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Eine fast unmögliche Mission

von Gabriela Herpell
SZ Magazin vom 05.12.2025

Inhalt: Eine Nonne aus Niedersachsen, ein auf Permakultur spezialisierter Gärtner aus Bremen und ein jesidischer Bauingenieur wollen die aufgrund von politischen und religiösen Konflikten sowie Klimawandel verwüstete Heimat der Jesiden, das Gebiet Shingal, wieder in ein intaktes Ökosystem verwandeln. Der Artikel erzählt ihre jeweilige Motivation, die Geschichte der Vertreibung und des Ökozids im Gebirge durch Saddam Hussein bzw. den IS und stellt ihre Pläne für den Wiederaufbau vor. Geplant sind Dämme, um das Land vor Erosion, Sturzfluten und Überhitzung zu schützen; Landwirtschaft auf Terrassen, eine Baumschule und eine Farm, die traditionelle und moderne Methoden verbindet.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Eine fast unmögliche Mission

Die Heimat der Jesiden im Nahen Osten ist zerstört, das Land nur noch Ödnis. Doch eine Gruppe außergewöhnlicher Freunde will das Gebiet mit außergewöhnlichen Mitteln wieder fruchtbar machen

Verrückt, sich in dieser Bergwüste eine Baumschule vorzustellen, aber die drei sehen in Gedanken alles genau vor sich. Da oben Wald. Darunter die Mutterpflanzen, zwanzig Sorten: Olive, Mandel, Pistazie, Granatapfel, Aprikose, Pfirsich, natürlich die Feige. Was so gedeiht, wenn die Sonne viel scheint. Von den Mutterpflanzen schneiden sie Stecklinge, die im Schattenhaus zum Verkauf stehen werden, Topf an Topf, 6000 Quadratmeter. Das Schattenhaus, das anders als ein Gewächshaus keine Wärme speichert, sondern offen ist und kühl, wird neben einem Stausee liegen. Die drei nicken einander zu, während sie das erzählen. Sie strahlen, als würde das Wasser schon leise plätschern.
Die drei, das sind: eine Nonne aus Niedersachsen, ein Bremer Gärtner und ein jesidischer Bauingenieur. Klingt wie ein Witz, ist aber sehr ernst. Die drei sind hier im Oktober 2025 zusammengekommen, um ein Wunder zu vollbringen: Die Wüste soll blühen im Shingal-Gebirge im Nordirak, nahe an der syrischen und türkischen Grenze, in der Heimat der Jesiden. Eine Bergkette, hundert Kilometer lang und bis zu 1400 Meter hoch. Jetzt ist da nichts als Geröll, Felsen, Steine, Staub. Alle paar Meter eine dürre Eiche. Das Gebirge ist verkarstet. Die Gründe: Politik, Religion, Krieg und Klimawandel.
Die Nonne heißt Schwester Makrina. Sie ist 48 Jahre alt, und es ist irgendwie folgerichtig, dass eine katholische Nonne ein Volk retten möchte, das Opfer seiner Religion geworden ist.
Genauso folgerichtig ist es, dass der 59-jährige Landschaftsgärtner Volker Kranz, dessen Spezialität Permakultur ist – eine nachhaltige Landnutzung, die natürliche Kreisläufe imitiert –, eine Gegend retten möchte, in der natürliche Kreisläufe gestört sind.
Ahmed Shamo, 36 Jahre alt, Jeside, ist vor elf Jahren mit seiner Familie vor dem IS aus der Heimat geflüchtet und vor fünf Jahren zurückgekehrt. Er wünscht sich, dass wieder Menschen im Shingal wohnen und arbeiten können. Wie früher, vor dem Genozid durch den IS. Oder besser wie ganz früher, vor dem Diktator Saddam Hussein. Damals war das Gebirge grün. Eichenwälder, Obsthaine, Getreideäcker, Gemüsegärten. Um den Menschen zu ermöglichen, hier zu leben, brauchen sie vor allem eins: Bäume.


Die Nonne

Das Wunder war Schwester Makrinas Idee. Schwester Makrina sieht jünger aus, als sie ist. Im Irak trägt sie nur selten ihr Habit, meistens Jeans oder Kleider im Stil der Jesidinnen. Wenn sie fotografiert wird, nimmt sie die Brille ab. Sie mag es, hübsch auszusehen.
Das Wunder fing an mit einer Farm. Oder nein, eigentlich fing es damit an, dass das Kloster Burg Dinklage in Niedersachsen, in dem Schwester Makrina als Benediktinerin lebt, Geflüchteten Kirchenasyl bot. Die ersten Anfragen kamen kurz nach Angela Merkels »Wir schaffen das«.
Die Nonnen entschieden sich einstimmig fürs Kirchenasyl, sagt Schwester Makrina. »Unsere ältesten Schwestern waren selbst Geflüchtete, sie meinten, wir haben diese Erfahrungen auch gemacht.« Innerhalb einer Woche kamen sechs Jesiden zu ihnen. Seitdem waren es 160 oder 170, sie hatten mehr Anfragen als Platz, »ich kannte Jesiden aus jedem Dorf im Shingal, von ihnen habe ich Kurmandschi gelernt. Ich war allerdings auch ein bisschen ehrgeizig«, sagt sie.
Schwester Makrina ist in Kalifornien geboren und aufgewachsen und war als Kind Leistungsturnerin. Sie hat Geschichte in Oxford studiert und promoviert. Jeden Morgen joggt sie zehn Kilometer, in Dinklage und auch im Irak. Um sechs Uhr morgens, wenn die Sonne noch nicht brennt, läuft sie innerhalb der Mauern des Grundstücks hin und her, rosa T-Shirt, graue Jogginghose. Das Haus, in dem sie und Volker Kranz zu Gast sind, gehört Ahmed Shamo und ist wie alle Häuser hier von einer hohen Mauer umgeben. Raus traut sie sich nicht. »Ich weiß nicht, wer wen damals verraten oder im Stich gelassen hat und wer wem wie wohlgesonnen ist.« Außerdem fürchtet sie die Hunde. Sie haben menschliche Leichen gefressen, und es ist denkbar, dass sie Menschen anfallen, wenn sie Hunger haben.
Also, ja, Schwester Makrina ist ehrgeizig. Aber das Schicksal der Jesiden als ständig verfolgte Minderheit berührte sie auch besonders. »Die Jesiden sind inzwischen ein Teil von Dinklage«, sagt sie. »Sie helfen im Garten. Wir feiern alle Feste zusammen, sie unsere und wir ihre. Anfangs dachte ich, das ist so eine kleine Gemeinschaft, sie können alle in Deutschland sein.« Deutschland ist mit rund 250 000 Jesidinnen und Jesiden die größte jesidische Diaspora weltweit. Vielen von ihnen droht die Abschiebung.
Schwester Makrina schrieb an einem universitärem Gutachten mit, in dem es heißt, es sei unverantwortlich, jesidische Männer, Frauen und Kinder in das Land abzuschieben, in dem sie keine Lebensgrundlage hätten, in das Land des Völkermords, in dem sie ehemaligen Tätern begegnen und sich ständig bedroht fühlen müssten. Rund 200 000 leben noch immer in irakischen Flüchtlingslagern, auch weil eine jesidische Familie nicht in einen anderen Landesteil ziehen kann, wo sie ohne ihre Gemeinschaft und ohne Schutz wäre.
Doch nun steht Schwester Makrina hier, auf einem Felsen im Shingal-Gebirge, und hat andere Visionen. Das Gebirge wieder zu bewalden und zu begrünen. Das Land wieder zu besiedeln. Den Jesiden ihren Lebensraum zurückzugeben. Erster Schritt: eine Farm, die gibt es schon. Zweiter Schritt: die Baumschule, die gibt es noch nicht.
Das Ganze kam so: Im November 2018 erhielt Hamo Shamo, Ahmeds Bruder, nach seiner Flucht über die Türkei und Griechenland im Kloster Burg Dinklage Kirchenasyl. Heute ist er Maurer und wohnt mit seiner Familie in einer Mietwohnung auf dem Gelände des Klosters. Aber anders als die meisten seiner Landsleute hatte er eine Vorstellung, wie die Jesiden wieder in ihrem Land leben könnten. »Hamo sagte, wir müssen zurück zum Berg, in die alten Dörfer, zu unseren natürlichen Ressourcen«, sagt Schwester Makrina.
Jemand anderes hätte vielleicht gesagt, gute Idee, aber wir tun ja hier schon genug. Jemand anderes wäre vielleicht auch nicht mit 28 kurz entschlossen ins Kloster gegangen. Schwester Makrina hatte von einer Äbtissin gehört, die auch in Oxford gewesen war, Schwester Máire. »Auf der Suche nach einer geistlichen Begleiterin« traf sie die Äbtissin im Kloster in Dinklage. »Ich hatte nie vor, nach Deutschland zu gehen und in ein Kloster einzutreten«, sagt Schwester Makrina.
Aber wenn sie was macht, macht sie es richtig. Hundertzehnprozentig. Durch alte Verbindungen fand sie Jerry White, einen US-amerikanischen Aktivisten, der für seinen Einsatz für das Verbot von Landminen 1997 den Friedensnobelpreis bekam. »Ohne Jerry wäre das nicht denkbar gewesen«, sagt Schwester Makrina. »Er hat mir beigebracht, wie man aus einem kleinen Projekt ein größeres entwickelt. Den Umgang mit Spenden und Spendern. Er war zu der Zeit Professor an der University of Virginia, so hatten wir ein Team von Studierenden, die uns zwei Jahre lang halfen zu erforschen, wie man Shingal wieder bewohnbar machen könnte.« Jerry White hatte auch Freunde, die sie finanziell unterstützten. 300 000 Dollar kamen so zusammen.
Schwester Makrina kaufte Land für eine Farm im Shingal. Mit Jerry Whites Hilfe und dem Segen ihres Ordens gründete sie einen Verein, der »Regenerate Shingal« heißt. Der Verein half der Farm im Entstehen und unterstützt sie auch heute.
Jahrelang trafen sich Schwester Makrina und Ahmed Shamo per Zoom, oft saß Hamo Shamo neben ihr. Sie sah Ahmed Shamos Haus entstehen. Sie sah die Farm entstehen. Sie lernte seine Frau, seine Kinder, seine Brüder kennen. Eines Tages hielt er sein drittes Kind in die Kamera, gerade geboren, und sagte, sie würden sie ihr zu Ehren Katherine nennen. Katherine war Schwester Makrinas weltlicher Name.
Im Jahr 2022 fuhr sie zum ersten Mal in den Irak. Jetzt ist sie zum neunten Mal hier.

Der Jeside

Ahmed Shamo, hellgrüne Augen im sonnenverbrannten Gesicht, fährt gut Auto, raucht gern und stellt abends Whisky auf den Tisch. Er wohnt mit seiner Frau, vier Kindern, seinen Eltern und Geschwistern in dem halb wiederaufgebauten Haus in Tel Azeer. Die Eltern ein Zimmer, Ahmed Shamo, seine Frau und seine Kinder eins, zwei seiner jüngeren Brüder jeder eins. Seine Schwestern leben in den Familien ihrer Männer und drei der acht Geschwister in Deutschland.
Tel Azeer ist mit dem Auto eine halbe Stunde vom Gebirge entfernt. Ein beklemmender Ort. Straßen im rechten Winkel wie auf einem Schachbrett, das Land flach wie die Prärie und staubtrocken. Jedes zweite Haus ist eine Ruine, die Straße eine Schotterpiste mit unzähligen Schwellen, über die die Autos im Schritttempo rollen müssen. Vor dem Genozid lebten etwa 25 000 Menschen in Tel Azeer, jetzt sind es wieder rund 10 000. 400 Familien, sagt Ahmed Shamo. Insgesamt, schätzt die Internationale Organisation für Migration, sind etwas mehr als 100 000 Jesiden in ihre Heimat zurückgekehrt.
Die Jesiden stammen aus den Kurdengebieten des Iraks, Syriens und der Türkei. Sie gehören zum Volk der Kurden, praktizieren aber ihre eigene Religion. Sie glauben an einen Gott und einen Engel in Pfauengestalt, an die Seelenwanderung, und sie verehren die Natur: Sie beten in Richtung Sonne, ihre Heiligtümer sind immer in der Nähe einer Quelle, aus Respekt vor dem Himmel tragen sie kein Hellblau. Jeside wird man durch die Eltern, und Jesiden heiraten nur untereinander.
Strenggläubige Muslime verfolgen Jesiden seit Jahrhunderten als Ungläubige. Nach und nach zogen die Jesiden sich ins Shingal-Gebirge zurück, in dem sie sich schützen konnten. Ende der Siebzigerjahre ließ der damalige irakische Diktator Saddam Hussein die Jesiden in die Ebene vertreiben. Er wollte die Berge im Grenzgebiet nach Syrien und zur Türkei kontrollieren und die Jesiden schwächen. Ihre Obsthaine und Gemüsegärten vertrockneten. Die Eichenwälder im Shingal ließ Hussein abholzen.
Saddam Hussein war längst gestürzt, als Kämpfer des IS 2014 die Dörfer der Jesiden mit dem erklärten Ziel überfielen, sie zu vernichten. Die kurdischen Peschmerga-Einheiten, die das Gebiet damals kontrollierten, zogen sich zurück und überließen die Jesiden fast schutzlos der Terrororganisation »Islamischer Staat«. Tausende kamen um, Hunderttausende flüchteten. Die Peschmerga kehrten zurück und kämpften mit der PKK zusammen gegen den IS. Heute wird das Shingal-Gebirge von der irakischen Regierung verwaltet, es befinden sich aber nach wie vor Checkpoints sowie versprengte Milizen der PKK und der Peschmerga dort, die Ansprüche auf das Gebiet erheben, weil sie den IS vertrieben haben.
Im Jahr 2023 erkannte der Deutsche Bundestag die Verfolgung der Jesiden durch den IS als Genozid an. Der Rechnung der Jesiden zufolge ist es der 74. Genozid. Sie haben ein eigenes Wort für den Mord an ihrem Volk: »Ferman«.
Es war aber auch ein Ökozid. Die Kämpfer des IS zerstörten die Straßen, die Häuser, die Gärten, die Heiligtümer und Grabstätten der Jesiden, sie schütteten Steine und Müll in deren Brunnen und vergifteten sie. Sie blieben von 2014 bis 2017 und hinterließen unbewohnbares Gebiet. Die Hauptstadt der Region, die auch Shingal heißt, sieht noch heute aus, als wäre der IS vor fünf Minuten abgezogen.
Ahmed Shamos Mutter Sera ist 53, eine resolute Frau mit schwarzen langen Haaren. Sie sitzt im Schneidersitz auf einem Kissen auf dem Fußboden der Küche in Tel Azeer und schnippelt Kartoffeln. Ahmed Shamos Frau Wadhok steht mit ihrer kleinsten Tochter im Arm am Herd und brät Auberginenscheiben. Die Frauen sprechen ohne Selbstmitleid über die Flucht. Sie hätten es noch gut getroffen, sagen sie, Schwester Makrina übersetzt. Aus ihrer Familie hätten alle überlebt, niemand sei verschleppt, versklavt, vergewaltigt worden.
Tel Azeer gehörte zu den ersten drei Dörfern, die der IS überfiel. In der Nacht zum 3. August 2014 floh Ahmed Shamo mit seiner Familie in die Berge. Sie hatten nichts bei sich, saßen bei mehr als 40 Grad am Tag unter einem Baum, hatten Hunger, Durst, Angst. Ahmed Shamos erstes Kind war gerade geboren.
Zehn Tage nach ihrer Flucht in die Berge wusste er: Sie sterben, wenn sie nicht weiterziehen. Sie schafften es über den Grat nach Kurdistan und fanden ein Zimmer für alle. Ahmed Shamo, damals 25, hatte in Mossul Landwirtschaft studiert. In Kurdistan lernte er Bauingenieur, um Geld zu verdienen. Seine Mutter Sera sagte: »Ich würde am liebsten dorthin ziehen, wo unsere Vorfahren lebten. Nach Gedala.« Gedala liegt im Gebirge, die Familie hat dort Land. Es ist der Ort, an dem die Baumschule entstehen soll.
Die Jesidinnen und Jesiden in den Camps, in Deutschland, in Tel Azeer, sie alle sagen, dass sie am liebsten in den Dörfern in den Bergen leben würden. Der Ebene haben sie nie getraut, nach 2014 tun sie es erst recht nicht mehr.


Der Gärtner

Die Sonne steht schon hoch an diesem Oktobermorgen. Volker Kranz ist zum zweiten Mal im Irak. Im Frühling 2024 hat er mit Ahmed Shamo die Täler vermessen und errechnet, wie viel Wasser dort ankommt. Nun will er sehen, wie groß die Dämme sein müssen, um das Wasser zu Seen zu stauen. Wasserreserven für die Baumschule. Und er will die Berge erkunden. »Den Kontakt zur Landschaft aufnehmen. Die Landschaft lesen, nennen wir das.«
Er ist in seinem Element, läuft hin und her, bergauf, bergab, ständig bückt er sich, rupft ein Gewächs aus einer Felsspalte – »das sind Kapern« –, untersucht die Wurzeln, lässt Erde durch die Finger rieseln. Aus dem Stamm einer gefällten Eiche liest Kranz, dass sie um die 50 Jahre alt ist. Das passt dazu, dass die Wälder unter der Herrschaft von Saddam Hussein gefällt wurden. »Wie die Entwicklung einer Landschaft die Politik widerspiegelt«, sagt Kranz. Hussein habe durch seine Idee der Planwirtschaft weltweit die größten Ökokatastrophen im vorigen Jahrhundert verursacht. »Von hier bis Bagdad Getreidefelder. 800 000 Bäume verschwunden. Tiefbrunnenbohrungen überall, die viel mehr Wasser nutzen, als da ist. Da braucht man nur ein bisschen Hydrologie und Mathe und kann hochrechnen, wann dieses System kollabieren wird.«
Solche Zusammenhänge begeistern ihn. Volker Kranz ist einer, der anpackt. Ein Idealist. Mit 19 macht er sich als Gärtner selbstständig, leitet heute ein Planungsbüro für Permakultur und Landschaftsarchitektur in Bremen und ist ein leidenschaftlicher Verfechter einer Landwirtschaft, die die Ökosysteme und natürlichen Kreisläufe erhält. Am liebsten sind ihm Projekte, die etwas bewegen. In seinen Augen ist eine Regeneration des Shingal zwar groß gedacht, aber keine Utopie. Schwester Makrina lernte er kennen, weil der Orden sein Büro mit der Planung des Klostergartens beauftragt hatte.
Er breitet Karten aus, rote und blaue Markierungen, ein Bewässerungsplan. Das Problem ist: Wenn es anfängt zu regnen, fließt das Wasser den Berg hinab und führt Erde mit sich. Irgendwann ist keine mehr da, nur noch Fels. Wo nur noch Fels ist, sickert das Wasser nicht mehr ein, sondern sammelt sich in den Felsspalten. Je mehr es regnet, desto mehr Wucht bekommt das Wasser. »Schwester Makrina hat mir Bilder geschickt, auf denen man sieht: Wenn es regnet, bilden sich unten reißende Ströme, die zwischen den Häusern durchballern.« Der Regen, der so wichtig wäre, bewässert das Land nicht mehr, sondern richtet nur noch Schaden an.
Kranz’ Lösung: kleine Dämme weit oben in den schmalen Tälern. Steinwälle, die das Wasser bremsen. Er schichtet Steine zu einem solchen kleinen Wall. Schwester Makrina macht mit. Steine sind ja genug da. Er erklärt: Die Erde bleibt mit Gräsern und Laub hinter dem Wall liegen, von Regen zu Regen werden die Sedimente mehr und bilden eine kleine Ebene. Dadurch entstehen Terrassen, die mit Bäumen bepflanzt werden können. Kranz zeigt Bilder aus Jordanien, wo sie ganze Landschaften gestaltet haben durch diese Wälle.
Pause. Im Schatten einer der dürren Eichen erzählt Kranz von Planungsübungen, die er mit Studierenden macht: Ich wundere mich. Die Aufgabe: Geh ins Gelände und komm mit fünf Fragen wieder. Dinge, die du dir nicht erklären kannst. »Sich diese Fragen zu stellen ist wichtig für ein Landschaftsverständnis. Sonst siehst du nur, was du immer siehst.«
Und was fragt er sich hier? »Warum sind bestimmte Flächen so stark ausgespült? Warum sind die sanften Hügel im Vorgebirge, wo die Bedingungen für Bäume so viel besser sind als auf der anderen Seite, kahl?« Und, warum? »Als Saddam Hussein die Jesiden vertrieben und in der Ebene angesiedelt hat, brauchten sie Baumaterial. Sie kamen am leichtesten an die Bäume, die am nächsten standen. Es gab keine Besiedlung mehr. Wo die Strukturen kaputtgehen, kommen die Wanderschäfer, das sieht man auf der ganzen Welt. Sie brauchen keinen Grundbesitz. Und die Schafe sorgen zusammen mit dem Klimawandel dafür, dass auf Böden, die eigentlich bewaldet sind, kein einziger Baum neu hochkommt.«
Kranz hat auch dafür eine Lösung. Er zieht orangefarbene Clips aus seinem Rucksack, die er jungen Baumtrieben aufsetzt. Sie schützen den Trieb davor, von Ziegen oder Schafen abgebissen zu werden. Denn hier gehe es, sagt er, »um jeden Halm und jeden Baum. Es ist viel leichter, eine vorhandene Ressource zu nutzen als eine neue zu etablieren«.
Doch die Eichen werden nicht reichen. Es braucht, so sagt es Kranz, eine Baumschule, »die das strategisch richtige Sortiment vermehrt: alte, angepasste Obstsorten für die Farmen. Einheimische Baumarten, deren Laub auch als Futter für Schafe dienen kann. Und stickstoffbindende, schnell wachsende Arten, die den Wind brechen«.


Die Farm

Bevor Schwester Makrina im Irak war, fragte sie Jesiden und Jesidinnen in Deutschland, was sie über die Landwirtschaft ihrer Vorfahren wussten. Sie erzählten ihr vom Wassermangel im Sommer und dem Regen im Winter. Sie erzählten ihr, dass die Berge einst bewaldet waren. Sie erzählten ihr von der berühmten Shingal-Feige, so grün und so süß. Und wie sie die Hänge terrassiert hatten, um Fläche für den Ackerbau zu gewinnen.
Schwester Makrina dachte, wir brauchen eine Farm, auf der wir es so machen wie die Menschen früher, mit Erkenntnissen von heute. Eine Oase im kaputten Land, was wäre das für ein Zeichen!
Sie verstand, dass die Familie Shamo eine Art Vorbildfunktion innerhalb ihres Stammes hat. Eine Vorbildfamilie mit einer Vorzeigefarm, das passte.
Die Farm liegt zwischen Tel Azeer und dem Gebirge. Vor dem Haus stehen zur Begrüßung aufgereiht: Nam Shamo, Ahmed Shamos Schwester, ihr Mann, fünf Kinder. Nam Shamo ist eine stille Frau, mildes Lächeln im traurigen Gesicht. Sie wollte nicht zurück nach Tel Azeer, zu schlimm war für sie die Flucht mit drei Kindern, eines davon ein Baby. Nam, erklärt Schwester Makrina, hat Albträume und schwere psychotische Schübe. Sie hört Stimmen, die sagen, sie soll sich umbringen. Sie hat es schon versucht. Die Arbeit auf der Farm hilft ihr.
Granatäpfel, dunkelrote und helle. Ein Feigenhain. Aprikosen, Pfirsiche, Mandeln, Oliven, Zitronen, all die Früchte, die viel Sonne zum Reifen brauchen, gedeihen hier. Schafe, Ziegen, Hühner, Truthähne im Gehege.
Aber: Die dunkelroten Granatäpfel sind trocken und damit unverkäuflich. Die Feigen tragen nicht. Eine Hühnerart hat das Klima nicht ausgehalten, sie sind allesamt gestorben. Schwester Makrina schimpft. »Das haben wir doch besprochen. Sie haben Stress, brauchen mehr Schatten, weniger Wind.« Ahmed Shamo entgegnet etwas, sie ist genervt, Diskussion, sie seufzt: »Er hat auf alles seine Antworten.«
Schwester Makrina ist ungeduldig. Sie weiß: Es ist fünf vor zwölf. Es sind nicht nur die Verheerungen des IS und die Politik Saddam Husseins, unter denen der Berg leidet, es ist auch die Politik der Türkei, die die Flüsse Euphrat und Tigris auf ihrer Seite staut, sodass weniger als 40 Prozent des eigentlichen Wasseranteils im Irak ankommen. Und es ist der Klimawandel. Immer weniger Regen. Der Grundwasserspiegel sinkt. Wenn zu schnell zu viele Menschen zurückkommen und nach Wasser bohren, wird sich Salz ins Wasser mischen. Dann ist das Land verloren.
Volker Kranz weiß das auch. Aber er ist es als Gärtner gewohnt, dass die Dinge dauern. Er schlägt vor: Gemüse zwischen die Baumreihen pflanzen, Auberginen, Chili, Knoblauch, Salat, so spendet jede Pflanze der nächsten Schatten. Obst durcheinander pflanzen, Agroforst nennt er das, so schützt jeder Baum den nächsten vor dem Wind.
Schwester Makrina übersetzt. Ahmed Shamo nickt einsichtig. Er kann ein ziemlicher Macho sein, aber er respektiert Schwester Makrina nicht nur, er revidiert seine Meinung manchmal auch.
Es ist kein leichtes Leben auf der Farm. Das Haus ein Rohbau, unverputzte Wände, Betonböden, eine Treppe ohne Geländer – was die Familie verdient, fließt zurück in Pflanzen, Saatgut, Hühner. Das Wohnzimmer erkennt man nur daran, dass ein Fernseher an der Wand hängt, sonst ist es leer.
Aber die ersten Farmen ziehen nach. Kranz ist fast gerührt, als er das beim Umherfahren sieht. Er möchte mit den Leuten reden. Sie sagen, ja, wir haben die Farm gesehen und machen es auch so, seit zwei Jahren. Sie zeigen ihm ihre Oliven: prächtig. Ihre Feigen: grün und süß. Hühner und Truthähne laufen unter den Bäumen umher. Nach dem Besuch sagt er: »Das Tolle war, dass nicht Schwester Makrina und ich ihnen erklärt haben, wie es geht, sondern sie uns.«


Die Baumschule

Wie gut er seine Wüste kennt. Wie ein Cowboy sein Pferd lenkt Ahmed Shamo den Pick-up über die Straße, die sich kaum von der Bergwüste abhebt. Die Landschaft im Nachmittagslicht ist von ergreifender Schönheit. Der Blick so weit. Der Himmel, der die Hügel rosa färbt. Die Stille. Keine Bäume, keine Vögel.
Ahmed Shamo steht mit einer Messlatte in der Senke, Volker Kranz mit dem Nivelliergerät am Hang. Sie kalkulieren, wie hoch der Stausee für die Baumschule sein muss, wie hoch der Damm. Bei einer geschätzten Regenmenge von 160 Millimetern im Winter wird ein See, dessen Becken 7500 Kubikmeter fasst, 4000 Kubikmeter beinhalten, Verdunstung eingerechnet. Wenn ein Baum 1350 Liter Wasser braucht, sollte das Wasser für 2900 Bäume im Jahr reichen.
»Wir wollen aber auch Bäume entlang der Höhenlinien pflanzen«, sagt Kranz. »Eine Baumreihe, dann 30 Meter Feld, wieder eine Baumreihe. Was das für Bäume sind, entscheiden nicht wir. Was auf diesen 30 Metern dazwischen stattfindet, wollen wir auch niemandem vorgeben. Wir schieben den Prozess nur an. Was weiß ich, wie die Jesiden in 50 Jahren Landwirtschaft machen? Was sich nicht ändern wird: Wenn Wasser den Berg runterfließt, müssen wir es irgendwo stoppen. Damit das Grundwasser gefüttert wird.
Was sich auch nicht ändern wird: Wir werden Bäume brauchen, damit es hier nicht zu Überhitzung und Erosion kommt.«
Es ist ihm sehr wichtig, dass sie nicht »Ahmed eine schöne Baumschule hinstellen und wieder nach Hause fahren«, wie er es formuliert. Die Jesiden sollen ihr Land selbst retten können. Teilweise sind das nur kleine Stellschrauben wie die Wälle, sagt er. Teils auch größere Projekte wie die »Million Oaks« einer Nichtregierungsorganisation aus Erbil, mit der die drei eng zusammenarbeiten: Hasar. Muslimische Biologen, die gewillt sind, das Gebiet der Jesiden mit einer Million Eichen zu bewalden. Auch ein kleines Wunder.
Auf einer Hügelkuppe sind Steine zu einer Mauer getürmt, dahinter, so erzählt es Ahmed Shamo, lagen die Kämpfer des IS, um das Tal und den Brunnen zu kontrollieren. Zwei Frauen der PKK sollen sie tagelang beobachtet und ihre Gewohnheiten studiert, sie überfallen, getötet und ihre Waffen an sich genommen haben. Eine Heldinnengeschichte.
In den nächsten Tagen werden Schwester Makrina und Volker Kranz nach Erbil fahren und mit Nichtregierungsorganisationen sprechen, mit Hasar, UNICEF, der Internationalen Organisation für Migration, dem Entwicklungsprogramm der UN. Zurück in Deutschland werden sie ihre Berichte schreiben, während sich Ahmed Shamo auf die Suche nach den besten Obstbaumsorten macht. Es gilt, weitere Fördergelder aufzutreiben. Zwei Zusagen gibt es schon aus Deutschland, 70 000 Euro. Das reicht nicht, aber man kann zwei Stauseen davon anlegen, eine kleine Fläche ebnen und die ersten Bäume pflanzen. Die Arbeiten sollen Anfang 2026 beginnen.
Jetzt fahren sie noch auf einen Abstecher in ein Dorf, das der IS nie eingenommen hat, weil es so hoch gelegen ist. Es ist grün, viel grüner als sonst irgendetwas in diesem Gebirge: Terrassen, genau wie die drei sie sich vorstellen. Schwester Makri na möchte zu einer Quelle, neben der ein Tempel steht, der sie schützen soll. Die Quelle ist trotzdem vertrocknet.
Im Tempel hängen bunte Tücher mit vielen Knoten darin. Schwester Makrina löst einen davon, hält inne, knüpft einen neuen an anderer Stelle. Die Jesiden glauben, dass der Wunsch dessen, der den Knoten vor ihr geknüpft hat, nun entweichen und in Erfüllung gehen kann. Ihren Knoten muss ein anderer lösen.

Bildunterschriften

Schwester Makrina kennt sich mittlerweile aus im Shingal-Gebirge. Autowracks zeugen von den Angriffen des IS und dem Genozid an den Jesiden.

Tel Azeer ist ein Dorf wie vom Reißbrett und immer noch halb zerstört. Ständig fällt der Strom aus, dann übernehmen Generatoren.

Weil es keine genauen Karten der Gegend gibt, hat Volker Kranz mithilfe von Geodaten und Satellitenbildern seine eigenen hergestellt.

Schwester Makrina, Volker Kranz und Ahmed Shamo (von links). Das Schild steht am Ortseingang von Shingal. Vor dem Genozid war das eine belebte Großstadt, heute steht dort kein Haus und lebt kein Mensch mehr.

Schwester Makrina hat sich fürs Fest schön gemacht, wie all die Jesidinnen und Jesiden im Shingal, die an diesem Tag im Oktober ihre Heiligen und Toten ehren, aber auch ihr Überleben feiern.

Es sind nur 125 Kilometer von Mossul bis zur Stadt Shingal, und doch braucht man Stunden – so viele Checkpoints von irakischen und kurdischen Milizen gibt es, die Pässe kontrollieren, Gepäck prüfen, Macht demonstrieren.

So schwer es ist, sich vorzustellen, dass diese Wüste blüht, so leicht ist es zu sehen, wie tief das asser die Felsspalten schon ausgewaschen hat. Im Frühling, sagen die drei, ist es hier etwas grüner.

Wanderschäfer mit ihrer Herde, darüber endloser Himmel. Die Schafe fressen die Böden endgültig kahl.

Ahmed Shamo mit seiner jüngsten Tochter im Farmhaus seiner Schwester. Die Kissen werden immer da ausgebreitet, wo man gerade ist. Der Vorhang kaschiert den Ausschnitt für das Fenster, in dem sich keines befindet.

Das Dorf Sardasht, das so hoch gelegen ist, dass der IS es nicht einnahm. Äcker und Felder werden teils noch von Hand bestellt. Viele Jesiden retteten sich vor dem IS hierher und blieben jahrelang, in Zelten.

Bei der Olivenernte helfen alle mit. Links Ahmed Shamos Frau Wadhok, rechts Schwester Makrina, zwischen ihnen die vierjährige Katherine.

Wenn es keine Bäume gibt, müssen die Vögel eben in den ausgebrannten Autowracks nisten.