Anatomie eines Abbruchs: Wer kontrolliert die Zukunft?
von Thorsten Vaas
Rems-Zeitung vom 03.03.2026
Inhalt: Ein geleaktes internes Gutachten prüft das Geschäftsmodell der Stadtwerke Schwäbisch Gmünd und kommt zu dem Urteil, dass das Unternehmen aufgrund struktureller Defizite, explodierender Kosten, über Jahre gesunkener Profitabilität und eine Führungskrise dringend sanierungsbedürftig sei. Der Artikel prüft die Einschätzung im Kontext anderer kommunaler Versorger und sieht die Gründe für die Krise u. a. in der fehlenden Fachexpertise im Aufsichtsrat. Es fehle ein Leitbild für die Sanierung, das über die reine Defizitverwaltung hinausgehe, das Gutachten wurde offenbar zuvor gestoppt.
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Anatomie eines Abbruchs: Wer kontrolliert die Zukunft?
Ein internes Gutachten belegt: Die Existenz der Stadtwerke Schwäbisch Gmünd ist in Gefahr. In den vergangenen zehn Jahren verstärkten sich die Warnsignale. Es geht um „kaufmännischen Blindflug“, Kreditunfähigkeit und Führungskrisen. Wie konnte das passieren? Noch bevor das Gutachten fertig war, wurde es mutmaßlich vom Aufsichtsratsvorsitzenden Richard Arnold gestoppt.
Auf dem Deckblatt steht der Vermerk „Strictly private & confidential“. Streng vertraulich. Es ist ein internes Dokument, das den Zustand hinter der offiziellen Fassade der Stadtwerke Schwäbisch Gmünd zeigt – und der ist weitaus kritischer, als es die bisherige Kommunikation vermuten ließ. Das „Zukunftskonzept – Leistungswirtschaftliche Analyse & Finanzwirtschaftliche Analyse 2013-2023“ bilanziert ein Jahrzehnt kommunaler Energieversorgung, einen Abwärtstrend und gipfelt in dem Befund eines „kaufmännischen Blindflugs“. Durch einen Leak gerät die Zusammenfassung an [Medium].
Die Experten der Firma Zeugberg fassen im Auftrag des Stadtwerke-Aufsichtsrats zusammen, was passiert ist. Es geht um Millionenverluste, „kollabierende“ Mengen und Margen sowie eine Führungskrise. All das wirft Fragen auf, die auch die Rolle des Aufsichtsrats in den Fokus geraten lassen. Und sie sind symptomatisch für eine ganze Branche.
Das Gutachten datiert auf den 2. Dezember 2025 und enthält Aussagen wie:
„Das Unternehmen befindet sich in einer fortgeschrittenen Strategie- und Ertragskrise, verschärft durch eine Führungskrise (Steuerungsunfähigkeit).“
„Die Kombination aus strukturellen Defiziten (Kosten zu hoch, Menge zu niedrig, fehlende Strategie für Restrukturierung) und dem aktuellen Daten-Vakuum ist existenzbedrohend.“
„Ohne valide Finanzdaten ist eine externe Finanzierung ausgeschlossen.“
Doch das Dokument ist ein Fragment, ein Entwurf. Nach der Analyse bricht es ab. Mitten in der Krise. Der Teil, der aufzeigen sollte, wie die Stadtwerke zukunftsfähig gemacht werden können, fehlt.
Mutmaßlich gestoppt von Aufsichtsratschef und Oberbürgermeister Richard Arnold. Warum er das getan hat? „Darüber gebe ich keine Auskunft. Ich schon gleich gar nicht. Ich bin der Aufsichtsratsvorsitzende. Das ist ein Geschäft, das operativ läuft“, sagt Arnold. Zu den Inhalten will er sich nicht äußern. Nur so viel: Man behandle das Dokument momentan im Aufsichtsrat, um daraus Schlüsse zu ziehen.
Dennoch lässt dieses Papier einen Einblick in den Maschinenraum des Gmünder Versorgers zu. Ein Blick auf strukturelle Probleme, über ein Jahrzehnt aufgebaut. Es ist das Lehrstück darüber, wie ein kommunales Unternehmen ökonomisch erodiert und ein politisch besetztes Kontrollsystem diese Entwicklung nicht stoppt – der Bericht legt nahe, dass Warnsignale möglicherweise nicht beachtet wurden. Und er spricht ein fragwürdiges Handeln beim Trinkwasser an.
Rückblick. Im November vergangenen Jahres wird der damalige Geschäftsführer Peter Ernst bei den Gmünder Stadtwerken vor die Türe gesetzt. Der genannte Grund: massive Verzögerungen bei Abrechnungen, IT-Schwierigkeiten. Tausende Kundinnen und Kunden warten auf die Energierechnung, Ernst gibt Versprechungen ab, die nicht eingehalten werden, im Hintergrund läuft ein hohes Defizit auf. Wer aber nicht abrechnet, verdient auch kein Geld. Mit mehr als 30 Millionen Euro steht das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt beim städtischen Cashpool bereits in der Kreide.
Unter öffentlichem Druck zieht Arnold die Reißleine. Rausschmiss Peter Ernst, ersetzt durch Celestino Piazza, Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft VGW. Zusammen mit einem „Feuerwehr-Team“ soll er den kriselnden Energieversorger retten. Bei der ersten Pressekonferenz geben sich die Verantwortlichen demütig. Man verspricht Transparenz. Hinter den Kulissen arbeiten Fachleute längst an jenem Gutachten. Darin wird das Dilemma sichtbar.
Anfang Februar dieses Jahres steht Piazza vor dem Gmünder Gemeinderat Rede und Antwort. Er skizziert, wie sich das Defizit und damit die Belastung des städtischen Cashpools weiter entwickelt, aus dem sich der Energieversorger mit Liquidität versorgen kann – ähnlich wie bei einem Girokonto, jedoch billiger als auf der Bank.
Die Zahlen sind zumindest ein Indikator, wie es weitergeht. Nicht gut, aber zumindest eine Perspektive. Beim Abrechnungschaos vermeldet Piazza bereits erste Erfolge. 69 Prozent der Tarifkunden seien abgerechnet, hieß es Anfang Januar, die Zählerablesung schreite dank Sonderschichten der Mitarbeiter voran, auch wenn es nach wie vor Haushalte gebe, die den Stadtwerken den Zutritt verwehren. Nach außen hin wirken die Aussagen wie ein vorsichtiger Befreiungsschlag. Dass die Stadtwerke unter Piazza innerhalb kurzer Zeit wieder Rechnungen stellen können, wertet der Gemeinderat als Erfolg. Nun gelte es, Kunden zu halten und zurückzugewinnen, weil die davongelaufen sind. Seit 2023 habe man rund 10.000 Kunden verloren, seit Piazzas Amtsantritt 100 zurückgewonnen. „Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, aber der Tunnel ist noch lang“, so sein Fazit.
Kunden zu gewinnen – dazu hat das Gutachten diese Sichtweise: Es sei davon auszugehen, „dass die Neukundengewinnung in einem schrumpfenden Gesamtmarkt zunehmend aufwendiger wird“, heißt es in dem Papier, dessen Geschichte weiter zurückreicht.
Während die Kunden vor mehr als einem Jahr lediglich die Auswirkungen des Abrechnungschaos bemerken, bewegen interne Informationen den Aufsichtsrat zu einem bedeutsamen Schritt: Die Mitglieder lassen ein Sanierungsgutachten nach IDW S 6 erstellen. Im Mittelpunkt steht dabei die Zukunftsfähigkeit. Experten prüfen hierbei, ob das Geschäftsmodell tragfähig ist und mit welchen Maßnahmen der Betrieb wieder profitabel werden kann. In der Wirtschaftswelt gilt es häufig als Bedingung der Banken für weitere Kredite. Ende 2025 wird einem kleinen Kreis ein Zwischenbericht präsentiert.
Dann der Stopp.
Die Beurteilung ist halb fertig. Das Dokument endet, bevor die Zukunft beginnen konnte. Anscheinend hat der Aufsichtsratsvorsitzende interveniert.
Die Analyse der leistungswirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Lage der Jahre 2013 bis 2023 ist dennoch sehr detailliert ausgefallen.
Das Gutachten im Detail: Eine Dekade im Stadtwerke-Fall
Wenn man die Geschäftsberichte der vergangenen zehn Jahre nebeneinander legt, wie es die Gutachter getan haben, dokumentieren die Zahlen eine Dynamik, die Experten für bedrohlich halten: Umsatz, Absatz und Geschäftsergebnis sind problematisch. Während der Absatz bei Strom und Gas um mehr als ein Drittel sank, stiegen die Personalkosten um 43 Prozent. Die Profitabilität ist nicht plötzlich eingebrochen; sie ist über zehn Jahre hinweg stetig geschwunden. Bereits ab dem Jahr 2014, so stellt der Bericht fest, sei ein signifikanter Rückgang der Profitabilität erkennbar. Was oberflächlich durch die Energiepreis-Turbulenzen der vergangenen Jahre erklärt werden könnte, ist bei genauerer Betrachtung ein über Jahre gereifter struktureller Verfall. Die einzelnen Bereiche im Detail:
Strom: Eine Effizienz-Schere
In einer Welt, die sich zunehmend elektrifiziert, sei der Absatz im Stromvertrieb bei den Gmünder Stadtwerken massiv zurückgegangen, heißt es im Sanierungsgutachten. Die Zahlen aus dem Gutachten lassen sich mit den veröffentlichten abgleichen. Demnach ist der Absatz um mehr als 35 Prozent in einem Jahrzehnt gesunken. Zum Vergleich: Der deutsche Gesamtmarkt im Netzbereich schrumpfte im selben Zeitraum um 10 Prozent. Die Gutachter befinden: „Die Organisation ist weiterhin auf das historische Absatzvolumen (Mengengerüst) dimensioniert.“ Der Umsatzrekord des Jahres 2023 wird als „Nominale Illusion“ bezeichnet – er sei rein preisgetrieben und verdecke, dass die operative Auslastung der Belegschaft gesunken sei. Die Experten sprechen von einer „Effizienz-Schere“. Mit anderen Worten: Steigende Umsätze suggerieren Stabilität – doch sie entstehen allein durch höhere Preise, nicht durch operative Stärke. Real schrumpft das Geschäft.
Doch anstatt die Organisation anzupassen, stiegen die Personalkosten von 8,9 Millionen Euro auf 12,7 Millionen Euro – ein Zuwachs von 43 Prozent bei gleichzeitigem Absatz-Schwund.
Haushaltskunden: Die Erosion der Endkunden-Basis
Das interne Sanierungsgutachten belegt, dass die Wettbewerbsfähigkeit im Haushaltssegment ebenfalls „bröckelt“. Während die eigene Belieferung der Haushalte stetig gesunken sei, habe sich das Volumen der Fremdversorger im gleichen Zeitraum verdoppelt – eine „Erosion der Endkunden-Basis“.
Die Gutachter ziehen daraus einen Schluss: „Der Wettbewerbsdruck frisst sich zunehmend auch in das bisher stabile Tarifkundengeschäft hinein.“ Ein ähnliches Bild zeichnet die Sparte Gas, wo die Eigenbelieferung der Haushalte eingebrochen sei, während Wettbewerber ihren Anteil deutlich ausgebaut hätten.
Vertrieb und Kunden: Verlorenes Vertrauen
Wie aus der leistungswirtschaftlichen Analyse hervorgeht, drohe der Stromvertrieb seine Funktion als „Margen-Macher“ zu verlieren. Als Ursache für diese Entwicklung wird eine zunehmende Entkoppelung von Einkaufs- und Verkaufspreisen angeführt. Die Beschaffungskosten inklusive der Netzentgelte seien gestiegen, gleichzeitig habe das Unternehmen im Verkauf jedoch lediglich niedrigere Preisanpassungen durchsetzen können. Im Dokument wird eine massive „Wettbewerbsschwäche“ konstatiert. Der Vertrieb habe im Wettbewerb in höherem Maße an Boden verloren, als es dem allgemeinen Marktrückgang entspreche. Die Organisation sei weiterhin auf historische Absatzmengen dimensioniert, die Mengen seien jedoch faktisch rückläufig.
Wärme: Ein hoher Verlust
Die wirtschaftliche Bilanz der Sparte Wärme weist laut Sanierungsgutachten für den Zeitraum von 2013 bis 2024 einen hohen Verlust aus. Festgehalten wird in der Zusammenfassung des Sanierungsgutachtens: „Der Vertrieb hat es augenscheinlich versäumt, effektive Preisgleitklauseln zu etablieren.“ In der Folge entstand im Geschäftsjahr 2022 eine Verlustmarge, die das Gutachten als „negativer Spread“ bezeichnet. Ursächlich hierfür war, dass ein „teurer Einkauf auf veraltete Verkaufspreise“ traf.
Parallel zu den Margenverlusten verzeichnete das Unternehmen im Teilbereich Warmwasser eine „Marktreaktion“, die zu einem „Mengenrückgang von 40 Prozent“ führte. Das Gutachten wertet diese Entwicklung als Beleg für eine „hohe Preissensitivität der Kunden“. Zudem stagniere die Absatzmenge im Bereich Wärme bei rund 11 Millionen kWh, da es nicht gelinge, das Volumen durch die Gewinnung neuer Kunden an bestehenden Netzen signifikant zu steigern. Die Bemühungen um ein neues Wärmenetz in Bettringen und das Werben um Kunden werden in der Zusammenfassung des Sanierungsgutachtens nicht thematisiert.
Infrastruktur: Der schleichende Substanzverzehr
Im Netzgeschäft gibt es einen „Volumenrückgang“, den das Sanierungsgutachten klar benennt. Besonders im Industriegeschäft verzeichnet das Stadtwerk einen massiven Einbruch: Die Eigenbelieferung in diesem Bereich „kollabierte“. Der Entwurf warnt in diesem Kontext vor einer „Kannibalisierung der Marge“. Das Unternehmen drohe sich laut der Analyse „zum reinen Infrastruktur-Dienstleister für Dritte zu entwickeln“, wobei die „Marge aus dem Eigenverkauf an Wettbewerber abfließt, während das Risiko des Netzbetriebs beim Stadtwerk bleibt“. Da der Netzbetrieb ein „Fixkostengeschäft (Abschreibung, Wartung, Personal)“ sei, führe der Mengenrückgang laut dem Befund „zwangsläufig zu höheren Stückkosten“ pro transportierter Kilowattstunde.
Gasnetz: Die Gefahr der „Stranded Assets“
Die Analyse des Gasbereichs belegt einen beschleunigten Relevanzverlust des Energieträgers. Nachdem das Absatzvolumen im Jahr 2021 krisenbedingt einen Höchststand erreicht hatte, verzeichnete das Netz innerhalb von nur drei Jahren einen Rückgang um knapp 28 Prozent. Das Gutachten wertet dies als Beginn eines technologischen Ausstiegs, primär getrieben durch den Wechsel zur Wärmepumpe. Vor diesem Hintergrund warnt der Bericht explizit vor sogenannten „Stranded Assets“, also Vermögenswerten, deren wirtschaftliche Werthaltigkeit verloren geht. Die Gutachter halten fest: „Jeder Euro Neuinvestition in Erweiterung ist betriebswirtschaftlich hochriskant“ – und überholt.
Investitionen: Die Substanz aufgezehrt
Ein kritischer Befund betrifft den Umgang mit dem Anlagevermögen in den vergangenen Jahren. Laut der vorliegenden Analyse lagen die Investitionen in den Krisenjahren 2020 bis 2022 signifikant unter den jährlichen Abschreibungen. Dies deute auf einen „verdeckten Nachholbedarf“ hin. Durch das Ausbleiben notwendiger Reinvestitionen sei der ausgewiesene Free-Cashflow künstlich stabilisiert worden, was die tatsächliche wirtschaftliche Lage kaschiere. Langfristig gefährde dieser Investitionsstau nicht nur die Bilanzstruktur, sondern könne auch die Versorgungssicherheit beeinträchtigen, da die Substanz der Netze rechnerisch aufgezehrt wurde.
IT: Eine „dysfunktionale Migration“
Als maßgeblichen Krisentreiber identifiziert das Gutachten neben der allgemeinen Marktentwicklung das Versagen interner Steuerungssysteme. Im Fokus steht dabei die „dysfunktionale Migration“ des Abrechnungssystems von SAP zum Anbieter Schleupen. Informationen [des Mediums] bestätigen das Bild einer hochriskanten Operation: Es wurde versucht, den Systemwechsel in einer Rekordzeit von nur acht Monaten durchzuziehen – ein Unterfangen, für das Experten in der Energiebranche normalerweise Jahre veranschlagen. Dieser Systemwechsel habe wesentliche Kontrollinstrumente des Unternehmens außer Kraft gesetzt. In der Folge würden verlässliche „Current-Trading“-Zahlen fehlen, was die Erstellung einer essenziellen Liquiditätsplanung nahezu unmöglich mache. Ohne diese valide Datenbasis sei das Unternehmen faktisch „nicht kreditfähig“, da laufende Reporting-Verpflichtungen gegenüber Banken nicht erfüllt werden könnten.
Die Krise erscheint nicht als singuläres Ereignis, sondern als Zusammenspiel aus strukturellem Marktdruck, verspäteter organisatorischer Anpassung und operativen Fehlentscheidungen. Sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über eine Dekade aufgebaut hat, und die nun in einer akuten Finanz- und Vertrauenskrise mündet.
So viel zu den Fakten des Gutachtens, die sich auf den Stand Anfang Dezember 2025 beziehen und mit den Jahresberichten in Einklang stehen. Sie bilden eine schwere Hypothek für die laufende Sanierung. Knapp drei Monate nach Vorstellung des Dokuments, jetzt Anfang März, wird von der Last noch viel übrig sein. Probleme eines Jahrzehnts lösen sich nicht plötzlich auf. Diese Mischung aus operativem Versagen und strukturellem Verfall ist allerdings kein Gmünder Exklusivproblem, in der Stauferstadt wirkt sie jedoch wie ein Brandbeschleuniger. Was das Gutachten als „kaufmännischen Blindflug“ geißelt, ist die lokale Eskalation eines bundesweiten Dilemmas. Die Gmünder Stadtwerke stehen stellvertretend für eine ganze Branche, die gerade ihre Existenzberechtigung neu verhandeln muss.
Während man in Gmünd insbesondere verpatzte IT-Migrationen thematisiert, zieht sich bundesweit ein ökonomischer Schraubstock zusammen. Eine gemeinsame Studie des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und EY beziffert den Investitionsbedarf für die Transformation bis 2045 auf die astronomische Summe von 535 Milliarden Euro. Das Problem: Die Unternehmen können aus eigener Kraft kaum ein Drittel davon stemmen.
In Gmünd wird nun sichtbar, was passiert, wenn ein Versorger in diese Zange gerät, ohne strategisch vorbereitet zu sein. Die Gutachter nennen es die „Nominale Illusion“: Während die Umsätze durch explodierende Energiepreise auf dem Papier steigen, bricht das operative Fundament weg. Die im Gutachten beschriebene „Erosion der Endkunden-Basis“ ist das Echo eines Trends, der kleine und mittlere Stadtwerke existentiell bedroht. Wenn die Experten vor „Stranded Assets“ im Gasnetz warnen, also Rohren, die im Boden verrotten, weil die Kunden zur Wärmepumpe abwandern, dann beschreiben sie das Schicksal eines Geschäftsmodells, das über Jahrzehnte als unkaputtbar galt. Zwischen politischem Dekarbonisierungsdruck, unklarer Förderkulisse und den bilanziellen Restwerten jahrzehntelang aufgebauter Infrastruktur entsteht allerdings ein strategisches Vakuum. Fast die Hälfte der deutschen Versorger verfügt nach Angaben des Verbands kommunaler Unternehmen bislang über keine klar definierte Strategie für den Umgang mit ihren Gasnetzen im Zuge der Energiewende. Ein belastbares Zielbild fehlt vielerorts.
Für Unternehmen mit kapitalintensiven Netzen wird jede Investitionsentscheidung damit zur Wette auf regulatorische Rahmenbedingungen. Die Gewinnquoten stehen dabei schlecht. Skaleneffekte großer Unternehmen mit hoher Finanzkraft fehlen, die „kritische Masse“, um komplexe Aufgaben wie den Smart-Meter-Rollout oder die kommunale Wärmeplanung wirtschaftlich zu bewältigen, ist nicht gegeben. Die „Effizienz-Schere“, die in Gmünd gerade schmerzhaft zuschnappt, ist in Wahrheit das Geräusch einer Branche, die sich zerlegt.
In diesem Umfeld setzen die Gmünder Stadtwerke alles daran, wieder auf eigene Beine zu kommen und finanziell nicht mehr von der Stadt abhängig zu sein. „Wir benötigen für den Cashpool bessere Werte, als die prognostizierten. Wir müssen ja zu den Banken gehen“, so Arnold im Gemeinderat. Doch für Geld von der Bank braucht es mehr als einzelne Kennzahlen. Es geht um die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens, um Stabilität. Banken stellen Bedingungen, sie sind in Sanierungsgutachten zusammengefasst:
Eine Bestandsaufnahme – eine Ist-Analyse, die transparent offengelegt, wie das Unternehmen in die Krise geraten ist. Diese wurde für die Stadtwerke Gmünd erarbeitet.
Das Leitbild des „sanierten Unternehmens“ – dieser Teil fehlt in Gmünd. Man muss definieren, wo man hin will. Ein Gutachten nach IDW S 6 verlangt ein klares Zielbild: Welche Geschäftsfelder bleiben bestehen? Welches Marktpotenzial ist vorhanden? Wie sieht das Wettbewerbsumfeld aus?
Ein solches Leitbild ist in Gmünd bislang nicht ausgearbeitet.
Und nun? Muss man differenzieren. Das vorliegende Dokument legt eine detaillierte Fragenliste für die politische Aufarbeitung nahe:
Zur Vergangenheit: Welche Informationen lagen dem Aufsichtsrat in den vergangenen Jahren vor – und wie wurden sinkende Absatzmengen und steigende Kosten bewertet? Was wurde gegen sinkende Absatzmengen unternommen? Wie wurde die „Effizienz-Schere“ bewertet?
Zur Zukunft: Warum wurde das Sanierungsgutachten gestoppt? Wenn das Sanierungsgutachten auf einen Beschluss des Aufsichtsrats hin erstellt wurde – wieso fehlt das Zielbild? Und: Welches Leitbild geben sich die Stadtwerke in Zukunft? Wie will man Zukunft gestalten?
Das Dokument wirft auch Fragen nach der Rolle des Aufsichtsrats auf. Es geht um Verantwortung. Auch politisch.
Es stellt sich die Frage, ob ein ehrenamtliches Gremium aus Kommunalpolitikern ohne spezifische Branchenexpertise angesichts jener Komplexität des Energiesektors mit all seinen Verwerfungen in den vergangenen Jahren die nötige Kontrolltiefe erreichen konnte. Obwohl es unbedingt gemusst hätte.
Als gesetzliches Überwachungsorgan ist der Aufsichtsrat dafür zuständig, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Seine Aufgabe ist es, die Geschäftsführung zu überwachen, die strategische Ausrichtung zu hinterfragen und insbesondere die wirtschaftliche Stabilität des Versorgers sicherzustellen. Er muss den Wirtschaftsplan genehmigen, bei riskanten Investitionen die Hand heben und als Korrektiv fungieren, wenn das Management den Kurs verliert. So die Theorie.
In der Praxis ist das herausfordernd. Sachwissen ist in politisch besetzten Kontrollgremien oft nicht vorhanden, was landauf, landab immer wieder kritisiert wird. Während börsennotierte Unternehmen ihre Kontrollgremien systematisch professionalisieren und mit externer Expertise besetzen, verbleiben kommunale Aufsichtsräte häufig im Spannungsfeld aus Parteipolitik, Ehrenamt und hochkomplexer Regulierung. Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt, wie schwer sich die Politik mit Expertise tut.
Crailsheim im Mai 2019. Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer versucht dort das, was heute als Blaupause für moderne Governance gilt: Er will den Aufsichtsrat der Stadtwerke professionalisieren. Die Vorlage für den Gemeinderat sieht vor, das elfköpfige Gremium um drei externe Experten zu ergänzen. Grimmers Ziel ist eine „Steigerung der Diversität“ und der fachlichen Kompetenz des Gesellschafters.
Doch der Vorstoß scheitert. „Leider kam es zu keiner ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Vorschlag“, erinnert sich Grimmer heute. Das Thema sei im Ältestenrat ohne Aussprache abgelehnt worden. Für den Rathauschef ein problematischer Vorgang, da er die Erweiterung explizit am Deutschen Corporate Governance Kodex ausrichtete. Ein modernes Stadtwerk verdiene eine „bestmögliche fachliche Begleitung“ durch Experten für Strategie, Rechnungslegung und Digitalisierung. Grimmer betont: „Ich halte es für eine Stärke – nicht für eine Schwäche –, wenn Politik bereit ist, sich durch externe Kompetenz ergänzen zu lassen.“
Doch zurück nach Gmünd. Die Debatte um externe Expertise im Aufsichtsrat gewinnt angesichts der Krise in der Stauferstadt an Bedeutung. Vielleicht braucht es dieses Wissen im Aufsichtsrat der Zukunft? Es könnte ein solcher Mosaikstein des neuen Leitbilds sein, das seither fehlt. Kommt es noch? Das Gutachten wird nach Informationen [des Mediums] am Dienstag, 3. März, bei der Sitzung des Aufsichtsrats thematisiert.
Richard Arnold vereint als Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender zwei Rollen, die in der Krise in Konflikt geraten können: Er ist oberster politischer Repräsentant der Stadt und gleichzeitig der „schärfste Kontrolleur“ des Versorgers. Den Vorwurf, er habe die Analyse gestoppt, bevor das Zielbild definiert war, lässt er unkommentiert. Dass [Medium] überhaupt davon weiß, „da bin ich erstaunt, was man Ihnen zugetragen hat“, sagt Arnold, „der Sache muss ich nachgehen“. Er spricht von Straftatbeständen.
Angesprochen auf die Bilanzen der vergangenen Jahre, verteidigt er das Gremium: „Der Aufsichtsrat hat sich nach Vorlage durch die Geschäftsführung damit befasst und seine Schlüsse daraus gezogen.“ Nicht richtig oder zu wenig kontrolliert zu haben, sei eine „Behauptung und Unterstellung. Sie stören damit das Vertrauen in die Stadtwerke, weil Sie spekulieren.“ Man habe den Vorgang immer wieder in demokratisch legitimierten Gremien sehr eng abgestimmt. Persönliche Konsequenzen? Das steht für ihn offensichtlich nicht zur Diskussion.
Man wird darüber diskutieren müssen. Weil enorm viel auf dem Spiel steht. Die Stadtwerke sind in der Region schließlich nicht einfach nur ein Energielieferant. Sie sind Grundversorger. Sie finanzieren die Bäder. Vereine und Institutionen werden gefördert. Das und mehr. Und sie kümmern sich um eine hoheitliche Aufgabe: die Wasserversorgung.
Während die Energiesparten der Stadtwerke Schwäbisch Gmünd laut dem vorliegenden Gutachten erhebliche Verluste verzeichnen, stellt der Bereich Wasser mit einer hohen Rohertragssteigerung seit 2013 den einzigen verlässlichen Faktor dar. Die Gutachter bezeichnen die Sparte als „Stabilitätsanker“, merken jedoch kritisch an, dass der Konzern seine defizitäre Vertriebsstruktur „faktisch über die Wassergebühren quer“ finanziere. Das kann durchaus kritisch sein, denn die Wasserversorgung unterliegt dem Kostendeckungsprinzip: Kommunale Abgaben dürfen nach dem Überschreitungsverbot lediglich die tatsächlich anfallenden Kosten für Betrieb, Instandhaltung und Abschreibungen decken. Das Gutachten warnt, dass dieses Modell „rechtlich und regulatorisch limitiert“ und keine dauerhafte Sanierungslösung sei.
Ob diese Form der Querfinanzierung einer rechtlichen Prüfung standhält, bleibt vorerst offen. Das Regierungspräsidium Stuttgart betont, man nehme keine regelmäßige Überprüfung solcher Kalkulationen vor – dies sei Aufgabe der Gemeindeprüfungsanstalt im Rahmen der turnusmäßigen Prüfungen. Solange keine offizielle Problemanzeige aus Schwäbisch Gmünd vorliege, sehe die Behörde derzeit keinen Anlass für eine Intervention. Damit bleibt die Verantwortung für die wirtschaftliche Neuordnung und die Aufarbeitung der im Gutachten beschriebenen Versäumnisse vorerst dort, wo sie laut Kommunalrecht hingehört: beim Aufsichtsrat und der politischen Führung der Stadt.
Wasser als Quersubventionierung der Stadtwerke? So sieht es Oberbürgermeister Richard Arnold: „Das sind alles Spekulationen, die als Behauptungen im Raum stehen. Da muss ich mich so kundig machen, dass ich seriös antworten kann.“
Info-Kästen
Welche Zukunftschancen gibt es?
Schwäbisch Gmünd. In Zeiten von Energiewende und klammen Kommunalkassen steht das Unternehmen an einem Scheideweg: Reicht ein „Weiter so“ in der Defizitverwaltung, oder braucht es eine radikale Neuausrichtung? Von digitalen Smart-Metern bis hin zu politisch brisanten Beteiligungsmodellen stehen Optionen im Raum, die das Gesicht des Versorgers dauerhaft verändern könnten.
Um das Unternehmen zukunftssicher aufzustellen, braucht es Ansätze, die über die bloße Defizitverwaltung hinausgehen. Um zukunftsfähig zu bleiben, setzen immer mehr Versorger auf neue Strategien:
Zusammenschlüsse und gemeinsame Einkaufsgemeinschaften, um marktfähige Preise anbieten zu können.
Prozesse wie die Abrechnung an spezialisierte Dienstleister auslagern.
Den Fokus verschieben, hin zu neuen Geschäftsmodellen wie E-Mobilität mit Ladesäulen und Fuhrparkmanagement für lokale Unternehmen sowie Photovoltaik-Lösungen.
Contracting-Modelle: Die Stadtwerke übernehmen Planung, Bau und Betrieb von Heizungsanlagen für Großkunden oder Wohnviertel gegen Gebühr.
Aufbau kalter Nahwärmenetze mit eigener Infrastrukturhoheit.
Digitalisierung über Smart Meter zur automatisierten Abrechnung und Vermeidung teurer Lastspitzen im Stromeinkauf.
Weitere Beteiligung an Erzeugungsanlagen in regionalen Wind- und Solarparks, um die Gestehungskosten stabil zu halten.
Reform der Bäder-Struktur: Sektorenkopplung zur Warmwassergewinnung nutzen, Wärmepumpen installieren. Auslastungsabhängige Tarife können Betriebskosten zu Randzeiten besser decken.
Vertrauen durch echte Transparenz für Kundinnen, Kunden und die Belegschaft.
All diese Maßnahmen sind bloß Ideen, egal für welche man sich entscheidet, werden sie Geld kosten. Das die Stadtwerke derzeit nicht haben. Ein möglicher Ansatz wäre, wie etwa bei der EnBW praktiziert, ein teilweiser Verkauf von Netzanteilen. Der Energieriese hat insgesamt 49,9 Prozent seines Netzbetreibers TransnetBW veräußert und damit den Weg für Milliardeninvestitionen im Zuge der Energiewende freigemacht. Zu den Käufern gehören mehr als 30 Sparkassen, Banken, Versicherungen und Körperschaften aus Baden-Württemberg, dazu die staatliche Förderbank KfW. Das Gmünder Netz mit mehr als 1200 Kilometern Kabellänge könnte so einen Millionenbetrag in die Kasse spülen.
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Geschäftsberichte
Die Entwicklung einer Dekade
Datenanalyse von 2013 bis 2023.
Die Kernbereiche der Stadtwerke Schwäbisch Gmünd in der Übersicht: Strom, Gas, Wasser und Wärme:
Entkoppelung Absatz und Umsatz
In den Kernsparten Strom und Gas zeigt sich 2023 eine Marktanomalie: Während die Absatzmengen auf Zehn-Jahres-Tiefststände fielen, erreichten die Umsatzerlöse aufgrund der massiven Preissteigerungen absolute Rekordwerte. Die Wasserversorgung blieb dagegen der stabile Anker des Unternehmens.
Die Entwickung von Investitionen, Abschreibungen und des Anlagevermögens sowie der Personalkosten:
Investitionsstau und Werteverzehr
Das Verhältnis von Investitionen zu Abschreibungen belegt eine Phase des bilanziellen Substanzverzehrs zwischen 2020 und 2022, in der die Investitionen konsequent unter den planmäßigen Abschreibungen lagen.
Personal und Kostensteigerung
Die Grafik zeigt einen stetigen Zuwachs bei der Belegschaft auf 169 Mitarbeiter (ohne Azubis) im Jahr 2023.
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Weichenstellungen in der Krise
Hintergrund: Wenn Unternehmen in wirtschaftliche Bedrängnis geraten, dienen zwei Gutachten als wesentliche Entscheidungsgrundlage:
IDW S 6 (Sanierungskonzept): Hier steht die Zukunftsfähigkeit im Fokus. Experten prüfen, ob das Geschäftsmodell tragfähig ist und mit welchen Maßnahmen der Betrieb wieder profitabel werden kann. Es ist oft die Voraussetzung für Banken, um weitere Kredite zu gewähren.
IDW S 11 (Insolvenzprüfung): Hier geht es um die aktuelle Rechtslage. Es wird exakt geprüft, ob das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt zahlungsunfähig oder überschuldet ist. Das Gutachten bietet der Geschäftsführung Sicherheit, um Haftungsrisiken und eine verspätete Insolvenzanmeldung zu vermeiden.
Zusammenfassend: Während der S 11 den aktuellen Status quo und die gesetzliche Pflicht zur Insolvenz prüft, entwirft der S 6 den strategischen Weg zurück zum wirtschaftlichen Erfolg.
