Der Unbezähmbare
von Lisa Pausch und David Fuhrmann
Zeit Magazin vom 25.09.2025
Inhalt: Der Artikel erzählt die bisherige Forschungsgeschichte des Aals und stellt aktuelle Ansätze vor, Aale künstlich zu züchten. Auch wenn es mittlerweile gelang, in Gefangenschaft lebende Aale durch Hormongaben anderer Arten in die Pubertät und zur Fortpflanzung zu bringen, hören im Labor geschlüpfte Larven nach 60 Tagen auf zu wachsen und sterben. Forschende vermuten die Lösung im Futter - Erfolge brachte Haifischeigelb, experimentiert wird jedoch auch mit Genetik, Erforschung der Laichgründe in der Sargossosee und künstlichen Strömungskanälen. Der begehrte Fisch gilt als massiv überfischt, seine Lebensräume sind durch menschliche Eingriffe bedroht.
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Der Unbezähmbare
Der Europäische Aal ist ein Mysterium. Zweimal im Leben durchquert er den Atlantik. Warum? Das konnten Wissenschaftler bisher nicht herausfinden, obwohl sie ihn seit Generationen zu züchten versuchen. Es ist der Wettlauf um ein Milliardengeschäft.
Die Geschichte vom Europäischen Aal beginnt mit Fernweh. Als Larve schlüpft der Aal in der Sargassosee, östlich von Florida. Durchsichtig und dünn wie ein Haar gleitet die Larve in den Golfstrom und treibt über Tausende Kilometer nach Europa. Auf der Reise verwandelt sich die Larve in einen Glasaal. Der Kopf wird spitzer, die Augen werden größer, die Flossenansätze entstehen. In Europa zieht der junge Aal durch Flüsse, Bäche, Seen, findet irgendwo ein neues Zuhause, wächst, verwandelt sich erneut. Der Glasaal wird zum Gelbaal. Der Rücken färbt sich braun, der Bauch gelb. Der Aal wird mehr als einen Meter lang und mehrere Kilogramm schwer.
Die Geschichte des Aals endet mit Heimweh. Wie auf ein geheimes Kommando hin bricht er irgendwann wieder auf. Zurück zum Anfang, zurück in die Sargassosee. Vorher verwandelt er sich abermals, frisst sich eine Fettschicht an, der Rücken wird schwarz, die Augen werden größer, die Seiten markant und silbrig, die Flossen größer. Der Magen verkümmert. Nur mit der Energie aus seinen Fettreserven schwimmt der Aal Tausende Kilometer durch den Atlantik. Während der langen Reise reifen seine Geschlechtsorgane, Eierstöcke und Hoden wachsen. Er kommt an und laicht. Ein letztes Liebesfest in der Tiefsee, dann stirbt er.
Seit 70 Millionen Jahren gleitet der Aal durch Meere, Flüsse und Bäche. Dem Menschen begegnet er gerade erst seit 300.000 Jahren. Doch der Mensch, der in den vergangenen 50 Jahren seine Wanderrouten immer stärker durchkreuzt, könnte das Ende des Aals bedeuten. Der Bestand in der Nordsee ist seit 1980 um 99 Prozent eingebrochen. Immer weiter hat der Mensch in den Lebensraum des Aals eingegriffen. Erst mit der Fischerei, dann mit Wasserkraftwerken, Umweltgiften und Parasiten. Der Klimawandel verlangsamt den Golfstrom, sein Ausfall wäre ein Horrorszenario für den Aal.
Eine Gruppe von Biologinnen und Biologen aus Europa möchte den Aal retten. Sie forscht an der massenhaften Aufzucht von Aalen und damit an einer Alternative zum Wildfang. Teils unterstützen Unternehmen ihr Vorhaben – sie wittern ein großes Geschäft. So wie Lachs und Garnelen soll auch der Aal in Aquakulturen schlüpfen. Dem Menschen ist die Züchtung von Tieren hundertfach gelungen: bei Rindern, Schafen, selbst bei Seidenraupen und erst kürzlich beim Oktopus. Der Aal allerdings bleibt ein Rätsel. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Noch bevor der Mensch ihn versteht, könnte der Aal verschwinden.
In Lyngby, einem Vorort von Kopenhagen, holt die Meeresbiologin Jonna Tomkiewicz ein Probenröhrchen aus einem Schrank. "Seht ihr den schwarzen Punkt?", fragt sie und zeigt auf das untere Ende des Röhrchens. Ein beinahe transparenter Faden, kaum länger als ein Zentimeter, schwebt in der Flüssigkeit. Der schwarze Punkt an einem Ende ist gerade so dick wie eine Nadelspitze. "Das ist das Auge", sagt sie und hält ihre Hand hinter das Röhrchen, damit sich der Punkt besser erkennen lässt. Die in Formalin eingelegte Aallarve, Nummer 34FF, Reihe 90420-L1, wurde 55 Tage alt.
Das Institut für aquatische Ressourcen der Technischen Universität Dänemark hat seinen Sitz in einem hypermodernen Neubau, dessen quaderförmige Räume wie aufeinandergestapelte Bauklötze wirken. Das 13 Meter hohe Atrium im Herzen des Gebäudes, die sogenannte Biosphere, hat mit seinen Wänden aus Eichenholz etwas von der Lobby eines Designhotels. Im ersten Stock liegt Tomkiewicz’ Büro. Zugang gibt es nur per Chipkarte.
Wenn Tomkiewicz über Aale spricht, benutzt sie Wörter wie "charismatisch" oder "smart". Sie zeigt ein Video. 50 Tage alte sogenannte Weidenblattlarven wirbeln durchs Wasser. Sie bewegen sich fort, indem sie eine Welle durch ihren transparenten Körper schießen. Sie flattern im Wasser wie Flaggen im Wind. "Sehr elegant", sagt Tomkiewicz, nickt anerkennend und schweigt einen Moment, als würde sie selbst nach jahrzehntelanger Forschung noch über die Unergründlichkeit der Natur staunen.
Jonna Tomkiewicz rätselt seit 20 Jahren an den Geheimnissen des Aals. Sie und ihrem Team gelingt es immer besser, den Lebensraum von Aallarven nachzuahmen. Salzgehalt, Temperatur, Helligkeit, pH-Wert, Mikroorganismen. Im Norden Dänemarks betreiben sie mit Partnern aus der Industrie eine Aufzuchtstation. Sie haben keine Vorlage, die sie nachbauen können. Sie arbeiten in einer Blackbox. Wo genau der Aal laicht, weiß kein Mensch. Weder wurde die Paarung je beobachtet, noch wurde jemals ein geschlechtsreifes Tier oder auch nur ein einziges Ei in der Sargassosee entdeckt.
Tomkiewicz zieht ein Glasfläschchen aus ihrem Regal. Es steht in einem Fach neben zwei Pokalen in Aalform, einem Schlüsselanhänger in Aalform und einem mit einem Aal und japanischen Schriftzeichen bestickten Täschchen. Ein Altar inmitten meterlanger Reihen von Ordnern und Fachbüchern. Ihre Forschung hat Tomkiewicz um die Welt gebracht. Die Figuren sind Andenken von Konferenzen in Indonesien, Japan oder den Niederlanden. "Das sind unsere ersten Aaleier", sagt Tomkiewicz und dreht das Fläschchen. Weißliche, fast transparente Perlen wirbeln wie in einer Schneekugel durch das Wasser. 2005 gelang ihr und ihrem Team zum ersten Mal die künstliche Befruchtung eines Aalweibchens.
Um den Jahreswechsel zum Jahr 2006 der nächste Erfolg. Die Larven schlüpften kurz vor Weihnachten und wurden an den Feiertagen immer älter. Eine Sensation! Tomkiewicz wachte neben dem Wassertank wie andere neben dem Kindbett. Die Zuchtstation auf Südjütland lag drei Autostunden von ihrem Zuhause in Kopenhagen entfernt. Tomkiewicz aß tagelang nur Honigkuchen, erinnert sie sich, weil es nur Honigkuchen gab und sie keine Zeit hatte, einzukaufen. Erst am Silvesternachmittag riss sie sich los. Der Aal habe etwas Geheimnisvolles, sagt sie. Sich mit ihm zu beschäftigen, sei wie eine Tür in eine neue Welt aufzumachen.
Meeresbiologen verstehen inzwischen, wie der Aal in Europas Flüssen, Bächen und Seen lebt. Sie kennen die Talente des Gelbaals, der sich einige Meter über Land schlängeln kann. Sie wissen von dessen schleimiger Haut, die ihn feucht hält und vor Infektionen schützt. Von seinem Geruchssinn: Mit über einer Milliarde Riechzellen kann der Aal noch besser riechen als Trüffelschweine und so selbst im Dunkeln der tiefen See nach Fischchen, Würmern und Kaulquappen jagen. Energie speichert der Aal in Fettpolstern. Jahrzehnte kann er sich so im Süßwasser einrichten. Dann kommt der Ruf zur Heimreise.
Ab diesem Punkt seines Lebens steht die Forschung im Dunklen. Der Impuls für den Aufbruch? Ein Rätsel. Die perfekte Navigation durch den Atlantik? Schleierhaft. Welche Umwelteinflüsse regen die Produktion der Geschlechtsorgane an? Die Natur versteckt ihre Antwort auf diese Fragen in der Tiefsee.
Möchten Forschende den Aal züchten, stehen sie vor zwei wesentlichen Problemen: Lebt der Aal in Gefangenschaft, kommt er von allein nicht in die Pubertät. Und: Wenn im Labor Larven schlüpfen, dann sterben sie irgendwann.
Für das erste Problem haben Forschende eine Lösung gefunden: Aalmännchen produzieren Spermien, wenn man ihnen Hormone einer menschlichen Plazenta spritzt. Bei den Weibchen, hat man herausgefunden, regen Hormone aus der Hirnanhangsdrüse von Lachsen und Karpfen die Entwicklung der Eierstöcke an. Solche Hormone sind Botenstoffe, die Keimdrüsen steuern – und viele von ihnen wirken sogar artenübergreifend. So ist es möglich, gefangene Aale laichen zu lassen. Winzige Larven schlüpfen in Wassertanks. Doch bis die in die nächste Phase kommen, vergehen in der Natur mehrere Jahre, legt der Aal in freier Wildbahn Tausende Kilometer durch verschiedene Meeresräume zurück. Mit verschiedenen Wassertemperaturen, Lichteinflüssen, Strömungen, Salzgehalten und Futterquellen. Wie soll der Mensch all diese Umwelteinflüsse simulieren?
Nicht eine Larve des Europäischen Aals hat sich im Labor je zum Glasaal verwandelt. Der Aal – halb Fisch, halb Mythos – windet sich aus jedem Versuch, ihn zu durchschauen.
Das Mysterium beschäftigte schon Naturforscher der Antike. Aristoteles war sich sicher, dass Aale nur aus Schlamm entspringen konnten, sich vielleicht noch aus Staub bildeten und höchstens von Erdwürmern geboren werden können. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, suchte fast 2.000 Jahre später nach dem Hoden des Aals. Als Medizinstudent zerschnitt er Hunderte Aale, doch der Fisch verbarg sein Geschlecht vor ihm.
Während die Wissenschaft den Aal zu erklären versuchte, wurde er in Günter Grass’ Blechtrommel zum Sinnbild des Grauens: Wenn aus den Augenhöhlen eines verwesenden Pferdekopfes Aale hervorquellen, öffnet sich Oskars Blick auf eine Erwachsenenwelt voller Verfall, Trieb und Abgründe. Auch das Kino verknüpft das Abgründige mit dem Aal. In Mascha Schilinskis In die Sonne schauen windet er sich durch das trübe Wasser der Elbe, ein wiederkehrendes Bildmotiv, das die Schicksale mehrerer Frauengenerationen verbindet.
Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben zwei italienische Forscher die erste Verwandlung des Aals. Im Mittelmeer hatten sie durchsichtige, weidenblattförmige Fischchen gefangen, die zuvor für eine eigenständige Art gehalten wurden. Sie verglichen ihre Anatomie mit der des Glasaals und kamen zu dem Ergebnis, dass es das erste Stadium des Europäischen Aals sein musste. Da sie die Larven in der Straße von Messina gefangen hatten, vermuteten sie den Geburtsort des Aals im Mittelmeer.
Wichtige Argumente gegen diese Theorie lieferte Anfang der 1920er der dänische Biologe Johannes Schmidt. Er fand heraus, dass Aallarven immer kleiner werden, je weiter westlich man sie im Atlantik fängt. Er vermutete, dass die Europäischen Aale in die Sargassosee schwimmen, um sich dort fortzupflanzen. Denn die kleinsten Tiere fing er dort – was als erster Herkunftsnachweis gilt. Knapp 100 Jahre sollte es dauern, bis britische Forscher Schmidts Annahme bestätigen. Sie banden ausgewachsenen, heimkehrenden Aalen Sender auf den Rücken. Das Signal endete in der Sargassosee.
Die Sargassosee ist das einzige Meer auf dieser Welt ohne Küste. Es überlappt teilweise mit dem berüchtigten Bermudadreieck. Als Christoph Kolumbus 1492 das tiefblaue Wasser der Sargassosee erreichte, glaubte er, bald an der Küste zu sein. Schwimmende Algen tauchten auf, die Seeleute befürchteten, dass sich ihre Schiffe darin verheddern würden. Sie nannten diesen Teil sargaço, portugiesisch für Seetang. Wie eine schwimmende, fünf Millionen Quadratkilometer große Ellipse aus warmem, außergewöhnlich klarem Wasser liegt dieses Meer viele Hundert Kilometer von der Küste entfernt im Ozean. Seine Grenzen zeichnen Strömungen, die im Uhrzeigersinn um dieses sonderbare Meer fließen.
Mit der künstlichen Fortpflanzung von Aalen beschäftigte sich erstmals der Franzose Maurice Fontaine. 1936 beschrieb er, wie er männliche Aale mit gespritztem Urin schwangerer Frauen zur Geschlechtsreife brachte. In den Sechzigerjahren wiederholte er den Trick mit weiblichen Tieren, injizierte ihnen ein Extrakt aus laichenden Lachsen – und die Eierstöcke wuchsen. Pionierarbeit. In der Sowjetunion schlüpften aus künstlich gereiften Eiern 1983 erstmals Larven, die immerhin dreieinhalb Tage überlebten.
Spätestens jetzt sahen es Forschende weltweit als erwiesen an, dass die künstliche Zucht von Aalen möglich sein muss. Und die Ersten witterten ein Geschäft. Denn wem es gelingt, einen Glasaal zu einem akzeptablen Preis zu züchten, dem steht ein Milliardenmarkt offen. Zwischen 300 und 450 Euro kostet ein Kilo Glasaale in Europa. In Asien ist die Nachfrage so hoch, dass Glasaale seit Jahren illegal vor den europäischen Küsten gefischt und für das Zehnfache in Asien verkauft werden. Der Schmuggel ist laut Europol das größte Wildtierverbrechen der Welt.
Es ist ein Wettstreit wie in der HBO-Serie Game of Thrones. Verschiedene Gruppen kämpfen mit unterschiedlichen Allianzen und Strategien um den Thron – den Durchbruch zur Aquakultur – und gleichzeitig um EU-Fördergelder. In Dänemark setzt man auf die komplizierte Grundlagenforschung – ein Haus voller Tradition und Wissen. In den Niederlanden haben private Investoren viel Geld in ein Start-up gepumpt. Nach der Trial-and-Error-Methode hat man den Larven im Labor rund 20 verschiedene Menüs serviert, beraten von der Wageningen-Universität. Andere Häuser wagen sich in unbekannte Welten: Forschende vom deutschen Thünen-Institut fahren alle drei Jahre mit einer Expedition in die Sargassosee. Dort folgen sie der Spur der kleinsten Larven, um das Laichgebiet enger zu bestimmen. Mit einem Netz, fein wie ein Küchensieb, durchkämmen sie das Wasser. Finden sie Larven, werden diese bei minus 80 Grad eingefroren und in Bremerhaven untersucht.
Derzeit schaffen es alle Häuser, Larven durch die ersten Wochen zu bringen. Jonna Tomkiewicz mehr als 150 Tage. Die Niederländer vom privaten Unternehmen Glasaal Volendam sprechen von mehr als 300 Tagen. Doch sie alle haben das gleiche Problem: Ab einem Alter von ungefähr 60 Tagen hören die Larven im Labor auf zu wachsen.
In ihrem Büro nimmt Jonna Tomkiewicz nun ein anderes Gläschen in die Hand. Auf dem Etikett stehen Koordinaten: 12°?50'?N, 141°?15'?E und – 500 m. Ein Geschenk des japanischen Meeresbiologen und Präsidenten der Ostasiatischen Aalgesellschaft, Katsumi Tsukamoto. Wasser vom Marianenrücken, dem Laichplatz des Japanischen Aals. Untersee-Klippen ragen dort aus dem Meeresboden, bevor der sich im Marianengraben Tausende Meter in die Tiefe senkt.
Japaner waren die Ersten, die verstanden, was Aallarven fressen. Sie forschten damals an ihrer eigenen Art, dem Japanischen Aal. Sie fanden heraus: Die Larven fressen wohl Meeresschnee, kleine Partikel aus abgestorbenem Plankton oder Kot anderer Meerestiere, die von der Wasseroberfläche in die Tiefe des Meeres rieseln. Unmöglich, das im Labor nachzubilden. Andere Larven sind mit Rädertierchen zufrieden, winzigen Wasserlebewesen. Aallarven sind wählerisch. Alles, was mit Eigelb zu tun hat, finden Aallarven gut. Hühnereigelb: okay, reicht aber nicht fürs Wachstum. Haifischeigelb: besser.
Die Japaner veröffentlichten ihre Protokolle dazu. Was für ein Glück für die Europäer! Doch die Methoden lassen sich nicht eins zu eins kopieren. Schon 2002 gelang es den Japanern, Glasaale aus künstlich gezüchteten Eiern zu erzeugen – ein Durchbruch, der lange als unerreichbar galt. Seit Jahren forschen die Japaner nun an einer Lösung, die für eine industrielle Aquakultur tragbar ist. Haifischeigelb ist zu teuer, doch mit alternativen Futtermitteln wachsen die Larven zu langsam.
Ein Schlüssel zum Verständnis liegt für Tomkiewicz in den Zellen des Aals. Sie möchte verstehen, wann bestimmte Gene aktiv sind. Ob der Körper des Aals also zuerst das Auge oder den Geruchssinn baut. Was ist wichtiger für die Larve: wie das Fressen aussieht – oder wie es riecht?
Im Labor blinken Geräte, Abzugsröhren hängen wie überdimensionierte Elefantenrüssel über Versuchskabinen, die Rollläden sind heruntergezogen. Laurentius Kurniawan taucht eine Dosierspritze in eine Flasche, zieht sie auf und drückt die Flüssigkeit in die Probenröhrchen. Die Hand ruhig, der Blick starr, als spiele er Mikado. Der Student hat fünf tote Larven zerkleinert, um über ihre mRNA an Informationen zu kommen. Er und Tomkiewicz wollen herausfinden, wann bestimmte Gene quasi die Bauarbeiten in Auftrag geben. Kurniawan ist in Indonesien aufgewachsen, studierte Biotechnologie und kam mit Erasmus Mundus nach Europa. Der Aal hat auch ihn in seinen Bann gezogen. Er erscheint frühmorgens im Labor und geht spätabends. Er sagt: "Wir kommen dem Aal immer mehr auf die Schliche."
In ihrer Verzweiflung oder, wie sie selbst sagen würden, in ihrem Erkenntnisdrang haben Forschende schon viel probiert. Sie haben Rohre mit einer künstlichen Strömung gebaut, um die Reise des Aals zu simulieren. Stoppt er darin, erhält er einen leichten Stromschlag, um weiterzuschwimmen. Der Aal macht in der Röhre tatsächlich einen ersten Schritt in Richtung Pubertät, aber eher durch den Stress, den er erlebt. Als Lösung unmoralisch, findet Tomkiewicz. Der Aal solle doch eine "lustige, gute Zeit" haben, solange er lebt.
Laurentius Kurniawan setzt sich nach Feierabend noch mal ins Labor und sticht mit einem Skalpell in eine Kugel, die wie eine Blaubeere aussieht. Flüssigkeit läuft heraus, die Kugel schrumpelt. Er hat zwei toten Aalweibchen die Augäpfel herausoperiert. Man könne damit vielleicht noch was lernen, sagt er leise, das habe bisher niemand ausprobiert. Er will verstehen, wie sich das Auge bei älteren Aalen entwickelt. Tomkiewicz legt ihm anerkennend die Hände auf die Schulter.
In den Niederlanden würden manche Investoren langsam ungeduldig, sagt der Biologe und Vorstandsvorsitzende von Glasaal Volendam, Nico van Straalen, in einem Videoanruf. Er sitzt neben seinem Laborchef Rick Leemans vor einer weißen Wand und einem Gemälde dreier Aallarven, die darauf aussehen wie durchsichtige Wattestäbchen. Seit 14 Jahren warten ihre Geldgeber auf Ergebnisse. Vielleicht brauchten sie auch deswegen diese Zahl: 312. Eine niederländische Larve war die älteste! Sie nannten sie Garrix, nach einem niederländischen DJ. Die 200 Tage hatten sie 2024 mit einem Schokoladenkuchen gefeiert.
Wo man nun eher vor dem Durchbruch steht, in Dänemark oder den Niederlanden, das wissen wohl nur die Häuser selbst. Leemans und Tomkiewicz telefonieren etwa viermal im Jahr, schätzt Leemans, und treffen sich auf Konferenzen. Sie sagen dann nicht immer ganz die Wahrheit, wie weit sie schon sind. Wenn man sein Wissen teilt, sagt Leemans, dann hat man Angst, dass einer reich wird und der andere nicht. Dann hat man Angst, dass der eine der Held ist und die anderen nicht. Wenn man einen Teil seiner Fütterung patentiert, sagt Leemans, muss man die Protokolle ja auch veröffentlichen. Das sei riskant. Dann könnte "irgendein" Unternehmen kommen, ein Detail ändern und den Erfolg einfahren.
Unterdessen zählen Forschende in ganz Europa weiter die Glasaale, die zwischen November und April an den europäischen Küsten ankommen. Bei Jan-Dag Pohlmann in Bremerhaven laufen die Daten für Deutschland zusammen. Als Vorsitzender einer europaweiten Expertengruppe zum Aal fügt er sie mit Ergebnissen aus anderen Ländern für den Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) zu einem Bericht zusammen. Der Aal ist der einzige Fisch, der eine eigene EU-Verordnung hat. Seit 2007 gibt es Vorschriften für die Länder. Erholt hat sich der Aal trotzdem nicht. 2025 ist der Aal in Deutschland Fisch des Jahres. So soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie bedroht er ist.
Kann man überhaupt noch guten Gewissens Aal essen? Eigentlich nicht, sagt Pohlmann. Nicht umsonst empfehle der ICES ein sofortiges Fangverbot. Fischereiverbände sehen sich als Buhmann. Pohlmann sagt, man kann die Fischer nicht ohne die Wasserkraftwerke nennen. Jede Sterblichkeit, die man abstellt, sei ein Fortschritt.
Doch auch Kraftwerksbetreiber stehen vor einem Rätsel. Wann wollen die Aale denn in Richtung Sargassosee abwandern? Sie kommen nachts und in großen Gruppen. Wann genau, weiß niemand. Wüsste man das mit etwas Vorlauf, könnte man die Kraftwerke in diesen Nächten runterfahren. Informatiker forschen bereits zu Lösungen mit künstlicher Intelligenz.
So geht der Wettstreit unter den Häusern weiter. Die Dänen machen im Herbst weitere Experimente. Die Niederländer im Start-up testen Futter. Die Deutschen werden im nächsten Jahr erneut in die Sargassosee fahren.
Von Aalen in Gefangenschaft weiß man, dass der Aal vier Jahre ohne Nahrung überleben kann. Und man weiß, dass er ewig warten kann, wenn ihm die Reise zu seinem Ursprung verwehrt wird. In Schweden erzählt man sich die Geschichte von einem Aal, der in einem Brunnen in Brantevik lebte und über 150 Jahre alt geworden sein soll. Kurz bevor er starb, begann er sich ein letztes Mal zu verwandeln, die Augen wurden größer, bereit für die große Reise.
Einschübe
Wo genau der Aal laicht, weiß kein Mensch. Weder wurde die Paarung je beobachtet, noch wurde jemals ein geschlechtsreifes Tier oder auch nur ein einziges Ei in der Sargassosee entdeckt
Andere Fischlarven sind mit Rädertierchen zufrieden, winzigen Wasserlebewesen. Aallarven sind wählerisch. Alles, was mit Eigelb zu tun hat, finden Aallarven gut. Hühnereigelb: okay, reicht aber nicht fürs Wachstum. Haifischeigelb: besser
Kann man überhaupt noch guten Gewissens Aal essen? Eigentlich nicht, sagt Jan-Dag Pohlmann. Nicht umsonst empfehle der Internationale Rat für Meeresforschung ein sofortiges Fangverbot
