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Die eine glaubt an die Schufa. Die andere nicht

von Nils Heck und Lea Hampel
Süddeutsche Zeitung vom 16.03.2026

Inhalt: Porträt zweier Frauen, die die Bonitäts-Auskunftei Schufa, deren Score über die Teilnahme am Wirtschaftsleben entscheidet, von innen und außen transparenter machen wollen. Die Rentnerin Marina B. kämpft nach einem von ihr als ungerechtfertigt wahrgenommenen Scoring vor Gericht dafür, dass das Unternehmen seine geheime Berechnungsformel offenlegen muss, und eskalierte den Konflikt bis vor den EuGH. Schufa-Chefin Tanja Birkholz führte gegen interne Widerstände einen neuen, transparenten Score ein, um teure Datenabfragen zu sparen und durch Vertrauen neue Kunden zu gewinnen.

Sie sehen hier den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt.


Die eine glaubt an die Schufa. Die andere nicht

Die Schufa ist eine der mächtigsten Firmen in Deutschland. Ihr Score entscheidet jeden Tag mit über das Leben von Hunderttausenden. Aber niemand weiß, wie er zustande kommt. Eine Frau will das mit Macht von innen ändern – und eine andere mit Wut im Wohnzimmer.

Wenn Marina B. sich an eine Sache erinnert, dann an die Scham. „Knallrot“ sei ihr Kopf damals gewesen, sagt sie, als sie sich umgedreht habe, um raus auf die Straße zu gehen. Eine typisch deutsche Straße in Sprockhövel, Ortsteil Haßlinghausen, geduckte Häuser, Tankstelle, ein Dönerladen und damals noch die Volksbank Bochum Witten. Aus deren Filiale sei sie im Juli 2018 gestolpert und habe es nicht fassen können.

Was hatte die Mitarbeiterin da gesagt? Das Risiko, dass sie einen Kredit nicht zurückzahle, sei erhöht? Das habe die Schufa geschrieben? Marina B. wird in diesem Moment, so sagt sie später, der „Boden unter den Füßen weggezogen“. Auf dem Weg zum Auto rasen ihre Gedanken: Was habe ich übersehen? Wie können die nur? Warum ich?

Die Schufa, das steht für Marina B. seitdem fest, ist ein „Lügner- und Betrügerverein“. Genauso fest steht: Das Urteil dieses „Vereins“ lässt sie nicht auf sich sitzen. Seit acht Jahren führt Marina B., 68 Jahre, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit Prozesse, die eines Tages Rechtsgeschichte schreiben könnten. Seit acht Jahren wacht Marina B. morgens auf, sagt sie, und denkt an drei Dinge: ihren Mann, ihre Kinder, die Schufa.

Warum tut man sich so was an?

Mehr als zwei Autostunden weiter gen Südosten, am Großen Feldberg im Taunus. Tanja Birkholz rutscht ein wenig aus, „Hui“, entfährt es ihr. Von den Ästen hängen Eiszapfen, unter den Wanderschuhen knirscht der Schnee. Solche Spaziergänge absolviert die Chefin der Schufa gerne, um durchzuatmen, oder, wie heute, ihre Arbeit zu erklären. Weil sie sich manchmal verläuft, hat sie eine Karte heruntergeladen. „Ich weiß dann die Richtung, aber der genaue Weg: keine Ahnung“, sagt Birkholz. „Hauptsache hoch“, sagt sie noch, „oben ist immer gut“, und lacht. Sie weiß, jedes Wort kann zweideutig wirken in ihrer Rolle als Vorstandsvorsitzende der Schufa. Dieses Ladens, den Marina B. als Betrügerverein bezeichnet. Dieses Unternehmens, das die Deutschen so skeptisch beäugen wie vegane Wurst, die Wurst heißen soll.

Der Job von Tanja Birkholz, 52, das sagt sie selbst, ist einer der unbeliebtesten der deutschen Wirtschaft. Ständige Anfeindungen gehören zur Aufgabenbeschreibung. Eigentlich versteht niemand, was die Institution, die Birkholz heute leitet, da macht. Viele kennen nur den Schufa-Score, eine Prozentzahl zwischen 0 und 100, die zeigen soll, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand seine Schulden bezahlen wird. Viele denken, diese Zahl werde von einer Behörde namens Schufa erhoben und nicht von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, das die Schufa nun mal ist. Eine Aktiengesellschaft im Besitz von Volksbanken, Sparkassen und ein paar Einzelhändlern wie Otto.

Der Job von Tanja Birkholz also ist seit fünf Jahren, Menschen wie Marina B. zu beweisen, dass die Schufa kein Lügenverein ist, sondern „die Möglichmacherin der Wirtschaft“, wie Birkholz das formuliert. Dafür hat sie Leute vor die Tür gesetzt, interne Bedenken weggewischt und viele Millionen Euro investiert.

Ob das reicht?

Sicher ist im März 2026 jedenfalls, dass die Schufa sich radikal verändern wird. Zum einen, weil es seit dem 17. März zum ersten Mal in der Geschichte der Firma einen völlig neuen Score gibt. Zum anderen, weil da diese beiden Frauen sind, die für eine andere Schufa kämpfen. Die eine von innen, die andere von außen. Beide jahrelang und mit Motiven, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Werden sie beide Erfolg haben – oder nur eine? Und was bedeutet das für die Hunderttausenden Deutschen, deren Leben die Schufa jeden Tag auf den Prüfstand stellt?

900 Millionen Daten besitzt die Schufa von fast 70 Millionen Menschen

Die Schufa ist eine deutsche Institution wie das Rasenmäherverbot am Sonntag oder Kartoffelsalat. Fast immer, wenn in Deutschland jemand einen Kredit für eine Reise aufnimmt, eine Jeans auf Rechnung bestellt oder ein Darlehen für eine Immobilie beantragt, läuft eine für den Kunden unsichtbare Kontrollrunde ab. Wird Frau Maier die Miete prellen? Sollte Herr Yilmaz ein Auto auf Raten kaufen? Kann Herr Müller die Handyrechnung zahlen?

Mehr als 11 000 Händler und Banken fragen regelmäßig bei der Schufa an, die 900 Millionen Daten über fast 70 Millionen Menschen gespeichert hat – und bekommen meist einen Score ausgespuckt, der zeigt, wie wahrscheinlich es ist, dass Herr Y?lmaz oder eben Marina B. das Geld zurückzahlen.

340 000 solcher Anfragen gehen jeden Tag bei der Schufa ein. Macht 124,1 Millionen Anfragen im Jahr. In den meisten Fällen geht alles gut aus, die Kunden bekommen einen guten Score, die Unternehmen heben den Daumen. Aber da sind auch die anderen, bei denen der Score schlecht ist, die keinen Kredit kriegen und dann sagen: Scheiße, die Schufa!

Ein Schufa-Score kann Lebensentwürfe zerschlagen. Deshalb ist die Schufa so mächtig. Und so verhasst. Auf der Liste der Firmen, über die die Deutschen sich ärgern, ist die Schufa sogar unbeliebter als die Telekom und die Deutsche Bahn. „Dubioses Unternehmen“, „unseriöser Haufen“, „absolute Inkompetenz“, „Drecksladen“, „größter Haufen Müll“, schreiben Nutzer online.

Gegen den Kampf von Marina B. aber sind diese Beschimpfungen harmlos.

Der Weg zu der Rentnerin führt vorbei an geometrisch geschnittenen Thujen. Eine „ordentliche Gegend“, wie sie betont. Viele hier in der Gegend nahe Wuppertal sind Eigentümer. Marina B. lebt in ihrem Reihenhaus, noch sei es nicht abbezahlt, aber „viel fehlt nicht mehr“, sagt sie gleich. Vier Mal besucht [das Medium] sie im Laufe dieser Recherche. Geschichten wie ihre gibt es viele, weil viele die Schufa verklagen. Doch aller Kenntnis nach hat es nie jemand so weit gebracht wie diese Frau, die Rechtsgeschichte schreiben könnte.

Manchmal hat sie Kuchen gebacken oder eine Cola zur Seite gestellt für die Journalisten: Für die Rückfahrt, sagt sie dann. Die Öffentlichkeit gesucht hat sie nie, die Presse ist ihr nicht ganz geheuer. Mehrmals will sie die Geschichte abblasen, entscheidet sich aber dann doch wieder um. Ihr Fall gehöre endlich erzählt, so sagt sie es einmal. Und ja, ihr Fall ist schon lange in der Öffentlichkeit, selbst die „Tagesschau“ berichtete. Ihr Name aber war es bislang nicht. Deshalb soll er auch hier nicht vollständig stehen.

Auf dem Sofa Kaninchenkissen, auf dem Couchtisch Lakritz-Weingummis, Marina B. zückt einen gelben Zettel. Ihr Perlenarmband rutscht am Handgelenk hoch und runter, während sie mit dem Zeigefinger in die Luft tippt und vorliest. Etwa, dass die Schufa über Menschen Urteile fälle, die „vorne und hinten nicht stimmen“. Oder dass ihr „persönliches Recht verletzt“ sei. Sie wirkt heute, im Frühjahr 2026, bald acht Jahre nach dem historischen Tag in der Bank, immer noch wütend. Weil da eine Maschine über sie urteilt und „lügt“. Weil „die“ damit durchkommen. Weil das alles eine „Frechheit“ ist. Wegen eines „Kleckerbetrags“.

Tatsächlich ging es um keine allzu große Summe, zumindest in Relation zu einem Hauskauf: 5000 Euro wollte sie damals, 2018, von der Volksbank leihen. Ihr Mann betreibt eine Computerfirma, ein Zahlungsabwickler schuldete ihm Geld – sie wollte ihm helfen. Sollte ja kein Problem sein. Sie parke nicht falsch, die Raten fürs Haus habe sie immer pünktlich bezahlt, sagt sie. Über Jahrzehnte war sie das freundliche Gesicht der örtlichen Apotheke. „Ich fahre höchstens mal zu schnell“, sagt sie und kichert. Das aufgeräumte Leben spiegelt ihr Score: Mehr als 94 von 100 Prozent hat der über Jahre betragen. Das ist zwar keine Garantie für einen Kredit oder einen Vertrag, denn jede Firma hat ihre eigenen Kriterien und nicht allein der Schufa-Score entscheidet. Noch dazu gibt es mehrere Scores für einzelne Branchen, und manche Banken haben noch mal einen individuell abgemischten Score. Klingt verwirrend? Ist es auch. Fest aber steht: 100 Prozent zu erreichen, ist quasi unmöglich. Und 94 Prozent: Das ist schon ziemlich gut.

Wer könnte zu ihr also Nein sagen? Bisher hatte das niemand, sie kaufte auf Rechnung, bekam Kredite bewilligt, die sie abbezahlte, belegt ihre Historie bei der Schufa. Doch dann heißt es plötzlich: Ihr Score im Juli 2018 liegt bei dieser Bank mit ihrem individuellen Score nur noch bei 85,96 Prozent. Warum? Sagt ihr keiner. Der Bank war der niedrige Score offenbar zu heikel. Die Entscheidung: kein Kredit.

Vor der Holzschrankwand in ihrem Wohnzimmer steht ein langer Tisch, eigentlich fürs Essen, längst eine Kommandozentrale für den Kampf gegen die Schufa. Noch am Tag, als der Kredit abgelehnt wird, fängt Herr B. an zu recherchieren. Lange war er in der Finanzverwaltung tätig, heute ist er im Ruhestand, „halber Jurist“, witzelt seine Frau. Was damals passiert, ist für ihn „ein Keulenschlag“, sagt er. „Sie hatte eine blütensaubere Weste.“

Wenige Wochen später sitzen B. und ihr Mann in einer Anwaltskanzlei. Udo Schmidt, selbst kurz vor der Rente, übernimmt ihren Fall. Zusammen werden sie gegen die Schufa und den Hessischen Datenschutzbeauftragten kämpfen: in Hagen, Wiesbaden, vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Anfangs sind sie Mandant und Anwalt, später nennen sie sich „die Rentner-Gang“, planen Gerichtstermine wie andere einen Seniorenausflug. Anfangs habe Marina B. noch gedacht, sagt sie: In ein paar Monaten lachen wir darüber. Sie will schließlich nur verstehen, wie dieser Score berechnet wurde.

Ist das zu viel verlangt?

Nun ja, so ein Score ist keine einfache Sache. Das stellt auch Tanja Birkholz ein paar Monate später fest. Am 4. März 2019 hatte sich bei ihr über Linkedin ein Personalberater gemeldet, um sie anzuwerben für die Schufa, und sie habe mit ihrem Mann gewitzelt, sagt sie, sie sei „abgerutscht“. Nicht, weil die Schufa ein schlechter Laden sei, aber die Außenwahrnehmung damals: schwierig. Vor allem im Vergleich zu vorherigen Jobs. Birkholz kennt die Schufa, war jahrelang bei der Commerzbank, wo sie als Anpackerin galt. Sie selbst sagt: „Ich kann Veränderungen gut umsetzen.“

Mit Bonitätsauskünften setzt die Schufa etwa 250 Millionen Euro um

Und jetzt will der unbeliebteste Mittelständler der Nation sie abwerben? Sie sei skeptisch gewesen. Und neugierig geworden. Sie habe eine kostenlose Selbstauskunft angefordert: Das ist ein Zettel, den die Schufa auf Nachfrage verschickt. Auf dem erfährt jeder und jede, welche Firmen bei der Schufa nach einem gefragt haben und, na ja, wie so ein Score aussieht, dessen Berechnung für Deutschland ein mindestens so großes Rätsel ist wie der Cum-Ex-Steuerskandal.

Dabei gibt es diesen Score länger als die Bundesrepublik.

Ein Mann namens Walter Meyer arbeitet Ende der Zwanzigerjahre bei der Berliner Städtische Elektrizitätswerke Aktiengesellschaft. Die weiß, wer seine Stromrechnungen zahlt – und wer nicht. Eine Tochterfirma nutzt das und verkauft Elektrogeräte ausschließlich an die, die brav die Stromrechnung zahlen. Walter Meyer und sein Bruder wollen das Prinzip ausweiten. Sie gründen 1927 die „Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung und Kreditsicherung“. Kurz: Schufa. Dieser jungen Firma nun melden verschiedene Firmen, wenn Herr Müller oder Frau Witte ihre Rechnung nicht bezahlt haben. Im Gegenzug dürfen sie bei der Schufa abfragen, wer bei den anderen Firmen in der Kreide steht. Ein Schulden-Schutz-Verbund quasi.

Anders als heute gibt es damals keine Algorithmen. In Räumen voller hölzerner Karteikästen sitzen nahe dem heutigen Checkpoint Charlie Frauen mit sorgfältig frisierten Haaren und schnellen Händen. Wann immer eine Firma einen Kredit vergeben will, klingelt das Telefon.

Eine Auskunft kostet die Unternehmen 25 Reichspfennig, dauert vier Minuten und entscheidet, ob jemand am Wirtschaftsleben teilnehmen kann. Schon 1929, im Jahr des Schwarzen Freitags an der Börse, hat die Schufa 1,5 Millionen Karteikarten. Im Jahr 2026 gibt es statt Karteikarten eine Datenbank mit Hunderten Millionen Informationen, die nach wie vor die Unternehmenskunden melden.

Wenn also beispielsweise die Sparkasse Hintertupfingen ein Konto für Frau Demir eröffnet, dann meldet sie das bei der Schufa in Wiesbaden; oder wenn Frau Mayer eine Rechnung beim Telekom-Anbieter nicht zahlt, meldet der das der Schufa, und so weiter. 11 000 Unternehmen melden aktuell. Im Gegenzug können sie bei der Schufa für einen kleinen Cent-Betrag abfragen, wie es um die Bonität der Menschen steht. Weil die das häufig machen, machte die Schufa mit Bonitätsauskünften zuletzt den größten Teil ihres Umsatzes: etwa 250 von 289 Millionen Euro insgesamt.

Beispielsweise zeigen ihre Berechnungen, dass Menschen, die oft umziehen, bei Krediten öfter ausfallen als die, die immer am gleichen Ort wohnen, und so bekommen alle, die oft umgezogen sind, einen leicht schlechteren Score und müssen deshalb beim nächsten Kredit womöglich wenige Prozentpunkte mehr hinlegen. Das heißt nicht, dass jeder, der oft umzieht, seine Schulden nicht begleicht. Es bedeutet lediglich: Es ist wahrscheinlicher – und das bewertet die Schufa. Würde sie das nicht machen, könnte es sein, dass die Kredite nicht nur für diese eine Gruppe teurer wären, sondern gleich für alle.

Nur weiß kaum einer, wie viele Wahrscheinlichkeiten wann und mit welcher Gewichtung in den Score einfließen, und eben das ärgert Frau B. Sie will Auskunft über den Kern des Schufa-Modells.

Wenn man bei ihr im Wohnzimmer sitzt, wirkt sie manchmal, als wundere sie sich selbst, wie es zu all dem kommen konnte. Als ihr Ehemann bei der Schufa anruft, um herauszufinden, warum seine Frau behandelt wird wie eine Betrügerin, sei er abgewimmelt worden. Als er eine E-Mail schickt, teilt die Schufa ihm mit, wann seine Frau einen Kredit genommen und wo sie auf Rechnung kaufen wollte. Was nicht drinsteht, aber Marina B. eigentlich wissen will: wie die Schufa an diesem Tag im Juli bei genau dieser Anfrage bei genau dieser Bank auf die 85,96 Prozent gekommen ist. Und nicht auf 100 oder 97 oder 93 oder 0. „Ich kann auch nicht behaupten, Sie haben letztes Jahr jemanden umgebracht, wenn ich das nicht beweisen kann“, sagt Marina B. dazu.

In Online-Foren regen sich viele Menschen über ihren Score auf

Ganze Online-Foren füllen Beiträge von Menschen, die sich wie sie wundern bis aufregen, über ihren Score, Datenpannen, Namensverwechslungen. Doch bei der Schufa gilt damals die erste Regel des Score Clubs: Ihr verliert kein Wort über den Score Club. Und die zweite Regel des Score Clubs: Ihr verliert kein Wort über den Score Club. Der Bundesgerichtshof sah das ähnlich, er hatte schon im Jahr 2014 darüber zu entscheiden, ob die Schufa die Berechnung ihrer Scores offenlegen muss und befand: Muss sie nicht. Geschäftsgeheimnis.

Und dann kommt also Tanja Birkholz. Im Januar 2020 tritt sie ihren Job an, im Juli wird sie Vorstandsvorsitzende. Optimal findet sie ihr Eckbüro in Wiesbaden nicht, „ein bisschen alte Schule“, aber die Aussicht mag sie, auf den Nebenarm des Rheins und die Kajaks. Zu einem ihrer Geburtstage, erzählt Tanja Birkholz, hat sie ein SUP von ihrer Familie bekommen. Damit sie zwischendrin aufs Wasser kann, abschalten. Aber das hat sie sich doch nicht getraut. Transparenz ja, aber nackig machen vor allen: nein.

Statt auf dem SUP sitzt sie oft am akkurat aufgeräumten Schreibtisch, hinter sich auf dem Sideboard zwei kleine VW-Bullis, die sie an den Traum erinnern, eines Tages im Camper um die Welt zu fahren.

Worauf sie sich eingelassen hat, merkt sie, wenn sie Freunden vom neuen Job erzählt. Dann sei meist nur „Aha“ oder „Hm“ gekommen. Sie presst die Lippen aufeinander, um zu zeigen, welcher Gesichtsausdruck ihr damals oft begegnet ist. Eine Meinung hat jeder gehabt, „und nicht immer ’ne gute“. Viele Mitarbeiter, erfährt sie schnell, verschweigen am liebsten, wo sie arbeiten. „Die sagen nur ‚im Büro‘.“ Birkholz lacht, als sie heute davon erzählt. Damals findet sie: „Das ist schade. Da müssen wir doch was ändern.“

Es geht ihr nicht nur ums Image. Sondern auch ums Geschäft. Denn es zeichnen sich drei Probleme ab: Zum Ersten führen neue Datenschutzgesetze seit 2018 dazu, dass Menschen öfter wissen wollen, was über sie gespeichert ist. Rund 1,5 Millionen Selbstauskünfte verschickt die Schufa pro Jahr, jede kostet das Unternehmen ein paar Euro.

Zweitens fehlt der Schufa eine verlässliche zweite Einnahmequelle. Sollten Unternehmen und Banken irgendwann mal weniger Scores abfragen, weil sie mittlerweile selbst alle mehr eigene Daten besitzen: Wie will sie den Umsatz ausgleichen? Drittens: Datenqualität. Die ist nicht immer perfekt, sprich: Da kann schon mal ein Fehler passieren. Natürlich blöd für eine Firma, die über die Verlässlichkeit anderer urteilt.

In Birkholz reift ein Gedanke, ganz ähnlich der Forderung von Marina B.: Die Leute müssen verstehen, warum sie wie bewertet werden. Dann könnten sich die Probleme von allein lösen. Keine teuren Abfragen mehr. Mehr Vertrauen. Mehr Kundschaft.

Es ist Pandemie damals, die Menschen zählen Inzidenzwerte, sitzen nicht in Büros. Die, die da sind, habe sie abgepasst, sagt sie. Viel spannender als das, worüber die Menschen reden, findet Birkholz in diesen Anfangsmonaten das, worüber die Mitarbeiter nicht reden. In fast jedem Gespräch sei es um die „Kunden“ gegangen: Banken, Mobilfunkanbieter, Online-Händler. Aber die Millionen Deutschen, die ihre Handyverträge und Wohnungen nur mit Segen der Schufa bekommen, „die kamen gar nicht erst vor“, sagt Birkholz. Dabei seien es „zwei Seiten derselben Medaille“. Sprechen ihre Kollegen über diese Menschen, habe es geklungen, als ginge es um Feinde. Muss man genau kennen. Sollte man lieber nicht begegnen. Das ist die Haltung, aus der heraus die Schufa an Marina B. ein unpersönliches Schreiben versendet. Anstatt einfach einer netten Entschuldigung und eines Blumenstraußes.

Ihre ersten Monate im neuen Job wird Tanja Birkholz später beim Spaziergang mit dem Gefühl vergleichen, den Keller aufzuräumen. Sie öffnet eine Kiste, dann die nächste, und währenddessen fällt ihr auf: In die Ecke muss ich auch schauen. Eine besonders schwere Kiste beschert ihr im November eine Enthüllung von [Medienliste]. Die Recherchen zeigen, dass die Schufa die Konten der Deutschen durchstöbern und analysieren wollte, was da alles ein und aus geht. Möglich wäre das über eine kleine, eher unauffällige Einwilligung der Menschen gewesen. Manche Fintechs nutzen dieselbe Methode, um in Kontoauszügen teure Stromverträge zu finden und bessere vorzuschlagen. Das finden viele gut. Wenn die Schufa das macht, eher weniger.

380 000 Menschen unterzeichnen eine Petition. Datenschützer bezeichnen das Vorhaben als „Horror“. Es ist auch der Horror einer Chefin, die gerade angetreten ist und die Kommunikation dazu später als „Mist“ bezeichnen wird. Die Menschen hätten schon vor dem Skandal lieber ihre Oma verkauft, als der Schufa ihre Daten freiwillig zu geben. Jetzt würden sie noch den Opa und die Kinder mit drangeben. Die Schufa stampft das Projekt ein.

Wenige Monate später setzt Tanja Birkholz den damaligen Pressesprecher vor die Tür. Er ist der Erste, aber nicht der Letzte, der gehen muss. Oder will. Sie hämmert und meißelt im Inneren an einer neuen Schufa. Nicht ahnend, dass eine andere Frau da draußen, eine Rentnerin aus dem Rheinland, mit dem Vorschlaghammer wartet.

Nur, während Tanja Birkholz die Macht hat, selbst Veränderungen anzustoßen, kann Marina B. in denselben Monaten nichts anderes tun, als abzuwarten.

Vor dem Landgericht in Hagen, wo sie gegen die Schufa auf „Auskunft, Löschung und immateriellen Schadenersatz“ klagt, wird die Klage nach einer ersten Verhandlung abgewiesen. Ein solches Auskunftsrecht, wie Marina B. es will, gebe es ja nur, wenn zuvor eine „automatisierte Entscheidungsfindung“ stattgefunden habe. Das war laut Gericht nicht gegeben. Also: Klage unbegründet. Der Hessische Datenschutzbeauftragte weist ihre Beschwerde bei ihm auch zurück: Die Auskünfte der Schufa seien so weit verständlich, findet er. Bei Marina B. wächst das Gefühl: Die Schufa, die Behörden, die Gerichte, „die stecken alle unter einer Decke“.

Erst am 1. Oktober 2021, da ist Tanja Birkholz schon mehr als ein Jahr Vorstandsvorsitzende, blitzt neue Hoffnung auf. Denn viele Monate nach Eingang einer weiteren Klage fällt ein Richter am Verwaltungsgericht Wiesbaden eine Entscheidung, die die Rentnerin bis heute strahlen lässt. „Der Schild hat sich getraut. Gegen Schufa und die anderen, sonst säßen wir heute nicht hier“, sagt Marina B. in ihrem Wohnzimmer. Ein Verbündeter, endlich, so sieht sie das. Der damalige Vorsitzende Richter der 6. Kammer, Hans-Hermann Schild, gibt den Fall nach ganz oben. Der Europäische Gerichtshof soll – vereinfacht gesagt – eine Grundsatzentscheidung treffen, ob die Berechnung des Scores nicht doch eine „automatisierte Einzelfallentscheidung“ sein könnte. Das hieße grob zusammengefasst: Ein Computer entscheidet, kein Mensch. Dann hätte B. wohl einen Anspruch auf „aussagekräftige Informationen“ zur Logik und Tragweite des Scores. Und dann, so wird es Herr B. später sagen, müsse der Datenschutzbeauftragte der Schufa Beine machen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war Marina B. ein Einzelfall. Aber am Europäischen Gerichtshof wird es grundsätzlich werden. Genau das, was Marina B. will.

In Berlin-Moabit fragt die Schufa Passanten, wie sie die Schufa finden

Für sie geht es längst um mehr als 5000 Euro vor acht Jahren, die ihr Mann drei Monate später ohnehin von einer anderen Bank bekam. „Also, die müssten Strafe kriegen, aber richtig.“ Sie sagt, sie sei in ihrem Leben ja gut weggekommen. „Aber andere, die liegen in der Gosse. Die kriegen keinen Beruf, keine Wohnung. Ich möchte nicht wissen, wie oft da die Schufa schuld dran ist.“ Wie groß wohl deren Wut ist.

Dieser Frage will sich Tanja Birkholz nähern, mittlerweile zwei Jahre im Amt. Im Juli 2022 startet sie in Berlin ein Experiment, ihre Führungskräfte müssen sich Schilder mit großen Buchstaben auf die Brust heften: „Schufa“. So mancher hat Angst, mit einem Veilchen zurückzukommen, also schickt Birkholz ihre Mitarbeiter in Zweierteams los, „das war sicherer“. Sie laufen durch Moabit, einen ärmeren Stadtteil in der Stadt, in der ohnehin schon jeder zehnte Erwachsene als überschuldet gilt. Der Auftrag: rausfinden, was die Leute über die Schufa wissen. Und wie sie die Schufa finden.

Würden sie Marina B. fragen, sie würde ihnen eine sehr explizite Antwort geben. Aber Tanja Birkholz und der IT-Chef hätten damals vor einem Norma gestanden. Drei, vier Gespräche habe sie geschafft, alle anderen Passanten seien lieber einkaufen gegangen. „Ich war zu nett“, glaubt Birkholz.

So mancher Vertriebskollege habe das Fazit gezogen: Kaum einer versteht, wie aus Daten über Mieten, Konten, Handyverträge ein Score wird. Ein Befragter habe die Schufa in einem Reim charakterisiert: „Schlechte Daten – schlechte Karten.“

Wenige Monate später gibt Birkholz ihr erstes Interview, schon damals sagt sie: „Wir müssen klipp und klar erklären, was wir hier machen.“ Nun könnte man meinen, das ist ganz einfach. Die Schufa könnte ihre geheime Score-Formel verraten, alle Geheimnisse wären gelüftet, und Menschen wie Marina B. hätten nichts mehr zu meckern.

Doch so einfach ist es nicht. Denn die alte Formel ist mathematisch hochkomplex. Nur weil sie öffentlich wäre, hieße das noch nicht, dass sie jeder verstehen würde.

Tanja Birkholz schlägt deshalb einen anderen Weg ein, an dessen Ende ein neuer Score stehen wird. Wohin sie die Schufa führen will, lässt sich an der Oberfläche beobachten: weniger Behördencharme in den Büros, mehr Obstkörbe, Tischkicker, offenes Arbeiten. Ende 2022 kauft sich die Schufa dann einen technischen Vorsprung. Ein Start-up. Für angeblich 20 Millionen Euro übernimmt die Schufa Bonify. Die Firma vermittelt unter anderem Kredite und will Menschen helfen, einen Überblick über die eigenen Finanzen zu behalten. 1,1 Millionen Kundinnen und Kunden hat das Berliner Unternehmen, eine halbe Million mehr als die Schufa.

Es ist ein erster Schritt in eine Zukunft, in der die Leute verstehen, wie die Datenfabrik arbeitet. Vom Sommer 2023 an kann man seinen eigenen Score, ein vorher nur per Brief zu lüftendes Geheimnis, bei Bonify einsehen. Schnell steht das Start-up auf Platz 2 im App-Ranking, hinter der des Online-Shops Temu.

Ist das einer dieser Durchbrüche, die im Nachhinein entscheidend zu sein scheinen?

Marina B. jedenfalls bekommt davon, wenn überhaupt, nur am Rand etwas mit. Und befrieden würde es sie ohnehin nicht: Sie will glasklare Transparenz, bis zur letzten Variablen.

Ein Durchbruch war es am Ende. Aber nicht der, den sich Tanja Birkholz erhofft hatte: Wenige Tage nach dem Erfolg in den App-Charts schafft es die Hackerin Lilith Wittmann, über Bonify an vermeintliche Bonitätsdaten von Jens Spahn zu kommen. Zwar ist es eher eine Sicherheitslücke als ein Datenleck, aber für die Schufa dennoch eine Katastrophe: Die Herrin der Daten verliert Daten. Birkholz äußert sich wenige Tage danach gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Um die hundert Menschen sind zugeschaltet, als Birkholz ausführt, warum das schmerzhaft sei, aber man daraus lernen könne – mal wieder eine „Herausforderung“.

Sechs Monate zuvor, im Januar 2023, macht sich das Ehepaar B. an einem grauen Tag fertig, um zu dem Termin zu fahren, der ihnen so viel bedeutet. „Kriminell“ ist das Wetter damals, erzählt Marina B. später: Frühmorgens machen sie sich auf den Weg, fünf Stunden lenkt ihr Mann den Wagen durch Schnee und Eis nach Luxemburg, zum Europäischen Gerichtshof, dem EuGH.

Das Gebäude ist so groß, dass sie den Raum erst nicht finden. Dafür habe einer der Anwälte der Gegenseite sie erkannt, sei auf sie zugegangen und habe ihr die Hand geschüttelt. „Sie werden Geschichte schreiben“, habe er gesagt, so erzählt es Marina B. Im Saal sei sie beeindruckt gewesen. Jede Frage wird von Dolmetschern übersetzt. Ihr Anwalt aus der Rentner-Gang sei krank, aber sie nicht nervös gewesen. „Ich hatte keine roten Bäckchen“, sagt sie stolz, „gar nicht.“ Sie selbst habe, obwohl Protagonistin, auf der Zuschauerbank sitzen müssen. Aber der Richter, der habe immer wieder zu ihr geguckt, erzählt sie.

Es gab Tage, an denen habe sie morgens als Erstes an die Schufa gedacht hat und abends als Letztes. An denen sie sich gefragt habe, was wohl die Nachbarinnen denken – einer hatte sie im Vertrauen von dem Rechtsstreit erzählt. Seitdem, hat sie das Gefühl, würden sie manche anders ansehen. In die Bankfiliale, die mittlerweile zugemacht hat, habe sie sich nie wieder getraut. Beim Geldabheben habe sie bis heute ein flaues Gefühl. Und den Plan, eine Wohnung für ihren Sohn zu kaufen, habe sie seit der Schufa-Sache aufgegeben. „Fünf Jahre Gerichtsverfahren ist für ein Menschenleben schon eine recht lange Zeit.“

In den Nachrichten wird ihr Fall verlesen. Marina B. ist ein bisschen stolz

Während sie all das auf dem Sofa erzählt, sieht sie immer wieder zu ihrem Mann. Er verwendet einen Großteil seiner Zeit auf den Rechtsstreit, auch, weil er ein schlechtes Gewissen hat. Schließlich hat all der Ärger angefangen, weil sie ihm helfen wollte. Aber sie sagt: „Ohne ihn hätte ich all das nicht durchgestanden.“ Den Streit, die Sorgen, die Scham. Die Warterei.

Denn nach dem großen Tag im Januar 2023 passiert wie so oft in diesem Kampf: erst einmal gar nichts.

Erst fast ein Jahr später, im Dezember, die Osterhasen in ihrem Wohnzimmer sind längst von Weihnachtsmännern verdrängt, setzt sich das Ehepaar B. wieder ins Auto. Ein halbes Jahr, nachdem Birkholz den Datenskandal zu managen hatte. Wieder 260 Kilometer nach Luxemburg, wieder eine Übernachtung im Hotel, am nächsten Tag sei das Urteil Marina B. zufolge nur kurz verlesen worden – danke, tschüss. Das Ergebnis, stark vereinfacht: Scoring kann unter gewissen Umständen „eine automatisierte Entscheidung“ sein – eben so hatte der „Rentner-Gang“-Anwalt Schmidt argumentiert.

Für Familie B. ist es ein gigantischer Erfolg. Sie findet: Wir haben gewonnen. In Luxemburg. Wow. Als sie im Auto sitzen, sei in den Nachrichten ihr Fall verlesen worden. Da ist Marina B. ein bisschen stolz. Auch wenn deutsche Gerichte noch werden entscheiden müssen, was aus der Entscheidung nun für ihren Fall folgt – ein Großteil scheint geschafft zu sein.

Oder?

Bei der Schufa geht noch am Tag des Urteils eine Mitteilung raus: „Die Schufa begrüßt das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Thema Scoring.“ Dazu knapp 700 Wörter Erklärung: Bei Banken entscheiden in der Regel die Mitarbeiter über Kredite, nicht die Schufa. Zwar sei der Score wichtig, aber nicht maßgeblich. Also würde das Urteil nicht viel ändern. Außerdem erfülle die Schufa die hohen „Transparenzanforderungen“ über die sogenannte Datenkopie, in der unter anderem der Score zu finden ist.

Es ist das Schreiben, das Marina B. seit Jahren rätseln lässt und das der Schufa ihre Klage erst eingebrockt hat.

Tanja Birkholz kann sich öffentlich nicht detailliert äußern, wie auch sonst nicht bei juristischen Streitigkeiten. Aber natürlich kennt sie den Fall. Selbst die Schufa wird nicht allzu regelmäßig vor den EuGH gezerrt. Und ja: „Der Ärger von Frau B. war verstanden“, sagt sie. Doch einfach mal durchklingeln, sorry sagen, das geht nicht. „Niemals würde ich in einem juristischen Verfahren durch persönliche Telefonate intervenieren.“ Zumal der Fall einer von Hunderten ist, die die Schufa jedes Jahr ausficht. Teilweise gewinnen die Menschen noch in erster oder zweiter Instanz, am Ende kippte bislang ein Oberlandesgericht stets das Urteil zugunsten der Schufa. Und was würde es schon ändern, wäre es diesmal anders? „Dass wir das Scoring transparenter und nachvollziehbarer machen müssen, war da für mich längst klar“, sagt Birkholz heute.

Und so steht im Mai 2024 als große Schlagzeile in der Bild-Zeitung: „Nach wachsender Kritik Kredit-Revolution! Schufa plant neuen Score“.

Wenige Wochen später, im Juni, lädt die Schufa zur digitalen Pressekonferenz für den neuen Score. Die Idee: Es gibt nur noch zwölf öffentlich einsehbare Kriterien, für die es Punkte gibt, die bald jeder selbst addieren kann. Beispiel Ratenkredite: Wer keinen hat, bekommt 66 Punkte, wer drei oder mehr hat, null Punkte. Und so weiter. Mehr Punkte ist besser. Die sonst eher sachliche Tanja Birkholz spart nicht an großen Adjektiven. Neu, revolutionär, einzigartig sei das.

Im Frühjahr 2026 will die Schufa alles veröffentlichen. Dass dies eine große Sache ist, lässt sich auch an der Größe des Widerstands ablesen: In einer der letzten Besprechungen, so erzählt es Tanja Birkholz, seien bei manch anderen in der Schufa Zweifel aufgekommen: Können wir das wirklich machen? Sie habe es nicht fassen können. Meinen die Mitarbeiter das ernst?

Fast zur gleichen Zeit, genauer: am 18. November 2025, hat sich das Ehepaar B. wieder einmal ein Hotelzimmer gemietet, diesmal in Hessen. Weil der EuGH entschieden hat, geht der Fall zurück nach Wiesbaden. Dort soll die Kammer urteilen, ob der Datenschützer der Schufa jetzt auf die Finger hauen muss oder nicht. Bei der Verhandlung seien über Stunden Seite um Seite Dokumente verlesen worden. Manchmal, erzählt Marina B., habe sie sich nicht zusammenreißen können und leise in der Zuschauerbank geklatscht, wenn ihr eine Formulierung gefallen habe, „nur für meine persönliche Genugtuung“. Ihr Mann habe sie dann angestupst, sie soll das mal lassen.

Schließlich seien alle hinausgeschickt worden. Ihr Anwalt habe gefragt, ob sie heimfahren möchten. Aber sie habe gesagt: „Wir haben jetzt acht Jahre gewartet, da kommt es auf eine Stunde nun auch nicht an.“

Damals denkt Marina B: Jetzt ist alles rum. Endlich ist sie nicht mehr Opfer

Marina B., ihr Mann und der Anwalt seien auf dem Flur auf und ab gegangen. Den Müsliriegel vom Anwalt habe sie nicht genommen, sie habe nichts mehr gewollt außer dem Urteil. Als sie wieder hereingerufen worden seien, „da hat mir schon die Beisitzerin zugezwinkert“, erzählt sie grinsend. Und tatsächlich: Sie gewinnt. Sie umarmt ihren Mann. Abends stoßen sie im Hotel mit einer Cola an. Da wissen sie ja noch nicht, was ihnen noch bevorsteht.

Wenige Tage vor Weihnachten verschickt das Verwaltungsgericht eine Pressemitteilung: „Schufa muss Auskunft über Scorewert erteilen.“ Damals denkt Marina B: Jetzt ist alles rum. Endlich ist sie nicht mehr Opfer, sondern Heldin. Jetzt muss nicht mehr sie sich schämen, sondern die Schufa. Und der „Verein“ muss endlich erklären, wie diese blöde Zahl zustande gekommen ist.

Und eigentlich will die andere Frau, die im Inneren an der Schufa hämmert, ja genau dasselbe. Wenn auch vielleicht aus anderen Gründen.

Tanja Birkholz ist an diesem Tag im Februar am Gipfel angekommen, sieht sich um, nur grauer Nebel. Aber sie ist oben. Was sie nicht sagt, in der Kälte: Letztlich erfüllt sie wohl genau das, wofür Marina B. mehr als acht Jahre gekämpft hat. Nicht nur für eine Person, sondern für potenziell 68 Millionen. Wollte B. demnächst einen 5000-Euro-Kredit, könnte sie in der Theorie mit wenigen Klicks schauen, wie ihre Chancen stehen. Aus Sicht von Birkholz ist es genau das, wofür sie einst angetreten ist.

Und ja, als man sie Anfang dieses Jahres beim Spaziergang spricht, hat sie manche Mitarbeiter überzeugt, anderen gekündigt, oder wie sie es formulieren würde: ihnen „gezeigt, dass der gemeinsame Weg nun endet“. Sie wirkt gelöst. Auch wenn der große Tag erst am 17. März kommt, durften ein paar Beta-Tester schon mit dem neuen Score herumspielen. Kaum einer der 9000 Leute habe sich ihr zufolge beschwert; sie wollen Details wissen, haben technische Fragen. Damit können sie in Wiesbaden umgehen. Wenn das alles an Kritik ist, die auf die Schufa von diesem 17. März an einprasseln wird, dann hätte sie es für den ersten Moment geschafft; bis 2028 dann soll der Score bei allen Banken und Unternehmen zum Standard werden. Dass sie nicht alle Kritikerinnen und Kritiker wird überzeugen können, das weiß sie natürlich. Und dass sie ihre härteste Kritikerin überzeugen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Marina B. sagt: „Ich habe berechtige Zweifel, dass sich an der Transparenz irgendwas ändern wird.“ Bis 2028 gebe es schließlich weiterhin diverse Scores, sagt B., und auch danach könnten Banken sich Scores ja individuell berechnen lassen.

Im Gegensatz zur Schufa-Chefin ist für sie das Ziel noch nicht in Sichtweite. Im Januar 2026 legt die Schufa erneut Berufung gegen das Urteil aus Wiesbaden ein. Das heißt: neues Gericht, neue Verhandlung. Wieder warten.

Die Begründung der Schufa: Urteile über die Auskunftei fällen Landgerichte immer mal wieder, aber die Firma könne nicht jedes Mal ändern, welche Daten sie in welcher Tiefe in welchem Bezirk an Verbraucher sendet. „Das wäre unübersichtlich, kompliziert, teuer“, so Birkholz. Die Schufa will das höchstrichterlich entschieden wissen. Deshalb die Berufung.

Lustigerweise wollen die beiden mal wieder das Gleiche: Auch Marina B. will das höchstrichterlich klären lassen. „Sonst ziehe ich das weiter durch, wirklich, dann kämpfe ich so lange, solange ich lebe, und wenn ich da auch nichts mehr von habe. Also, das lass’ ich mir nicht gefallen“, sagt sie.

Nächster Termin: Hessischer Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Frühestens Ende 2026, vielleicht später. Im Frühjahr 2027.

Die Schufa gibt es länger als die Bundesrepublik: 1927 gründeten zwei Berliner Brüder die „Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung und Kreditsicherung“.

Die Leute müssten verstehen, warum sie wie von der Schufa bewertet werden, findet Tanja Birkholz.

Wohin Birkholz die Schufa führen will, lässt sich an der Oberfläche beobachten: weniger Behördencharme in den Büros, mehr Obstkörbe, Tischkicker, offenes Arbeiten.

„Ohne ihn“, sagt Marina B. über ihren Mann, „hätte ich all das nicht durchgestanden.“ Den Streit, die Sorgen, die Scham. Die Warterei.