Zum Hauptinhalt springen

Acht Monate weg, zwei daheim

von Andreas Babst
Neue Zürcher Zeitung vom 21.03.2026

Inhalt: Reportage über Seemannsfrauen auf den Philippinen: Seemann ist dort ein weit verbreiteter und lukrativer Beruf, der allerdings Partnerschaft und Familie der Seefahrer unter Druck setzt. Die Seemannsfrauen organisieren sich über Facebook-Gruppen, Influencerinnen berichten über die Belastungen durch Fernbeziehung und das ständige Misstrauen, dass ihre Beziehungen präge. Die Männer verändern sich an Bord; Depressionen, Alkohol, Gewalt, Untreue und Streit über Geld verursachen zusätzliche Probleme.

Sie sehen nachfolgend den reinen Text in der anonymisierten Form für die Jury. Bilder, Layout oder multimediale Umsetzung sind beim Deutschen Journalistenpreis kein Bewertungskriterium. Allein das Wort zählt. Tabellen und Grafiken werden in einem separaten PDF zugänglich gemacht.


Acht Monate weg, zwei daheim

Philippinische Seemannsfrauen verhandeln Geldsorgen, untreue Männer und Abschiede online – und kämpfen gegen die Einsamkeit

Die Stimme knistert aus der Decke, und Estela Lolong erschrickt nicht. Ihr Mann sei gerade aufgewacht und sage Guten Morgen, erklärt sie. Dann zeigt sie in die Ecke der Wohnküche: Oben an der Decke hängt eine Überwachungskamera mit Lautsprecher, ihr Mann kann mit dem Handy darauf zugreifen. Lolong lebt in Mabalacat City, etwas ausserhalb der philippinischen Hauptstadt Manila. Ihr Mann ist gerade in Venedig aufgewacht. Bald beginnt seine Schicht in der Küche eines Kreuzfahrtschiffs, zwölf Stunden Geschirr abwaschen.
Die Kamera kauften sie bei seinem letzten Besuch daheim, damit er am Familienleben teilnehmen kann, wenn Lolong mit den drei Kindern isst. Die Kinder werden ihren Vater erst im September wieder sehen. «Ich vermisse ihn die ganze Zeit», sagt Lolong.
Über 500 000 Filipinos arbeiten als Seeleute. Sie stellen ein Viertel aller Crews weltweit. Ohne Filipinos gäbe es keine globale Schifffahrt, das weiss jeder, der einmal auf einem Kreuzfahrtschiff war. Aber auch auf den Containerschiffen, den Öltankern: Filipinos. Die meisten von ihnen sind Männer. Und viele haben Frauen zurückgelassen, die still alles ertragen, so ist es seit Jahrzehnten.
Bis sie anfingen, sich online zu organisieren.


Zwei Leben in einem

Estela Lolong, 33, ist Seemannsfrau, Mutter, in der philippinischen Nacht arbeitet sie für ein Callcenter und erinnert Amerikaner an ihre Kreditkartenschulden. «Eine starke und unabhängige Frau» nennt sie sich selber, mit dem Satz beginnt sie auch ihre Videos. Lolong ist seit einigen Monaten Influencerin. Auf Facebook folgen ihr 23 000 Menschen. Am Anfang filmte sie einfach ihren Alltag, wie sie kochte, wusch, aber kaum jemand schaute die Videos.
Also fing sie an, ihren anderen Alltag zu filmen: den einer Seemannsfrau. Sie nahm die Videocalls mit ihrem Mann auf. Er wollte zuerst nicht. Sie sprach über die Schwierigkeiten einer Fernbeziehung. Und plötzlich hatten ihre Videos Tausende Aufrufe. «Der Anstieg kam, weil so viele Menschen sich einfühlen können. Sie kommentieren: Ich weiss, wie das ist», sagt Lolong.
Ihre Videos sind Einblicke in die Beziehung zwischen einem Seemann und seiner Frau, in der es mehr Abwesenheit gibt als Zusammensein. Lolongs Mann bleibt acht Monate an Bord, dann ist er zwei Monate daheim. Ein Video zeigt seinen Geburtstag: Lolong hat in den Philippinen einen Kuchen mit Kerzen gekauft, ihr Mann liegt in seiner Kabine und bläst in die Kamera. Sein Teil des Alltags findet im fensterlosen Bauch eines Kreuzfahrtschiffes statt. Kürzlich wurde er das erste Mal erkannt auf dem Schiff, nicht von einem Arbeitskollegen, aber von dessen Frau während eines Videocalls. Einige Seemannsfrauen bestehen darauf, dass die Männer die Handykameras eingeschaltet lassen, wenn sie beim Feierabendbier zusammensitzen – sie wollen kontrollieren, ob fremde Frauen dabei sind. Auch Lolong besteht darauf.
Lolongs Mann ist seit 2021 Seemann, es sei ihre Idee gewesen, sagt sie. Ihre Cousins sind Seeleute, «ich sah, was sie sich alles leisten konnten: Sie hatten ein Auto, konnten ein Haus bauen. Und wir waren pleite.» Es ist ein weitverbreitetes Klischee in den Philippinen, dass man reich wird als Seemann. Lolongs Mann verdient jetzt mehr als früher – in den Philippinen war er Mechaniker. In guten Monaten, wenn er Extraschichten schiebt, sind es 1200 Dollar. Aber Lolongs Mann steckt seit fünf Jahren als Tellerwäscher ganz unten in der Kreuzfahrtschiffs-Hierarchie fest. Ohne ihren Lohn aus dem Callcenter würde das Geld nicht reichen. Auf Facebook verdient sie ein paar Dollar für ein besonders erfolgreiches Video.
«Die Videos geben mir Selbstvertrauen», sagt sie, «weil ich andere inspiriere.» Lolongs meistgeklicktes Video entstand, als ihr Mann kürzlich daheim war. Am Abend vor seiner neuerlichen Abreise kuschelten sie – Lolongs Handy läuft auf dem Stativ jetzt immer mit. Das Kuschelvideo postete sie mit trauriger Musik. Andere Frauen fragen sie nach Rat dazu, wie man am besten eine Fernbeziehung führt. Lolong gefällt diese Rolle.
Glücklich aber sei sie nicht. Die Nachtarbeit im Callcenter, am Tag die Kinder, nebenbei noch täglich drei Videos für Facebook produzieren – alles zehrt an ihr. «Ich sehe nur glücklich aus. Es ist hart. Ich mache das alles für ihn, ich möchte ihn unterstützen. Ich möchte, dass er hierbleiben kann.»


«Es gibt keine Märchen»

Orlyza Rosales sitzt im Lehrerzimmer, hinter ihr sind Schüleraufsätze in Fächer eingeordnet, je nach dem grossen Denker, über den die Aufsätze geschrieben wurden: Tolstoi, Locke, Gandhi, Machiavelli. «Ich bin mit einem Seemann verheiratet», beginnt Rosales, «aber es ist eine etwas traurige Geschichte.»
Rosales, 49, hat ihren späteren Mann in einer Schule kennengelernt. Sie war Lehrerin, er Koch in der Cafeteria: Er brachte ihr Essen, sang für sie. Sie waren beide Mitte dreissig, aber Rosales wechselte die Schule, sie unterrichtet jetzt im Zentrum von Manila. Vor bald zehn Jahren meldete sich der Koch wieder. Diesmal auf Facebook. Er kochte jetzt auf einem chinesischen Fischereischiff. Als er im Urlaub in den Philippinen war, verliebten sie sich. Sie heirateten. Das erste Mal, als er wieder aufs Schiff musste, weinte Rosales. «Ich vermisste all die kleinen Dinge, die er für mich tat, die Überraschungen, die Geschenke.»
Heute sagt Rosales: «Es gibt eben keine Märchen.»
Ihr Mann habe sich nach und nach verändert, sagt sie. Er hatte lange Verträge an Bord, bis zu zwei Jahre war er unterwegs, die Crew seines Schiffs fischte an der Küste Afrikas. Der Internetzugang war spärlich, er reichte nur für ein Telefonat im Monat. Im Urlaub in den Philippinen war ihr Mann meistens betrunken, fluchte, drohte, einmal schlug er sie. «Ich verstand nicht, wieso er immer so wütend war», sagt Rosales.
Laut einer Studie der Universität Yale aus dem Jahr 2019 hatten 20 Prozent der befragten Seemänner Suizidgedanken, 25 Prozent hatten Symptome einer Depression. Filipinos werden laut der Studie öfter als alle anderen Nationalitäten Opfer von Gewalt an Bord.
Rosales suchte Rat in Facebook-Gruppen für Seemannsfrauen. «Was ich in den Gruppen gelesen habe, hat mich bestätigt: Die meisten Seemänner sind untreu», sagt Rosales. Auch Rosales’ Mann hatte Affären. Es gibt ein Wort für solche Seefahrer in Tagalog, der Sprache der Philippinen: «babaero», Schürzenjäger.
Eine der grössten dieser Facebook-Gruppen heisst «The Seafarer’s Wife Diaries», sie hat fast 150 000 Mitglieder. Die Betreiberin möchte anonym bleiben. Jeden Tag postet sie Geschichten, die ihr andere Seemannsfrauen – ebenfalls anonym – zusenden. Die Gruppe habe 2015 als Blog begonnen, schreibt die Betreiberin auf Anfrage, sie sei während der Covid-Pandemie gewachsen. Damals seien viele Seeleute in den Philippinen gestrandet gewesen, die Frauen unterstützten einander mit Spenden, weil ihre Männer nur an Bord bezahlt seien – es gibt keine Rente, kein Geld für längere Ausfälle.
Heute teilen die Frauen ihre Sorgen über Untreue, finanzielle Schwierigkeiten, Probleme mit Verwandten. Gruppen wie ihre seien ein neues Phänomen, schreibt die Betreiberin. Die Frauen fühlten sich wohler, ihre Sorgen online zu teilen, statt mit der Familie oder Freunden – online würden sie nicht missverstanden oder bewertet.
Eine Frau schreibt in der Facebook-Gruppe, wie sie ihren Mann am Flughafen abholen wollte – aber da wartete eine andere. Eine andere fragt, ob der Pornokonsum ihres Mannes normal sei. Wenn man länger mitliest, bekommt man ein Gefühl dafür, wie sehr das Seefahrerleben an einer Beziehung nagt. Nicht von Anfang an, aber über die Jahre.
«Mein Mann schrieb mit einer anderen Frau, während mein Sohn daheim war. Er soll dabei immerhin diskret sein!», sagt Rosales. Am Ende sei es nicht die Untreue, sondern die Gewalt gewesen, die zur Trennung geführt habe. Die Philippinen sind sehr katholisch und eines der wenigen Länder der Welt, die Scheidung verbieten. Die meisten Paare bleiben verheiratet, auch wenn sie getrennt sind.
«Ich bereue nichts», sagt Rosales. «Ich hatte diesen Traum von einem guten Ehemann. Meine Verwandten haben gute Ehemänner, obwohl die Männer Seefahrer sind. Aber ich hatte nicht genug Glück.»
Eine andere Seemannsfrau erzählt, sie habe die Gruppen auf Facebook alle verlassen. Zu viel Drama: Sie müsse ihre Probleme nicht ständig mit anderen vergleichen.
Danielle Andal, 27, sitzt in ihrem Wohnzimmer in Dasmariñas, einem Vorort von Manila. Ein Karaoke-Mikrofon klemmt im Spalt zwischen den Sofakissen, ihr Mann Harold räumt zwei Dosen Bier vom Tisch. Harold, 32, ist gerade auf Urlaub zu Hause. Danielle Andal sagt: «Wenn ich durch die Gruppen scrolle, sehe ich: Anderen geht es auch so, es bin nicht nur ich. Mir hat das sehr geholfen.»
Harold sagt: «Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich mit mir einlässt.»


«Ich habe viel geweint»

Danielle und Harold haben sich als Teenager über Facebook kennengelernt. Mit 16 wurde sie schwanger. Er war da bereits ein Seefahrer. «Er war nicht hier bei der Geburt. Ich habe viel geweint, ich wusste nicht, wie ich mit dem Kind alleine zurechtkommen soll», sagt Danielle. Als sie 18 wurde, heirateten die beiden.
«Unsere Beziehung war so unreif», sagt Harold. Sie sahen sich nur ein paar Wochen im Jahr. Sie telefonierten, wenn er Internet hatte. Sie kontrollierten gegenseitig ihre Facebook-Accounts, bestanden darauf, das Passwort des anderen zu wissen. Meistens hätten sie über kleine Dinge gestritten, sagt Danielle.
«Wenn die Zeit zum Sprechen begrenzt ist, dann staut sich alle Wut an. Und er weiss davon gar nichts», sagt sie.
«Wenn ihr weit weg voneinander seid, ist es anders, wenn du streitest. Es fehlt die Möglichkeit, einander zu berühren, zu umarmen, zu küssen», sagt Harold.
Danielle wollte sich trennen. Es war Harold, der sagte, er wolle die Ehe retten. «Liebe und Geduld haben gewirkt», sagt er, «Liebe für die Kinder, Geduld miteinander.» Vor vier Jahren kam ihr zweiter Sohn zur Welt. Sie streiten nur noch wenig. Danielle nervt sich einzig, wenn Harold sein tägliches Datenvolumen für Onlinespiele aufbraucht, bevor er sie anruft. Oder sie macht sich Sorgen, wenn sie ein paar Tage nichts hört, «dann werde ich paranoid», sagt sie – immer wieder werden Tanker angegriffen oder entführt, in diesen Tagen werden sie an der Strasse von Hormuz von Iran beschossen.


Ständiges Misstrauen

Harold ist in den vergangenen Jahren auf seinem Tanker zum Offizier aufgestiegen. Seine Abwesenheit ist kürzer: vier Monate, dann bis zu zwei Monate daheim. Er verdient für philippinische Verhältnisse sehr gut: bis zu 7000 Dollar im Monat.
Ein grosses Thema in den Facebook-Gruppen der Seemannsfrauen sei das Geld, sagt er, «die Frauen fragen, ob der Lohn, der ihr Ehemann schickt, tatsächlich dem entspricht, was ihm laut Rang zusteht». Nach philippinischem Gesetz müssen Seeleute ihren Lohn zu den Angehörigen transferieren – jedes Jahr fliessen so mehrere Milliarden Dollar an Überweisungen. Viele Seemänner unterhalten nicht nur ihre Frauen, sondern auch Verwandte. Nicht wenige fragen sich nach vielen Jahren auf See, was mit all dem Geld passiert ist.
Harold kennt die Geschichten und auch die Geschichten der gescheiterten Ehen seiner Kollegen. Und all die Geschichten in den Facebook-Gruppen – man wird das Gefühl nicht los, es herrsche ein ständiges Misstrauen zwischen Seemännern und ihren Frauen.
Er nehme seine Frau heute, wie sie sei, sagt Harold. Danielle sagt, sie lasse sich ungern irgendetwas sagen. Und wer mit ihnen spricht, lernt, dass so eine Beziehung schon funktionieren kann, aber sie braucht Verständnis füreinander, so viel, bis es schwer ist, es aufzubringen, und man es trotzdem tut.
Harold überweist seinen ganzen Lohn inklusive Bonus an seine Frau. Danielle verwaltet das Haushaltsbudget. «Es läuft gut», sagt sie, «wir wollen mit dem Ersparten ein kleines Restaurant eröffnen.» Sie sagt, das Ziel wäre, dass Harold nicht mehr zur See müsste. Er sagt, er sei noch jung; bis er es zum Captain geschafft habe, bleibe er.
Bald wollen sie eine Reise machen. Harold sagt, Japan sei das beste Land. Danielle hat die Philippinen noch nie verlassen. Ihre Söhne sollen keine Seefahrer werden, sondern Anwälte.


Einschübe
Lolong hat in den Philippinen einen Kuchen mit Kerzen gekauft, ihr Mann liegt in seiner Kabine und bläst in die Videokamera.