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Batteriepower fürs Brachland

von Friederike Hofmann
Handelsblatt vom 15.05.2026

Inhalt: Der Artikel erläutert die politischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen, die den Aufbau eines neuen Batterieclusters im französischen Dunkerque begünstigten. Einst bekannt für die Schwerindustrie, ermöglichten eine entschlossene und schnell umgesetzte politische Leitlinie, das Vorhandensein von günstigem CO2-armem Strom und Beschäftigte mit Industrieerfahrung den im Niedergang begriffenen Ort zu einem Musterprojekt für eine reindustrialisierte und dekarbonisierte europäische Zukunftsvision zu machen. Ziel sei es, möglichst viele Schritte der Batterieindustrie (Materialien, Zellfertigung, Recycling) an einem Ort zu bündeln und durch eine vielfältige Unternehmensstruktur Investitionsrisiken zu diversifizieren.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Batteriepower fürs Brachland

Im Norden Frankreichs entsteht ein großes Batterie-Cluster. Hier entscheidet sich, ob Europa gegenüber China industrielle Stärke zurückgewinnen kann. Was kann Deutschland daraus lernen?

Das französische Dunkerque (Dünkirchen) stand lange für den Niedergang der Schwerindustrie. Nun ist die Stadt an der Nordseeküste eines der spannendsten Zukunftsprojekte Europas. Wo früher Fabriken schlossen, entwickelt sich ein Batterie-Cluster mit Gigafactories, Zulieferern und Recyclingfirmen – eingebettet in ein groß angelegtes Programm zur dekarbonisierten Industrie.

In den kommenden zehn Jahren sollen im Großraum bis zu 40 Milliarden Euro investiert und mehr als 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, davon 5000 im Batteriesektor.

Der Aufbruch ist spürbar: Während in Frankreich die Firmenpleiten steigen, zieht Dünkirchen neue Unternehmen an und schafft Jobs. Für Präsident Emmanuel Macron ist die Stadt ein Musterprojekt dafür, wie Europa im Wettbewerb mit China industriell bestehen kann: „Genau das wollen wir erreichen: reindustrialisieren und gleichzeitig dekarbonisieren“, sagte er bei einem Besuch im Februar.

Und während in Deutschland über Energiepreise, Bürokratie und fehlende Industrieflächen gestritten wird, zeigt Dünkirchen, wie schnell neue Industrie entstehen kann.


1. Tempo, Tempo, Tempo

In der riesigen Fabrik von Verkor laufen die Maschinen. Hinter Glas stapeln Roboter Elektroden und Trennfolien – mehr als 60 Mal. So entsteht das Herzstück der Batteriezelle – überwacht von Betriebsleiter Laurent Debrue: „Das ist eigentlich wie ein Sandwich, was wir hier machen“, sagt er. Sekundenschnell packt eine weitere Maschine das Batteriesandwich wie ein Geschenk ein, bevor es abtransportiert wird.

15 Kilometer vom Zentrum Dünkirchens entfernt produziert Verkor Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos. Eine Linie läuft, drei weitere sollen folgen. Renault, zugleich einer der Investoren, hat sich drei Viertel der geplanten Kapazität von 16 Gigawattstunden gesichert. Im Herbst soll die Serienfertigung für den Sportwagen Alpine beginnen. Weitere Modelle sollen folgen.

Dass Verkor in Dünkirchen baute, war kein Zufall. Das Unternehmen prüfte mehr als 40 Standorte. Ausschlaggebend waren nicht nur der Hafen, die Verkehrsanbindung, die Nähe zu Belgien oder die verfügbare Energie. Entscheidend war das Tempo. „Wir haben ein erschlossenes Gelände vorgefunden, auch der Netzanschluss war bereits vorbereitet“, sagt Mitgründer Philippe Chain.

Möglich wurde das durch einen ungewöhnlich klaren politischen Schulterschluss. Gemeinsam mit dem Hafen, der in öffentlicher Hand ist und auf dessen Gebiet die Flächen liegen, wurden Bauplätze und Infrastruktur vorbereitet, obwohl nicht klar war, ob und welche Unternehmen kommen.

Gleichzeitig gelang es, die Dauer der Genehmigungsverfahren massiv zu verkürzen. „Statt ein Projekt in sechs bis sieben Jahren umzusetzen, schaffen wir es in drei“, sagt Rafaël Ponce vom Gemeindeverband „Communauté urbaine“.

Alle öffentlichen Akteure haben auf Projektmodus umgestellt. Die Behörden arbeiten nun nicht mehr nacheinander, sondern parallel. Das schafft klare Rahmenbedingungen für die Unternehmen. „Industrielle Zyklen sind lang“, sagt Ponce. „Wenn man ständig die Ziele ändert, funktioniert das nicht.“


2. Als Cluster denken

Verkor nach Dünkirchen zu holen, war für die Region ein Schlüssel. „Wir wussten, wenn wir einen großen Player gewinnen, dann kommt der Rest von selbst“, sagt Ponce vom Gemeindeverband. Die Rechnung geht auf. Vor Ort entsteht gerade ein industrielles Netzwerk aus weiteren Batterieherstellern, Materialverarbeitern und Recyclingfirmen.

Weniger als einen Kilometer von Verkor entfernt hat das taiwanische Unternehmen Prologium im Februar den Grundstein für seine Gigafactory für Feststoffbatterien gelegt – wenn auch mit zwei Jahren Verspätung. Das Gemeinschaftsunternehmen Neo MAT des französischen Atomkonzerns Orano und der chinesischen XTC kündigte an, ab 2028 in Dünkirchen Kathodenmaterialien für Batterien zu produzieren.

Die Strategie: Möglichst viele Schritte der Batterieindustrie an einem Ort zu bündeln – von Materialien über Zellfertigung bis zum Recycling. Für Verkor-Mitgründer Philippe Chain ist das eine Frage strategischer Souveränität: „Heute kommt noch ein großer Teil unserer Rohstoffe von außerhalb Europas, insbesondere aus Asien“, sagt er. Zugleich lassen sich große Teile der in Batterien enthaltenen Rohstoffe recyceln. Mehr Recycling und Materialverarbeitung in Europa könnten die Abhängigkeit von Importen senken.

Hinzu kommt: Dünkirchen ist Teil des sogenannten „Battery Valley“ im Norden Frankreichs. Entlang des mehr als 100 Kilometer langen Industriekorridors produzieren oder investieren auch ACC – ein Gemeinschaftsunternehmen von Stellantis, Total Energies, Mercedes-Benz und Saft – sowie AESC Envision, ein Zulieferer von Renault.


3. Ohne Fachkräfte kein Aufschwung

In Verkors Gigafactory arbeiten bisher rund 600 Menschen, weitere 600 sollen folgen. Für die Standortwahl war entscheidend, dass sich genügend Beschäftigte mit Industrieerfahrung finden lassen. Dünkirchen brachte dafür einen Vorteil mit: seine industrielle Tradition – mit Stahl, Raffinerien und Schwerindustrie.

Die neuen Jobs unterscheiden sich grundlegend von den alten. Statt klassischer Montage geht es um automatisierte Prozesse, Qualitätskontrolle und spezialisierte Anlagenführung.

Um das nötige Know-how für die Zellfertigung aufzubauen, warb Verkor anfangs gezielt Fachkräfte aus Asien an. In Europa gab es diese Erfahrung kaum. Alle Hinweisschilder in der Fabrik sind auch auf Koreanisch.

Bei der Region Hauts-de-France, in der Dünkirchen liegt, sah man das nicht als Problem, sondern als Chance. „Uns war klar: Wenn wir keine Batteriefabriken bekommen, steuern wir zwangsläufig auf eine Katastrophe zu“, sagt Yann Pitollet, Chef der regionalen Wirtschaftsförderagentur Nord France Invest. In den großen Werken von Renault und Stellantis für Verbrennerfahrzeuge in der Region standen viele Arbeitsplätze unter Druck.

Gezielt haben sich die Akteure daher bemüht, Batteriehersteller anzulocken. Die Region organisierte die Qualifizierung dafür systematisch: Rund 40 Bildungsorganisationen wurden mit Batterieunternehmen zusammengebracht, auch landesweit entstand mit der „École de la Batterie“ eine neue Ausbildungsstruktur.

Die Arbeitslosenquote sank binnen zehn Jahren von zwölf auf acht Prozent, die Innenstadt hat wenig Leerstand, und nach Jahren der Abwanderung kommen wieder neue Bewohner in die Stadt. „Es tut sich ganz viel“, sagt Malik, der in der Innenstadt als Rezeptionist arbeitet und in Dünkirchen aufgewachsen ist.

Doch der neue Aufschwung erzeugt auch Druck. Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen. In der Nähe des kilometerlangen Strandes etwa entsteht ein neues Wohnviertel, in der ganzen Stadt recken sich Kräne in den Himmel. Der Gemeindeverband schätzt, dass 14.000 zusätzliche Wohnungen benötigt werden. Und der Bedarf dürfte weiterwachsen: Arcelor-Mittal plant in Dünkirchen für seine Stahlproduktion einen Elektrolichtbogenofen. Für den Ausbau des nahe gelegenen Kernkraftwerks Gravelines werden zudem Tausende zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht.


4. Strom wird zum Standortvorteil

Für die energieintensive Batterieindustrie ist vor allem der Zugang zu verlässlichem und CO2-armem Strom ein zentraler Standortfaktor. Dünkirchen kann genau damit punkten. Im nahe gelegenen Gravelines ist geplant, die nukleare Stromerzeugung mit zwei weiteren Reaktoren auszubauen, vor der Küste entsteht ein Windpark.

Frankreich nutzt Energie zunehmend als strategischen Hebel, um Dekarbonisierung, Batteriefertigung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit an einem Ort zusammenzuführen. Präsident Macron sagte bei einem Besuch 2023, dass Investitionen in CO2-arme Energie die Attraktivität der Region weiter steigern würden.

Frankreich erzeugt rund 95 Prozent seines Stroms CO2-arm, Deutschland kommt nur auf etwa 64 Prozent. Für Dünkirchen ist das ein Vorteil.


5. Risiken in Kauf nehmen, aber diversifizieren

Die Transformation Dünkirchens ist kein Zufallsprodukt des Marktes, sondern politisch gewollt – und teuer. Nach Berechnungen des Institut Montaigne wurden bereits rund neun Milliarden Euro in den Batteriesektor vor Ort investiert, davon etwa drei Milliarden aus regionalen, nationalen oder europäischen Fördermitteln. Für die Akteure ist es auch eine Wette auf die industrielle Zukunft – mit erheblichen Risiken.„Wenn man kein Risiko eingeht, kommt man nicht voran“, erklärt Rafaël Ponce vom Gemeindeverband den Spirit.

Genau deshalb versucht Dünkirchen, das Risiko zu streuen. Die Strategie zielt nicht auf einen einzelnen nationalen Champion, sondern auf mehrere Projekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Zellfertigung über Materialien bis zum Recycling.

Auch Verkor ging schrittweise vor. Bevor das Unternehmen seine Gigafactory in Dünkirchen hochzog, produzierte es Batteriezellen zunächst im kleinen Maßstab auf einer Pilotlinie im Innovationszentrum in Grenoble.


6. Konzentration statt Gießkanne

Reindustrialisierung ist eines der großen Themen von Präsident Macron. Der Industrieanteil an der Wirtschaftsleistung liegt bei nur noch gut zehn Prozent – und damit nur halb so hoch wie in Deutschland. Die zentralisierte Struktur Frankreichs ist hier ein Vorteil. Wie in Dünkirchen können industriepolitische Prioritäten gesetzt und Investitionen gezielt gebündelt werden.

Für François Chimits vom Thinktank Institut Montaigne, der eine große Studie über den Cluster erstellt hat, ist genau diese Fokussierung entscheidend. Wer industrielle Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen wolle, müsse Investitionen auf wenige, besonders geeignete Standorte konzentrieren.

Dass die Transformation Dünkirchens langfristig aufgeht, lasse sich bisher nicht abschließend beurteilen, sagt Chimits. Die Dynamik in Dünkirchen und die hohe Konzentration privater Investitionen wertet er dennoch schon heute als Erfolgssignal. „Das Verhältnis von privaten Investitionen, das dadurch ausgelöst wurde, ist ziemlich zufriedenstellend“, sagt er.

Auch ob Europa mit einem solchen Ansatz dem Subventionsdruck und dem harten Wettbewerb aus China dauerhaft standhalten kann, wird sich erst noch zeigen. Aber Europas Ausgangslage verbessert sich so deutlich. Frankreich will dieses Modell deshalb ausweiten: Rund 150 weitere strategische Industrieprojekte sollen von schnelleren Verfahren profitieren.

In Dünkirchen denkt Verkor jedenfalls bereits weiter. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben Flächen für zwei weitere Gigafactories reserviert.

Einschübe

”Genau das wollen wir erreichen: reindustrialisieren und dekarbonisieren."
Emmanuel Macron, Präsident Frankreich

40 Milliarden Euro investiert Frankreich in das Batterie-Cluster von Dünkirchen.