am Ende das Wasserdefizit noch größer würde, je länger Tagebau betrieben wird. Noch mehr Sulfat und Eisen wären dann im Wasser enthalten, Stoffe, die schon jetzt mit großem finanziellen und technischen Aufwand aus dem Spreewasser gefiltert werden müssen. Zudem entstünden noch größere Löcher in der Landschaft, die man hinterher auffüllen müsse.
Der Leag-Konzern, dessen Zentrale in Cottbus nur wenige Hundert Meter von der „Haltestelle“ entfernt liegt, ist einer der größten Stromerzeuger Deutschlands – und der größte Wasserschlucker im ganzen Land Brandenburg. Leag entstand 2016, als der schwedische Energiekonzern Vattenfall die Lausitzer Braunkohletagebaue samt dazugehörigen Kraftwerken an den tschechischen Energieversorger EPH und an PPF verkaufte, einen in Amsterdam ansässigen Finanzinvestor. Immer wieder werfen Kritiker Leag Intransparenz vor, vor allem in Sachen Wasser. Rund um die Leag herrsche diesbezüglich „ein beispielloses Schweigen“, schrieb einmal die Rechercheplattform Correctiv .
„Der Einfluss der Leag auf die Landesbehörden und vor allem die Landespolitik ist enorm“, sagt auch Umweltschützer René Schuster. Die Behörden wollten sich nicht mit Leag anlegen, vermutet er, im Bewusstsein, im Zweifel ohnehin den Kürzeren zu ziehen.
Die Folgen des Tagebaus und des Ausstiegs seien zu lange verdrängt worden, kritisiert er. 12 000 Hektar künstliche Wasserfläche würden bereits existieren, rechnet er vor. Durch die von der Leag noch betriebenen Tagebauflächen kämen nach deren Schließung weitere 8000 Hektar hinzu. Der Umweltschützer hält von der Flutung der Kohlegruben wenig, zumal dann, wenn die Seen, die dabei entstünden, flach seien – denn dann lasse die Erderwärmung doch zu viel Wasser großflächig verdunsten.
Die neuen Seen als Tourismusparadies und Speicherregulatorium, wie sie das in Senftenberg anpreisen? Schuster sieht das ganz, ganz anders: „Nötig wäre, in der Bergbaufolgelandschaft möglichst wenig Seen anzulegen und stattdessen möglichst viele Landflächen zu rekultivieren.“
Anderthalb Stunden von Cottbus entfernt liegt Grünheide. Hier sehen manche noch eine ganz andere Bedrohung der Spree und deren Wassers: eine Elektroautofabrik des reichsten Mannes der Welt, Elon Musk.
Grünheide
Manuela Hoyer lebt in Grünheide in einem Mehrfamilienhaus, an dem die Spree gemächlich vorbeifließt. Nicht weit vom Haus ist eine kleine Bootsanlegestelle und ein Grillplatz. Über den Fluss hinweg fällt der Blick ins Grüne. Ein Idyll? Nur wenige Hundert Meter entfernt fressen sich tiefe Schneisen durch den Wald, gefällte Bäume stapeln sich. Wieder einmal wurden Waldflächen gerodet, um Platz für Erweiterungen und Zufahrten zum Tesla-Werk zu schaffen.
Hoyer, eine pensionierte Gewerkschafterin aus Berlin, ist Sprecherin der örtlichen Bürgerinitiative, die sich von Anfang an gegen Tesla wehrte. „Hier wird alles den Tesla-Wünschen untergeordnet“, sagt Hoyer. „Und die Öffentlichkeit erfährt im Detail immer weniger, was da hinter den Kulissen läuft.“
Das Gespräch kommt sehr schnell auf den fast schon berühmt gewordenen Auftritt von Elon Musk 2021 in Grünheide, als er auf Wasserknappheit angesprochen in spöttisches Lachen ausbrach: „Sehen Sie sich um: Hier gibt es überall Wasser. Kommt Ihnen das wie eine Wüste vor? Das ist lächerlich. Es regnet sehr viel.“ Als hätte der örtliche Wasserversorger WSE nicht damals schon Probleme gehabt, die Menschen in seinen 16 angeschlossenen Gemeinden in heißen Sommern mit genug Wasser zu versorgen.
Der WSE war der erste Wasserversorger in Deutschland, der in seine Verträge mit Neukunden hinein schrieb, dass er einen Aufpreis verlangen darf in Trockenzeiten, eine Art Malus für Wasser, wenn die Kunden mehr als 105 Liter davon am Tag verbrauchen. Im Durchschnitt verbraucht in Deutschland jede Privatperson etwa 122 Liter.
Was den wachsenden Wasserdurst angeht, sind die privaten Haushalte allerdings gar nicht das Problem, ihr Verbrauch sinkt vor allem dank wassersparender Haushaltsgeräte sowieso seit vielen Jahren. Die großen Schlucker, die bis zu drei Viertel des Frischwassers in Deutschland verbrauchen, finden sich in der Wirtschaft, auch der Boom der künstlichen Intelligenz lässt den Wasserverbrauch nach oben schnellen. Wer Halbleiter baut, wie demnächst in einer Infineon-Fabrik in Dresden, braucht Wasser für die Reinigung. Wer KI-Rechenzentren betreibt, wie der Schwarz-Konzern dies in Lübbenau im Spreewald plant, Microsoft im Rheinischen Revier oder Telekom und Nvidia in München, braucht Unmengen von Wasser zur Kühlung der Anlagen. Aber es ist nicht nur die Industrie, auch Gemüsebauern richten sich darauf ein, wegen der Erderwärmung bald mehr Felder bewässern zu müssen.
Hier vor Ort vergingen jedenfalls nur etwas mehr als 860 Tage zwischen Musks Ankündigung am 12. November 2019, das zentrale Tesla-Werk in Europa in Grünheide zu bauen, und der Auslieferung der ersten Autos dort. Die Brandenburger Landesregierung feierte damals das Tempo als beispielhaft; der WSE warnte, er wisse nicht wirklich, woher er die anderthalb Millionen Kubikmeter Wasser für die Autofabrik nehmen soll. Anderthalb Millionen Kubikmeter pro Jahr – damit lässt sich eine mittlere Kleinstadt versorgen. Manuela Hoyer erzählt gerne von einer Bekannten, der die Behörden einen Anbau an ihr Häuschen zwei Kilometer vom Tesla-Werk entfernt untersagt hätten. Begründung: Es stünde in einem Wasserschutzgebiet. Das Tesla-Werk steht hingegen zu zwei Dritteln im Wasserschutzgebiet.
„Tesla hat die Wasserprobleme hier objektiv verschärft“, sagt Hoyer. Viel trockener seien Boden und Wald geworden, das erlebe sie bei jedem Spaziergang durch die Natur. Tesla habe auch keinen Wohlstand gebracht, „nur Nachteile“, findet sie: die Rodung des Waldes, der Anstieg von Grundstückspreisen und Mieten, der hohe Wasserverbrauch. Allerdings, sagt sie, würden die Menschen Letzteres noch nicht wahrnehmen. „Sie fühlen sich noch nicht unmittelbar betroffen. Erst wenn das Leitungswasser abgesperrt oder eingeschränkt wird, werden die Leute aufstehen und sich wehren.“
Der Autobauer spürte wohl den Unmut in Teilen der Bevölkerung und kündigte im Herbst vergangenen Jahres an, in Zukunft auf knapp 440 000 der ihm genehmigten 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich verzichten zu wollen: Man habe innerhalb der Fabrik in Technik zum Wassersparen investiert.
Berlin
Berlin ist eine von sehr wenigen Millionenmetropolen weltweit, die nicht an einem wirklich großen Fluss oder am Meer liegen. Die Stadt ist von Haus aus trocken, durchschnittlich regnet es nach Angaben der Wasserbetriebe 550 Millimeter pro Quadratmeter und Jahr. Der Bundesdurchschnitt liegt bei etwa 800 Millimetern. Was tun also, wenn in naher Zukunft die Spree deutlich weniger Wasser liefert als in den vergangenen 100 Jahren? Wie will die Stadt ihre Trinkwasserversorgung sichern?
Noch einmal zurück zum Wasserwerk Jungfernheide. Ruth Bittner, die Strategieexpertin der Berliner Wasserbetriebe (BWB), führt durch das weitläufige und parkähnliche Gelände, zur Spree hin breitet sich ein unberührter Wald aus. Beim Spaziergang fallen rote Pfeile auf dem Boden auf. Sie markieren die Stellen, an denen Brunnen gebohrt werden sollen, mit denen das Spreewasser in Zukunft gewonnen werden soll. Das Gelände liegt unmittelbar am Fluss, nicht weit entfernt von der Stelle, an der sich die Spree mit der Havel vereint. 2001 war das Wasserwerk stillgelegt worden: Nach dem Fall der Mauer war der Wasserverbrauch der Stadt erst einmal drastisch zurückgegangen. 1989 brauchte Berlin 368 Millionen Kubikmeter. In den folgenden Jahren sackte der Bedarf zeitweise unter 200 Millionen Kubikmeter. Weil Unternehmen die Stadt verließen, aber auch, weil mehr als 100 000 Menschen ins Umland zogen.
Als Reaktion schlossen die BWB damals sieben Wasserwerke, eines davon war Jungfernheide. Nun soll es reaktiviert werden, für voraussichtlich 300 Millionen Euro. „Letztes Jahr haben wir 215 Millionen Kubikmeter Wasser verkauft“, sagt Bittner, an etwa vier Millionen Menschen in der Stadt und im Umland. Die Hauptstadt muss künftig nicht nur den Ausfall von Spreewasser ausgleichen, sie braucht insgesamt mehr Trinkwasser. Berlin nämlich wächst, mit 4,2 Millionen Einwohnern im Jahr 2050 rechnen die BWB.
Auf dem Weg in die Hauptstadt hatte Mathias Schuster vom Brandenburger LfU einem einen wichtigen Hinweis mitgegeben. Berlin benötige acht Kubikmeter Spreewasser pro Sekunde, gemessen am letzten wichtigen Messpunkt vor der Hauptstadt, an der „Großen Tränke“. „Im Sommer sind es jetzt schon oft weniger als fünf, aber damit können sie aktuell noch umgehen“, sagte er. Was aber, wenn es noch weniger wird?
Fachleute sind sich einig: Es muss etwas getan werden. Im März 2023 wurde die Nationale Wasserstrategie von der Bundesregierung verabschiedet, 78 detaillierte Vorschläge, um in Zeiten des Klimawandels Deutschlands Wasserversorgung zu sichern, von der Renaturierung von Mooren und Versickerungsflächen über besseres Regenwassermanagement bis zu Investitionen in wassersparende Technik. Von einer Umsetzung der Vorschläge ist man allerdings weit entfernt.
In Berlin gibt es Vorschläge, Wasser aus der Ostsee oder aus nassen Teilen Thüringens in die Stadt zu pumpen, über lange Fernleitungen. Das ist aus mehreren Gründen unrealistisch. Zum einen wegen des immensen Aufwands. Ostseewasser müsste beispielsweise vom Salz gereinigt werden, was aufwendig und teuer ist. Ein Problem wäre auch das geringe Gefälle, das über die weite Strecke zusätzliche Pumpstationen nötig machen würde. Abgesehen von alledem dauern Planung und Bau solcher Wasser-Pipelines viele Jahre und verschlingen immense Summen.
Also planen die Berliner erst einmal, sich selbst zu helfen. Ruth Bittner zählt auf: Die Menschen sollen zum Wassersparen motiviert werden, man will mehr Versickerungsflächen für Regenwasser vorhalten, um mehr Grundwasser entstehen zu lassen. Am meisten verspricht man sich davon, alle Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe auszurüsten, damit weitaus mehr gereinigtes Abwasser als bisher auch für die Trinkwasseraufbereitung genutzt werden kann.
Und dann sollen zwei große Wasserwerke reaktiviert werden, Johannisthal im Südosten der Stadt – und eben Jungfernheide. „Wir wollen hier künftig bis zu 20 Millionen Kubikmeter Wasser fördern“, sagt Ruth Bittner beim Rundgang, 2030 sollen es bereits sieben Millionen Kubikmeter sein. Warum hier? „Weil wir diesen Standort bereits haben, weil der Einspeisepunkt ins Netz hier günstig liegt und weil die Spree liefert.“
Moment mal, die Spree? Jener Fluss also soll es richten, der manchen Berechnungen zufolge künftig bis zu 75 Prozent weniger Wasser führen könnte? „Wir haben Prognosen erstellen lassen“, sagt Bittner ungerührt. Selbst wenn der Schwund tatsächlich genau so einträte, „reicht es vom Uferfiltrat her noch immer“. Der Plan ist, das Wasser aus dem Fluss zu entnehmen, es sodann im Boden versickern zu lassen und schließlich gemeinsam mit anderem Uferfiltrat und Grundwasser wieder hochzupumpen. Experten nennen das „Grundwasseranreicherung“.
Kritiker halten das für wenig tauglich. Sie warnen, dass sich dadurch lokale Grundwasserstände verringern und in der Folge Wälder, Moore und Feuchtbiotope entlang von Spree und Havel austrocknen könnten. „Was hier läuft, ist absolut nicht nachhaltig“, sagt Christian Schweer und will das nicht nur auf die Pläne der BWB in Jungfernheide bezogen verstehen. „Es soll viel zu viel Wasser entnommen werden. Hier werden einfach Symptome bekämpft, anstatt das Berliner Wasserproblem grundsätzlich anzugehen.“ Schweer ist einer der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Wasserwerk Berlin“, in der sich mehrere Umweltorganisationen zusammengeschlossen haben. Letztendlich werde mit dem Plan in Jungfernheide die ohnehin schrumpfende Spree weiter ausgebeutet. Schweer nennt das eine „politische Bankrotterklärung“.
Aber was dann tun? Man müsse endlich „in großem Stil Wasser in Berlin einsparen“, sagt Schweer. Etwa, indem man Bauherren unterstützt, wenn sie Regenwassertonnen oder – zisternen aufstellen oder Brauchwasserkreisläufe einbauen, um Duschwasser ein zweites Mal für die Toilette zu verwenden. Auch müsse das Wasser endlich teurer werden, um einen Sparanreiz zu setzen.
Müsste die Politik im Angesicht der Herausforderungen denn nicht viel schneller sein? Ruth Bittner, die Wasserstrategin der Berliner Wasserbetriebe, antwortet diplomatisch: „Das Tempo der Genehmigungsverfahren“, sagt sie vorsichtig, „hinkt der Dynamik von Klimawandel und regionalem Wachstum hinterher.“
„Masterplan Wasser“ heißt das vielfältige Konzept, mit dem Berlin seine Trinkwasserversorgung sichern will. Mehr Uferfiltration, künstliche Grundwasseranreicherung, die Entsiegelung von Flächen, damit Regen dort versickern kann, besserer Schutz der Trinkwasserschutzgebiete, mehr Brauchwasserkreisläufe, mehr Aufklärung der Bevölkerung. Und vor allem: eine länderübergreifende Zusammenarbeit mit Brandenburg.
Ob das alles reicht? Ob es schnell genug kommt? Zumindest Letzteres wohl schon mal nicht. 2024 kündigten der Regierende Bürgermeister Berlins und der Ministerpräsident Brandenburgs eine gemeinsame Wasserstrategie an. 2025 sollte sie vorliegen. Es gibt sie bis heute nicht.
Einschübe
Wenn der Fluss rückwärts fließt und der Spreewald vertrocknet
In Deutschland wird das Wasser knapp. Und Berlin erwischt es zuerst und hart
Wasser aus dem Braunkohle-Tagebau fließt in die Spree – aber nicht mehr lang
