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Deutschland verliert zehntausend Arbeitsplätze im Monat. Der China-Schock ist da

von Kerstin Bund und Kai Strittmatter
Süddeutsche Zeitung vom 26.06.2026

Inhalt:

Der Artikel beschreibt den massiv zunehmenden handelspolitischen Druck Chinas auf Deutschland: Unternehmenskäufe, Exporteinbrüche, Überschwemmung des europäischen Marktes mit qualitativ hochwertigen chinesischen Produkten könnten eine Deindustrialisierung Deutschlands in naher Zukunft zur Folge haben, was wiederum Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. China baue seine geopolitische Machtposition durch strategische Förderung eigener Unternehmen und Export-Abhängigkeiten aus, während die deutsche Politik und Verbände gelähmt seien. Interviewpartner aus Wirtschaft, Forschung und Politik fordern die Bundesregierung zum schnellen Handeln auf. Gefordert werden u.a. die Einführung von Zöllen, Importquoten und Buy-European-Vorgaben.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Deutschland verliert zehntausend Arbeitsplätze im Monat. Der China-Schock ist da

Und er trifft das Land ins Herz. Zu Besuch in deutschen und chinesischen Fabriken – und bei denen, die sagen: Jetzt geht es um alles.


Arnstadt: Wo China die Zukunft baut, mitten in Deutschland

Wir schreiben das Jahr 2026, und die Robert-Bosch-Straße 1 im thüringischen Arnstadt ist fest in chinesischer Hand. Lange graue Hallen in einem Gewerbegebiet 20 Kilometer südlich von Erfurt. Ein guter Ort, um hier eine Geschichte über den China-Schock beginnen zu lassen. An dieser Adresse, gewidmet einem der größten Erfinder der deutschen Industriegeschichte, betreibt heute CATL ein Werk, der Weltmarktführer für Batterietechnologie. Ein chinesisches Unternehmen.

Es kommt nicht oft vor, dass CATL seine Pforten für deutsche Journalisten öffnet. Die Dame am Empfang klebt einem erst einmal die Handykameras ab. Und der Pressesprecher stellt klar, worüber man sich nicht äußern werde, über die Kunden des Unternehmens zum Beispiel. Dabei kennt die eh jeder. Mercedes, BMW, der VW-Konzern, sie alle verbauen CATL-Module in ihren Elektromotoren. Das Poster hinter dem Empfang zeigt das chinesische Fabelwesen Qilin, mit Drachenkopf. „Destiny“ steht da auf Englisch, Schicksal, und auf Chinesisch: yuanjing, Vision.

Es ist eine Geschichte, in der es nicht nur um Batterien geht. Es geht auch um Tunnelbohrmaschinen, um Windräder, um Autos. Um die deutsche Industrie, die deutschen Arbeiter, die deutsche Politik. Letztlich aber ist dies eine Geschichte, in der mehrere der Gesprächspartner sagen werden: Es geht jetzt um alles. Um unsere Arbeitsplätze, um unseren gesellschaftlichen Frieden. Am Ende vielleicht um unsere Demokratie.

Mehr als 10 000 Industrie-Arbeitsplätze verliert Deutschland gerade im Monat. Vor allem an die chinesische Konkurrenz. Und die deutsche Regierung? Verschloss bislang davor die Augen.

Es ist ein Lehrstück über chinesische Entschlossenheit. Und deutsche Blauäugigkeit. Die beiden treffen nicht zum ersten Mal aufeinander. Erbaut wurden die grauen Fabrikquader hier in Arnstadt einst vom Technologiekonzern Bosch. Damals, als Deutschland noch weltweit die Nummer eins in der Solarindustrie war. Bosch fertigte hier Solarmodule. Stieg 2014 aus der Produktion aus. Übergab an den Bonner Konzern Solarworld. Der dann 2018 pleiteging. Auch hier in Arnstadt also ging einst die deutsche Solarindustrie zugrunde. Vom deutschen Staat damals alleingelassen gegen die subventionierte und staatlich gestützte chinesische Konkurrenz.

Dann zog CATL ein. Wo einst eine deutsche Zukunftsindustrie zu Grabe getragen wurde, expandiert jetzt eine chinesische.

Sie sind stolz, die Menschen, die zu den 1700 gehören, die hier arbeiten. Der deutsche Leiter des Testlabors, der deutsche Ausbildungsleiter, der vor Ideen zu sprühen scheint. „China hat in der Batterieherstellung einfach viel mehr Erfahrung als wir“, sagt Ausbilder Matthias Hilbeck, „Deutschland hinkt da noch hinterher.“

Als CATL 2019 hier anfing, brachte der Konzern eigene Maschinenbauer und Batteriespezialisten aus China mit. Knapp jeder dritte CATL-Beschäftigte sei anfangs ein Chinese gewesen, sagt der Sprecher, es habe schlicht nicht genügend deutsche Fachkräfte gegeben. Und so wie früher Ingenieure aus Stuttgart oder Wolfsburg ins Flugzeug stiegen, um Werke in China hochzufahren, rückten in der Thüringer Provinz ganze Trupps mit Spezialisten aus dem Mutterwerk in Ningde an, um deutschen Mitarbeitern zu zeigen, wie man das macht: Zellen und Module bauen.


In Thüringen machen die Chinesen den Deutschen vor, wie das geht: Batterien bauen

Es ist noch eine junge Industrie, eine mit großer Zukunft für unsere sich zunehmend elektrifizierenden Gesellschaften. Einen neuen Ausbildungsberuf würden Hilbeck und seine Leute hier in Arnstadt gerne erfinden: Batterietechnologe. Sie sind in Gesprächen, mit den Behörden, mit der IHK.

Der 40-jährige Hilbeck führt durch die blank geputzte Werkstatt des Ausbildungszentrums. An jedem Arbeitsplatz stehen deutsche Werkzeugmaschinen mit einst klangvollen Namen wie „Flott“ und „Deckel“ für die 26 Auszubildenden. Es sind instandgesetzte Fräs- und Drehmaschinen, Bohrmaschinen, Schraubstöcke, teilweise noch aus den Neunzigerjahren, aus einer Zeit, in der Made in Germany noch wie ein Versprechen klang. „So robust“, sagt Hilbeck schwärmerisch, „wenn man sie gut pflegt, stehen sie auch in 20 Jahren noch hier.“ Und das ist dann aus deutscher Sicht doch eine bittere Volte: dass an alten deutschen Werkzeugmaschinen nun junge Menschen lernen, wie sie chinesische Batterien zusammenbauen.

Das CATL-Werk in Arnstadt war bei Beginn der Produktion 2021 gleich das größte Batteriewerk in Deutschland mit einer jährlichen Kapazität von 14 Gigawattstunden. Das reicht erst einmal, um 350 000 Elektrofahrzeuge mit Batterien zu versorgen.

Im ungarischen Debrecen sowie im spanischen Saragossa baut CATL gerade noch größere Fabriken. Und die deutschen und europäischen Hersteller? Setzen gerade ein Projekt nach dem anderen in den Sand.

Da ist etwa die Automotive Cells Company (ACC), an der Mercedes-Benz beteiligt ist. ACC plante eine große Fabrik für Lithium-Ionen-Batterien in Kaiserslautern. Im Februar dieses Jahres wurde das Projekt beerdigt. Unter anderem angeblich wegen zu schwacher Nachfrage nach E-Autos.

Oder Porsche: Der Sportwagenhersteller plante eine Fabrik für Hochleistungsbatteriezellen. Im April 2025 stellte Porsche den Ausbau ein. Der angegebene Grund auch hier: zu schwache Nachfrage.

Oder das prominenteste Beispiel, Northvolt: 3000 Arbeitsplätze sollten in Schleswig-Holstein entstehen, der schwedische Konzern wollte jährlich eine Million Fahrzeuge mit Akkus versorgen. Ein Leuchtturmprojekt für Europa. Bund und Land bewilligten Fördergelder in Höhe von 600 Millionen Euro. Kaum war die Weide westlich der Stadt Heide planiert, ging die schwedische Muttergesellschaft pleite.

Einzig VW hat noch nicht aufgegeben und mit seiner Tochterfirma Powerco Ende 2025 in Salzgitter die erste deutsche Gigafabrik in Betrieb genommen. Die Hälfte des VW-Bedarfs an Batterien soll aber noch immer von externen Lieferanten kommen, allen voran von CATL. Die Firma baut ihren Marktanteil immer weiter aus. Inzwischen liegt er weltweit bei 42 Prozent, alle chinesischen Hersteller zusammen kommen auf fast 75 Prozent. Weltweit ist heute also nur jede vierte Batterie für Elektrofahrzeuge nicht chinesisch.

Woran liegt das also, dass ein chinesischer Hersteller auch in Deutschland das hinkriegt, was andere nicht schaffen? Auch für CATL sei die Produktion in der EU „30 bis 40 Prozent teurer als in China“, sagt der CATL-Sprecher. Rein buchhalterisch wäre sie also Unsinn. Und dennoch lohne sich der Standort Arnstadt, etwa weil man dort „nahe an den Kunden“ sein könne. So klappt zum Beispiel die Lieferung „just in time“.

Ein Befund, der sich durch viele Gespräche zieht: Die Chinesen, Regierung wie Unternehmen, denken strategisch, langfristig. Und die Deutschen? Scheinen das verlernt zu haben.

Bei CATL geht es Treppen hoch, zu einer Galerie, von wo aus man durch große Fenster bei der Fertigung zusehen kann. Wägelchen fahren eigenständig durch die Gänge und befördern Batteriezellen zu Förderbändern, orangefarbene Roboterarme wirbeln durch die Luft, setzen die Zellen zu Modulen zusammen. Die Roboter tragen eine Aufschrift in großen weißen Buchstaben: „KUKA“. Auch der Fall Kuka ein Lehrstück: Das Augsburger Unternehmen war einmal ein deutscher Technologiestar, bevor es 2016 chinesisch wurde: ohne große Gegenwehr übernommen vom Unternehmen Midea aus der Stadt Foshan. Ein früher Sündenfall.

Heute, knapp ein Jahrzehnt später, ist es nicht mehr zu leugnen: China greift an und trifft uns im Kern. Und bislang leistet Deutschland keine Gegenwehr.


Berlin: Wo ein Niederländer und ein Amerikaner einen Bericht schreiben und damit Kanzler Merz aufwecken

Für diesen Text hat [Medium] jene besucht, die Alarm schlagen. In Berlin, im Schwarzwald, in München. Bei der EU in Brüssel dringen sie schon lange auf Taten, bei Deutschlands Nachbarn, allen voran in Paris, ebenso. Nur schienen die Warnrufe bei der deutschen Regierung bislang auf taube Ohren zu stoßen. Dabei wäre Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas wichtigster Akteur im Handeln gegen die chinesische Offensive.

Und so warteten bislang alle auf die Regierung in Berlin. Vergangene Woche schließlich, vor den Treffen der G 7 im französischen Évian und des Europäischen Rates, gab es erstmals Zeichen, dass der Ernst der Lage auch Bundeskanzler Friedrich Merz dämmerte. Kurz hieß es, Merz wolle sich bewegen. Deutschlands Widerstand gegen industriepolitische Schutzmaßnahmen Europas aufgeben. Vielleicht. Ein wenig zumindest.

Wird es reichen? Oder wird Friedrich Merz als der Bundeskanzler in die Geschichte eingehen, unter dessen Regierung die Deindustrialisierung der Bundesrepublik Deutschland eingeläutet wurde? Die nächsten Wochen und Monate schon, darin waren sich die Gesprächspartner ausnahmslos einig, werden das entscheiden.

Ein Treffen in Berlin im Mai. Café „Einstein Unter den Linden“. Es treten ein, etwas außer Atem, Brad Setser und Sander Tordoir. Sie sind gerade vom Bundestag herübergeeilt, ihre Tage gefüllt mit Gesprächen mit Parlamentariern und Ministeriumsleuten. Setser und Tordoir sind Ökonomen, haben gemeinsam einen alarmierenden Bericht verfasst, der nach seiner Veröffentlichung wenige Tage später dem Handelsblatt eine Titelseite wert sein wird. Jetzt gehen sie in Berlin hausieren mit einer Botschaft: Wacht auf! Titel ihres Berichts: „China-Schock 2.0 – Die Kosten der deutschen Selbstgefälligkeit“.

Brad Setser ist US-Wirtschaftswissenschaftler, ein renommierter Experte für globale Ungleichgewichte, der unter Joe Biden fürs Finanzministerium in Washington arbeitete. Setser bestellt ein kleines Schultheiss und gibt, begleitet von dröhnendem Lachen, eine Geschichte darüber zum Besten, wie ihn einmal chinesische Agenten anwerben wollten. Dann wird Setser ernst: „Die Zahlen sind schockierend, wirklich“, sagt er.


Industrie und Jobs weg wegen China - in den USA brachte das Trump an die Macht

Umso verblüffender, wirft der neben ihm sitzende Sander Tordoir ein, sei für ihn als Niederländer die „seltsame Diskrepanz“ in der deutschen Hauptstadt zwischen der Wucht der Zahlen auf der einen Seite und der Schwerfälligkeit der Erkenntnis und dem fast vollständigen Mangel an Taten auf der anderen. Er beobachte da eine „kognitive Dissonanz“. Als hätten die Leute das ganze Ausmaß dessen, was da auf Deutschland zurollt, nein: was hier längst hereingerollt ist, noch nicht wirklich verstanden. Sander Tordoir, 36 Jahre, jugendlicher Lockenkopf, fließendes Deutsch, lebt in Berlin, er ist dort Chefökonom der Denkfabrik Centre for European Reform.

Deutschland, heißt es in dem Bericht von Tordoir und Setser, sei „das Epizentrum“ des neuen China-Schocks. „Ohne Schutzmaßnahmen“, schreiben die Autoren, werde Deutschland nicht die berühmte „schöpferische Zerstörung“ Joseph Schumpeters bekommen, „sondern schlicht und einfach Deindustrialisierung“. Jahrzehntelang erarbeitetes Know-how wird verschwinden, industrielle Ökosysteme und Wertschöpfungsketten werden ersatzlos vernichtet.

Es gab schon einmal einen China-Schock, Ende der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts und in den Jahren nach der Jahrtausendwende, als China sich zur Werkbank der Welt aufschwang. China, das war ein unschlagbar billiger Produktionsstandort für westliche Firmen, Textilien, Möbel, Spielzeug, Billigelektronik, dazu das Versprechen eines gigantischen neuen Absatzmarktes. Der China-Schock 1.0 traf vor allem die USA, die ihre Industriearbeitsplätze in großem Stil an Fabriken in Shenzhen und Zhejiang verloren.

Als junger Student 2008 in den USA an einer Universität in Ohio, sagt Sander Tordoir, habe er die Folgen des ersten China-Schocks selbst erlebt. Als Freiwilliger habe er damals mit Obdachlosen gearbeitet, in Wohnungsprojekten. „Die sozialen Kosten waren riesig“, sagt er. „Ich war damals erst 18, 19, auch deshalb hat es großen Eindruck auf mich gemacht.“ „Deaths of Despair“, Tod aus Verzweiflung: So heißt der Bestseller der renommierten Ökonomen Anne Case und Angus Deaton, der später den Anstieg der Sterblichkeit in der amerikanischen Arbeiterschaft durch die Opioid-Krise, Alkoholmissbrauch und Suizide zum geflügelten Wort machte.

Welche Folgen das in Amerika hatte, wurde erst in der Rückschau klar: Fabrikschließungen im industriellen Herzland, die zuerst wirtschaftliche und dann gesellschaftliche Verheerung ganzer Landstriche. Am Ende war das ein nicht unwesentlicher Faktor in der Entwicklung, die zur Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, zum Aufstieg radikaler Kräfte und zur Wahl Donald Trumps führen sollte.

„Meine Sorge ist“, sagt Sander Tordoir, „dass es möglicherweise in Deutschland zu ähnlichen Entwicklungen kommen könnte, auch wenn es über eine stärkere soziale Absicherung verfügt.“

Wie bitte? Deindustrialisierung, Verarmung ganzer Regionen, Aufstieg der Radikalen und schließlich Machtübernahme durch die extreme Rechte? „Nicht auszuschließen“, sagt Tordoir. „Wenn Deutschland nicht handelt.“

Um Deutschland hatte der erste China-Schock noch einen großen Bogen gemacht. Für den einstigen Exportweltmeister, der sich als Innovations- und Technologiemacht verstand, war dieses aufsteigende China mit seinem Hunger nach deutschen Maschinen, deutschen Autos und deutscher Technologie lange Verheißung, nicht Bedrohung. Die deutschen Konzerne verdienten prächtig.

Heute leidet Deutschlands Industrie. Und natürlich mangelt es nicht an hausgemachten Problemen, so lasten etwa hohe Energiepreise und eine überbordende Bürokratie auf der heimischen Industrie. Der rasante Verlust von Exporten, Produktionsstätten und Arbeitsplätzen aber liegt in der Hauptsache eben nicht an der EU-Beamtenschaft, auch nicht an der vom Kanzler gern unterstellten Vernarrtheit seiner Landsleute in die „Work-Life-Balance“ und nur zu einem geringen Teil an Trumps Zöllen.

Hauptschuldiger, darin sind die Experten sich einig, ist vielmehr der beispiellose Ansturm der vom eigenen Staat entfesselten und gedopten Exportmaschine China auf die Märkte Europas und all die anderen Märkte, in denen das Exportland Deutschland bislang noch heimisch ist.

Chinas Offensive zielt ins Herz der deutschen Industrie. Bislang haben es allein die Einbrüche der deutschen Autoindustrie ins öffentliche Bewusstsein geschafft. Es steht aber gerade so viel mehr auf dem Spiel. Anders als vor drei Jahrzehnten geht es heute nicht mehr um Möbel und nicht um T-Shirts und nicht um billige Waschmaschinen, es geht vielmehr um Robotik, Luftfahrt, Biotech, Chemie, Halbleiter, Batterien und Windturbinen und überhaupt die grünen Technologien der Energiewende. Es geht um die Zukunft.

400 000 Arbeitsplätze in der Industrie hat Deutschland in den Jahren zwischen 2019 und 2025 allein wegen China verloren. Sagt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Mehr als die Hälfte der europäischen Industrieproduktion sei mittelfristig gefährdet durch die „chinesische Dampfwalze“, in Deutschland seien es gar 70 Prozent. Sagt ein im Februar veröffentlichter Bericht der staatlichen französischen Generalplanungskommission.


Der China-Schock 2.0 ist da. Und diesmal sind wir dran.

„Von allen Gründen für Deutschlands Malaise ist der China-Schock der wichtigste“, sagt Sander Tordoir. „Und gleichzeitig ist es der, mit dem sich Berlin lange Zeit am wenigsten auseinandersetzen wollte.“

Der Frust darüber ist groß bei vielen. Deutschlands Politikspitze vor Chinas staatlich gesteuertem Wirtschaftshandeln zu warnen, sagte im Frühjahr ein altgedienter China-Experte in Berlin [dem Medium], der anonym bleiben möchte, das sei ein wenig „als ob man versucht, Demenzkranken das Schachspielen beizubringen“.

Wie viel Zeit hat Deutschland noch? „Ich gebe euch noch bis September“, sagt Tordoirs Co-Autor Brad Setser. „Spätestens dann müsst ihr handeln.“

Ein paar Wochen später wird [anderes Medium] vermelden, der Bundeskanzler persönlich habe sich den Bericht der Herren Setser und Tordoir auf den Schreibtisch legen lassen.


Schwanau: Wo ein Firmenpatriarch die Gelbe Karte kriegt und sich in Rage redet

Dafür, dass es um alles geht, gibt es noch immer erstaunlich viele Leute, vor allem aus der Industrie, die lieber den Mund halten. Interviewanfragen bleiben unbeantwortet, in die Gespräche selbst wird oft der Hinweis eingeflochten: „Das aber bitte nicht schreiben!“

Und dann wieder trifft man Leute, die setzen sich hin, packen ihre Mini-Toblerone aus, und sagen noch vor dem ersten Bissen: „Die Chinesen wollen uns an die Wand spielen.“ Geht wahrscheinlich einfacher, wenn man 84 Jahre alt ist und vor klaren Worten keine Angst mehr haben muss. Martin Herrenknecht also.

Herrenknecht sitzt an einem langen Besprechungstisch in Schwanau im Südschwarzwald. Hellblaues Hemd, darüber eine dunkelblaue Steppweste mit Firmenlogo, fester Händedruck. Fragt man Martin Herrenknecht, ob er China noch für einen Partner hält, fällt die Antwort knapp und kühl aus: „Unter partnerschaftlich verstehe ich etwas anderes.“

Herrenknechts Unternehmen baut Tunnelvortriebsmaschinen, Kolosse aus Stahl, die sich durch Berge und unter Meere hindurchfressen. Die Firma – knapp 5500 Mitarbeiter, rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz – ist einer dieser Markt- und Technologieführer, wie man sie im deutschen Südwesten in hoher Dichte findet. Es gibt dort den Schrauben-Würth, den Dübel-Fischer. Im Fall von Herrenknecht muss man hinter das „einer der weltweit führenden Hersteller“ wohl ein „noch“ stellen. Der Firmenchef selbst sagt: „Ich bin der letzte Mohikaner.“

Die großen europäischen und amerikanischen Wettbewerber – Lovat, Robbins, NFM, Wirth und wie sie alle heißen – seien inzwischen alle von chinesischen Konzernen übernommen worden. Auch ihn hätten die Chinesen kaufen wollen. Zwei Milliarden Euro hätten sie geboten, sagt Herrenknecht. Er lehnte ab.

Martin Herrenknecht verkörpert jenen unbeirrbaren Patriarchen, der in der deutschen Wirtschaft selten geworden ist. Im Gespräch rutscht ihm hin und wieder ein „Scheiße“ heraus. In einem Porträt über ihn wurde er mal beschrieben als „kraftstrotzend, kantig, stur, und wenn es sein muss, brachial“. Man könnte auch sagen: Ein Mann wie seine Maschinen.

Bis zu 6000 Tonnen schwer, 7000 PS stark, graben sie U-Bahn-Röhren, Abwasser- und Gasleitungen, Straßen- und Eisenbahntunnel. Sie haben den Bosporus 106 Meter unterm Wasserspiegel unterquert und den längsten Eisenbahntunnel der Welt durch den Gotthard getrieben. Für den Brenner-Basistunnel fressen sie sich gerade kilometerweit durchs Alpenmassiv.

Martin Herrenknecht, der seine Firma vor gut 50 Jahren in einer Mietwohnung in Lahr gründete und heute, mit 84 Jahren, noch immer an deren Spitze steht, wirkt so unerschütterlich wie seine PS-Monster unter Tage. Doch wenn es um China geht, klingt er auf einmal verletzlich. „Der China-Schock ist real“, sagt er, „und er trifft die deutsche Industrie mit voller Wucht.“ Nach den Autobauern, glaubt Herrenknecht, sei nun der Maschinenbau dran.

Auch hier gilt: China kann längst nicht mehr nur billig. Chinesische Firmen haben aufgeholt in den vergangenen Jahren. Profitieren von mittlerweile gewaltigen Investitionen in Bildung und Forschung, von zunehmender Innovation. Aber in China kommt mehr dazu: der Masterplan eines kommunistischen Staates, der von Fünfjahresplan zu Fünfjahresplan immer neue Schlüsseltechnologien identifiziert, die es zu erobern gilt.

Chinesische Firmen, die sich in solchen Zukunftsfeldern engagieren, werden vom Staat unterstützt. Sie erhalten direkte Subventionen, von Staatsbanken verbilligte Kredite, bekommen Bauland weit unter Wert zur Verfügung gestellt, manchmal gar geschenkt. Ein zentrales Instrument: Der Staat hält die chinesische Währung, den Renminbi, mit Absicht stark unterbewertet. Eine vergangene Woche erst erschienene Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft schätzt die Unterbewertung auf 20 bis 30 Prozent.

Die Motive der KP Chinas gehen dabei längst über Wohlstandsgewinn und Modernisierung der heimischen Wirtschaft hinaus. Die Partei- und Staatsführung möchte die eigene Wirtschaft unabhängig machen vom Ausland – und andere Länder möglichst abhängig machen von China. Dann nämlich bekomme man „mächtige Hebel“ und „Abschreckungsmöglichkeiten“ gegenüber „Ausländern“, wird Parteichef Xi Jinping in einem internen Papier 2020 zitiert.

Und so können chinesische Firmen ihre Waren unschlagbar billig anbieten und ihre europäischen Konkurrenten oft um bis zu 40 Prozent unterbieten. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wuchsen Chinas Exporte um mehr als 15 Prozent. Deutsche Ausfuhren hingegen brechen rasant ein. Eine „wahre Implosion“ etwa stellte das IW fest für die Ausfuhren von deutschen Autos und Autoteilen, die 2025 innerhalb von nur zwölf Monaten um ein Drittel abstürzten.

Während des Gesprächs haut Herrenknecht immer wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, kneift die Augen zusammen, und ruft: „Das ist hirnverrückt.“ Hirnverrückt findet er zum Beispiel den Exportstopp, den China für zwei seiner Maschinen verhängt hat. Auch Herrenknecht ist seit mehr als 20 Jahren in China aktiv. Bereit zur Auslieferung standen die beiden Maschinen in Herrenknechts Werk im südchinesischen Nansha, bestimmt für einen Kunden in Indien. Verkaufswert: 70 Millionen Euro. 17 Monate lang verweigerten die Behörden die Ausfuhrgenehmigung. „Ohne Begründung“, sagt Herrenknecht. Solange die Maschinen nicht ausgeliefert werden durften, floss kein Geld. „Wenn uns das vor zehn Jahren passiert wäre, wären wir pleite gewesen.“

Kurz darauf dann, überraschend und ohne Erklärung, die Freigabe. Herrenknecht spricht von einer „Gelben Karte“ – einem Warnsignal aus China. Und er zieht Konsequenzen. Künftig will er seine Maschinen, etwa für Japan, Taiwan und Indien, seltener in China fertigen lassen und häufiger in seinem Werk in Indien. Das politische Risiko sei zu groß. Derzeit beschäftigt das Unternehmen noch rund 950 Mitarbeiter in der Volksrepublik, bald sollen es deutlich weniger sein. „Herrenknecht“, sagt Herrenknecht, „wartet nicht unvorbereitet, bis die Rote Karte kommt.“

Peking ausgeliefert sein. Auch andere deutsche Firmen haben solche Erfahrungen gemacht, aber kaum einer spricht öffentlich darüber. Aus demselben Grund, der die Debatte über den China-Schock bis heute lähmt: „Alle haben Angst vor Vergeltung“, sagt ein Industrie-Insider.

Die Herrenknecht AG zählte einst selbst zu den Profiteuren des Geschäfts in China. Die ersten Kontakte reichen zurück in die 1980er-Jahre, 2001 grub sich die erste Tunnelvortriebsmaschine made in Schwanau durch chinesischen Boden, als in Peking eine U-Bahn gebaut wurde. 2005 eröffnete der erste Standort in Guangzhou im Süden des Landes, vier weitere folgten. Die Geschäfte liefen glänzend. China baute U-Bahn-Röhren, Gas- und Abwasserleitungen – und brauchte dafür Herrenknechts Maschinen. Zeitweise machte das China-Geschäft ein Viertel des Konzernumsatzes aus, rund 300 Millionen Euro. Wie viele westliche Firmen profitierte auch Herrenknecht von niedrigen Löhnen, günstigen Stahl- und Energiepreisen – und von einem gigantischen Absatzmarkt.

Doch vor rund zehn Jahren, erzählt der Chef, hätten chinesische Staatskonzerne begonnen, seine Maschinen zu kopieren. Seit etwa drei Jahren habe sich die Lage dramatisch verschärft. „Wenn du eine Neuentwicklung angeboten hast, hattest du einen Tag später Prospekte von den Chinesen, die das auch machen.“ Daraufhin stoppte Herrenknecht neue Entwicklungen im Joint Venture und verweigerte die Herausgabe sensibler Zeichnungen und Kalkulationen. Heute liegt der Umsatz in China nur noch bei rund 60 Millionen Euro – ein Fünftel des früheren Geschäfts.

Wie sehr der China-Schock die deutsche Industrie erschüttert, das lässt sich am besten in einem Maschinenraum besichtigen. Dafür geht man über das riesige Werksgelände und betritt, ausgestattet mit Sicherheitsschuhen, Bauhelm und Warnweste, Werkshalle 1. In der Luft liegt der Geruch von gebranntem Stahl. Unten eilen Arbeiter in grünen Latzhosen und gelben Helmen durch die Halle. Sie schweißen, löten, montieren.

In der Mitte der Halle liegt ein gewaltiges Schneidrad, das Herzstück einer Tunnelbohrmaschine. Bis zu 17 Meter Durchmesser kann es haben – so hoch wie ein Turm aus zehn Menschen. Für jeden Tunnel wird ein eigenes Schneidrad gefertigt, jeder Bohrkopf ist ein Unikat, angepasst an die jeweilige Gesteins- und Bodenbeschaffenheit des Einsatzortes. Rund ein Jahr bauen sie hier an einer Maschine.

Draußen vor der Halle stehen einige fertige Exemplare zur Endabnahme. Maschinen, so groß wie Schiffe, mehrere Hundert Meter lang, vollgestopft mit Rohren, Hydraulik, Elektronik. Eine wird verschifft nach Montreal, eine nach Texas, eine geht nach Lyon. Exportanteil: 90 Prozent. Es sind Meisterwerke der Ingenieurskunst, von der man lange dachte, dass niemand sie so gut beherrscht wie die Deutschen. Bis chinesische Hersteller begannen, ähnlich leistungsfähige Maschinen anzubieten – zu deutlich niedrigeren Preisen. Herrenknecht sagt: „Wir haben einen signifikanten Marktanteil an chinesische Lieferanten verloren.“

Zurück am Tisch berichtet der Chef von Angeboten, bei denen chinesische Konkurrenten nicht nur Dumpingpreise verlangten, sondern auch die Maschinen kostenlos anlieferten. Dabei koste allein der Transport einer kleineren Maschine per Schiff mehrere Millionen Euro. Wieder dieses Wort: „hirnverrückt“.

Dass die Flut chinesischer Waren nach Europa und Deutschland zuletzt so rasant angeschwollen ist, hat noch einen anderen Grund: Chinas Binnenmarkt kränkelt, es gibt kaum Nachfrage zu Hause, und gleichzeitig haben Trumps Zölle und Schutzmaßnahmen für China große Teile des amerikanischen Marktes verschlossen. Also versucht das Land nun mit allen Mitteln, seine gewaltigen Überkapazitäten in den Rest der Welt zu lenken – und der attraktivste Markt ist das reiche Europa.

Herrenknecht ist schon lange der Meinung, die Europäer seien zu naiv im Umgang mit China. Maßlos geärgert hat er sich über den im Gefolge der Covid-Pandemie aufgelegten EU-Wiederaufbaufonds, bei dem 192 Milliarden Euro an Italien gingen, Deutschland bezahlte mehr als 70 Milliarden davon. „Italien hat von diesem Geld dann für 2,5 Milliarden Euro Tunnelbohrmaschinen in China bestellt, die zu Billigpreisen liefern“, sagt Herrenknecht.

Seine Forderung: Europa müsse sich schützen, mit Zöllen, aber auch mit klaren Vorgaben, dass bei EU-finanzierten Projekten europäische Anbieter zum Zuge kommen. Für ihn betreiben die Chinesen staatlich abgesichertes Dumping. Und Europa wirft ihnen dafür noch Geld hinterher.

Man ahnt, wie er das findet: „Hirnverrückt.“


Berlin: Wo ein Lobbyist und eine Forscherin die Freiheit lieben und finden, wir müssen sie uns was kosten lassen

Einer, der schon nach Minuten antwortet auf die Bitte nach einem Gespräch, ist Friedolin Strack, Bereichsleiter Internationales beim Bund der Deutschen Industrie (BDI) und Sachverständiger in der im November 2025 erst vom Bundestag ins Leben gerufenen „Kommission zur Überprüfung der sicherheitsrelevanten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China“. Groß, schlank, durchtrainiert. Beim Spurt in sein Büro, der von der Kantine durch die Katakomben des Hauses der Deutschen Wirtschaft in Berlin-Mitte führt, schwärmt er vom Skifahren, Klettern, Radeln.

China treibt ihn um, seit vielen Jahren. Den Weg steil bergab von der Euphorie zur Desillusionierung ist er selbst gegangen. „17 Jahre lang habe ich dafür gearbeitet, dass wir wirtschaftlich mit China enger kooperieren“, sagt Strack. Wenige Jahre aber nachdem in Peking Xi Jinping an die Macht gekommen war, veränderte sich das Land fundamental: Xi brachte Repression und Ideologie in lange nicht mehr gesehenem Ausmaß zurück, machte China wieder zu einem totalitären Staat und ordnete bald auch die Wirtschaftsentwicklung geopolitischen Zielen der Kommunistischen Partei unter.

Man hat der deutschen Industrie in der Vergangenheit oft vorgeworfen, sie kusche vor China. Es sei „frappierend“, dass es deutschen Industrieverbänden wie dem BDI nicht gelinge, eine gemeinsame Haltung zu wichtigen europäischen China-Initiativen zu formulieren, sagt der Ökonom Sander Tordoir. Die Verbände seien tief gespalten: Auf der einen Seite stünden einige große multinationale Unternehmen, die Angst hätten, Peking zu verprellen. „Auf der anderen Seite stehen viele Industrieunternehmen und Mittelständler, die den Wettbewerbsdruck aus China längst schmerzlich spüren und sich Schutzmaßnahmen wünschen.“

Im Januar 2019 aber tat der BDI etwas Mutiges und veröffentlichte auch auf Initiative von Friedolin Strack ein aufsehenerregendes China-Papier, in dem der Verband China zum ersten Mal nicht mehr nur als Partner bezeichnete, sondern als „systemischen Wettbewerber“, bemerkenswerterweise zwei Monate bevor die EU-Kommission das tat.

Das war eine Ansage. Die aber, wie andere Ansagen später, kaum Folgen hatte. An China-Papieren aus Brüssel, aus Paris, aus Berlin, ist seither kein Mangel. Taten aber, die den jeweils kräftigen Worten folgen? Fehlanzeige.

De-Risking zum Beispiel. Also die geplante Befreiung aus der Abhängigkeit von autoritären Staaten, die uns bei Gelegenheit erpressen können. Das Unterfangen wurde nach dem Beginn des Ukrainekrieges von der deutschen und europäischen Politik mit großen Fanfaren verkündet. Passiert ist das Gegenteil: Egal ob kritische Rohstoffe, Batterien, Lieferketten – Deutschland ist heute in einigen Feldern abhängiger von China als vor dem Ukrainekrieg. Und Chinas Exportoffensive vergrößert die Abhängigkeiten.

Friedolin Strack gehört zu denen, die zum Handeln drängen, jetzt. Er verweist auf die Vorbilder Japan und Australien, die auf dem Weg zu De-Risking viel weiter seien als wir. Von den beiden Ländern könnte Deutschland einiges lernen, findet er. Erstens das schnelle und konsequente Handeln. Und dann das Einschwören der Gesellschaft auf eine einfache Erkenntnis: „Es wird uns erst einmal kosten, aber Nichtstun kostet mehr!“

Weil China zurückschlagen kann, indem es Firmen jener Länder, die es wagen, sich resilienter aufzustellen, auf die schwarze Liste setzt, ihnen Genehmigungen entzieht, Lieferungen verweigert. Wie im Falle des Streits um die Eigentümerstruktur des niederländischen Chip-Herstellers Nexperia, als Peking im Oktober 2025 über Nacht einen Exportstopp verhängte für Chips, auf die die Automobilindustrie angewiesen ist. Wochenlang war nicht klar, ob in deutschen Autofabriken bald die Bänder stillstehen würden, der Chef der Berliner China-Denkfabrik Merics sprach danach von einer „Nahtoderfahrung“ für die Industrie.

Vor allem aber, sagt Strack: Die Regierung könne das Handeln nicht allein auf die Unternehmen abschieben. Wenn China nun mal die mit Abstand billigsten Teile liefert, werden im Wettbewerb stehende Unternehmen immer chinesisch einkaufen. Egal ob es um Wirtschaftssicherheit gehe oder um den Schutz von kritischer Infrastruktur: „Wir stehen erst am Anfang einer dringend notwendigen industriepolitischen Diskussion. Es geht um die Neujustierung des Verhältnisses von Staat und Markt, um eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Unternehmen“, sagt Strack.

Wenn man Friedolin Strack fragt, was eigentlich auf dem Spiel steht, jetzt, und hier, in diesem Ringen, dann stürzt er sich mit Leidenschaft in ein Referat über die Geschichte der Aufklärung, die Rechte des Individuums und die liberalen Freiheiten. Er sei, sagt er, noch immer fest davon überzeugt, dass wir in Europa mit Demokratie und Marktwirtschaft das bessere System hätten. Ob es am Ende aber auch im Wettbewerb bestehen wird? Strack wird nachdenklich. Die Selbstverständlichkeit sei ihm in den vergangenen Jahren abhandengekommen: „Welches System am Ende die Oberhand hat, das steht noch nicht in den Geschichtsbüchern, das ist offen.“

Es geht also, noch einmal, um alles. So sieht das auch Janka Oertel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) in Berlin, eine von Deutschlands renommiertesten China-Forscherinnen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Demokratie, Freiheit, die Werte unseres Grundgesetzes gut sind für uns alle. Auch für die nächste Generation“, sagt Janka Oertel. „Und ich glaube, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.“

Ein Café in Kreuzberg, Oertel ist mit ihrem Hund gekommen. Sie findet, man dürfe dafür gerne mal zu Ende denken, was fortgesetztes Nichtstun für Deutschland bedeuten würde: wirtschaftliche Verwerfungen, die die AfD an die Macht spülen; eine von China dominierte globale Wirtschaftsordnung. „Zu glauben, alles würde so bleiben, wie es ist, ist Träumerei.“

Manchmal höre sie, sagt Oertel, wir müssten „mehr sein wie China“. China gebe für den Sozialstaat zum Beispiel zwei Drittel weniger aus als Deutschland. „Damit kann man sich deutlich mehr Industriepolitik leisten, aber der Preis ist hoch.“ Arbeitsrecht, Acht-Stunden-Tag, Gleichberechtigung, Privatsphäre, Gedankenfreiheit? Oertel sagt, für sie seien das zentrale Errungenschaften unserer Gesellschaft, kein „nice to have“.

Vielleicht, meint sie, sei der Druck einfach noch nicht spürbar genug. Vielleicht brauche es erst eine Situation, in der in Deutschland tatsächlich die Fabriken stillstehen wegen China, ein paar Tage, ein paar Wochen lang. Damit die Menschen den Zusammenhang sehen. „Und du als Politiker dann das Mandat hast, die Dinge zu tun, die präventiv keiner tun will. Weil sie Kosten mit sich bringen.“

Könnte es dann schon zu spät sein? Ach, sagt Oertel, was heiße das schon: zu spät? Macht und Wirtschaftskraft haben sich in der Geschichte immer wieder verschoben. „Aber wenn wir jetzt nicht umsteuern“, schiebt sie nach, „wird es unfassbar hart für alle, die erst am Anfang ihres Berufslebens stehen, Wohlstand und Freiheit zu bewahren.“


Berlin: Wo die einen Mao lesen und die anderen auf der Bremse stehen

Wieso tut sich die deutsche Politik da so schwer? In fast allen politischen Lagern gibt es längst Menschen, die einen klaren Blick auf China und die KP haben.

Johannes Volkmann von der CDU zum Beispiel. 29 Jahre alt ist er, im Regal seines Abgeordnetenbüros stehen eine Mao-Trilogie und ein Werk von Xi Jinping, auf Chinesisch. Volkmann spricht die Sprache. Er hat China Studies studiert, auch in Peking.

Über Chinas Führung sagt Volkmann bei einem Gespräch im Mai, diese handle „eben nicht aus rein marktwirtschaftlichen Überzeugungen, sondern aus geopolitischen Überlegungen“. Sie wolle chinesische militärische Macht geoökonomisch absichern: „Auch, um sich damit Handlungsfreiheit zu verschaffen – in Handelskonflikten mit den USA und Europa, aber auch in der Taiwan-Frage.“

Und über Deutschlands China-Politik sagt er, sie sei „jahrelang viel zu naiv“ gewesen. Leider habe sie sich lange „darauf beschränkt, After-Sales-Management weniger großer Industriezweige zu sein“. Also bloßer Dienstleister fürs China-Geschäft. Volkmann verkneift sich jede Kritik an seinem Parteifreund und Kanzler, aber man merkt ihm die Ungeduld an. Er stimme „ausdrücklich“ mit den Experten überein, die sagen, man müsse Entscheidungen fällen bis spätestens zum Herbst: „Mit Blick auf politische Abläufe heißt das: Wir müssen jetzt handeln.“

Von den Abgeordnetenbüros in der Wilhelmstraße ist das Reichstagsgebäude nur einen Steinwurf entfernt. Es ist mittlerweile Mitte Juni. Anton Hofreiter, Grüner, Freund klarer Worte, lädt in die Bundestagskantine. Hofreiter ist Vorsitzender des Europaausschusses, seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges sehr engagiert in Sachen Ukraine und sagt, tatsächlich habe er darüber zum Thema China gefunden. „Unsere gefühlte Abhängigkeit und Erpressbarkeit durch China ist schon jetzt so groß“, sagt Hofreiter, „dass keiner sich traut, sich hinzustellen und deutlich zu sagen, dass Russland seinen verbrecherischen Krieg längst hätte einstellen müssen ohne die Unterstützung durch China.“

Ein paar Mal unterbricht ein lautes Tröten aus den Lautsprechern in der Kantine das Gespräch, und Hofreiter springt auf, um in den Saal zu eilen und seine Stimme abzugeben: Es geht um den Bundeswehreinsatz in Kosovo, der verlängert werden soll.

Dann kommt er zurückgeeilt. „Unseren freien Markt offenzuhalten für einen Akteur wie China, der alles, was wir an Marktwirtschaft haben, ausbeutet und dann wegwirft, das ist unverantwortlich und naiv“, sagt Hofreiter. Er zeigt mit dem Finger auch auf die großen deutschen Konzerne wie VW, BMW, Mercedes und BASF, die um ihre Geschäfte in China fürchteten und deshalb seit Jahren in Berlin erfolgreich gegen alle Schutzmaßnahmen lobbyierten, die Peking verärgern und ihre Geschäfte stören könnten. „Ausgerechnet die finden Gehör“, sagt Hofreiter. „Und sie sind bereit, für ihre kurzfristigen Interessen einfach den kompletten Rest der deutschen Industrie zu opfern.“

Das sei nicht nur „komplett irre“, findet Hofreiter, die Unternehmen agierten wie „Trojanische Pferde Chinas“ und „verraten die Interessen unseres Landes“. Und ja, das dürfe man gerne genau so schreiben. Seine Botschaft: Brüssel stünde bereit, sagt er, die Nachbarstaaten stünden bereit. „Bislang ist es Deutschland, das alle Maßnahmen blockiert und sabotiert.“

Da steckt auch eine gute Nachricht drin: Wenn alles steht und fällt mit Deutschland, dann könnte es eigentlich losgehen, sobald Deutschland sich einen Ruck gibt. „Alle Chancen sind da.“

Und? Kommt der Ruck?

Ein erstes Zucken immerhin war zu beobachten, vergangene Woche, am Rande des G-7-Gipfels in Évian, als Friedrich Merz erstmals öffentlich den unterbewerteten Renminbi zum Thema machte, ihn einen „massiven Wettbewerbsnachteil“ nannte.

Vorschläge für Schutzmaßnahmen, die es bräuchte, sind lange auf dem Tisch: etwa Importquoten, Schutzzölle oder Buy-European-Vorgaben, die Schluss machen mit dem Abfluss europäischer Steuergelder in chinesische Dumping-Produktion.

Einen Tag nach dem G-7-Gipfel trafen sich die EU-Führer, um über China zu beraten. Das Bemühen, Peking bloß nicht offen zu verärgern, ist weiter spürbar, das Wort „China“ kommt in der Abschlusserklärung nicht vor. Und doch berichten Insider, erstmals habe es hinter geschlossenen Türen einen fast einhelligen Konsens gegeben über das Ausmaß des Problems und die Notwendigkeit zu handeln. Entscheidungen über konkrete Maßnahmen gab es keine – aber die EU-Kommission um Ursula von der Leyen erhielt offenbar ein Mandat, erstmals weiter reichende Lösungen zu erarbeiten als bisher.

Bewegung gibt es also jetzt. Kanzler Merz legte am Mittwoch im Bundestag noch einmal nach, sagte über Chinas Praktiken, das sei „kein fairer Wettbewerb mehr“. Klarheit darüber, wie sich Europa dagegen zur Wehr setzen will, gibt es wohl frühestens im September. Derweil wächst das Handelsdefizit der EU mit China um eine Milliarde Euro am Tag.

Anfang dieser Woche meldet sich noch einmal BDI-Mann Friedolin Strack, telefonisch, vom Tag der deutschen Industrie. Vielleicht liege das Zögern daran, sagt Strack, dass uns in Deutschland das Wasser „erst bis zu den Knien“ stehe. Vielleicht müsse man einfach noch einmal vier, fünf, sechs Monate warten, während das Wasser um uns herum weiter steigt. „Kaltes Wasser beginnt ja erst dann, richtig wehzutun, wenn es hüfthoch ist“, sagt Strack. „Und das kommt.“


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